hansen & munk – der Kultur-Blog stellt sich vor

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“

Genau diesem, von Goethe seinem Mephisto zugeschriebenen Grundsatz folgt „hansen & munk – der kultur.blog für kiel und mehr“. Denn „gesittet pfui“ heißt hier Journalismus mit der Betonung auf „gesittet“, also Meinungsfreude, Gedankenschärfe, Erfahrung, Begeisterung und Fairness.

Aktuelle Artikel

Aus dem puren Leben
Flavia Coelho kam auf ihrer „Sonho Real“-Tour in die Pumpe
Kiel | 1.12.2016 | von Jörg Meyer: Von Wirbelwind mag man eigentlich nicht sprechen, auch wenn die aus Brasilien stammende Sängerin Flavia Coelho ein solcher ist. Aber die Reggae-Beats sind am Beginn ihres Auftritts im Roten Salon der Pumpe mit Songs von ihrem neuen Album „Sonho Real“ so lässig federnd, dass man sich eher auf einen tropischen Hauch, denn auf Stürmisches einstellt. Weiterlesen →

Nordische Farben des Gefühls
Kari Bremnes begeisterte mit ihren neuen Klangfarben in der Halle400
Kiel | 28.11.2016 | von Jörg Meyer:
 Die norwegische Singer-Songwriterin Kari Bremnes ist seit 30 Jahren auf der Bühne und wird in wenigen Tagen 60. Von Alterswerk indes keine Spur in der Halle 400, wo sie das Publikum mit ihren neuen, noch unveröffentlichten Songs zu Applausstürmen hinriss. Weiterlesen →

Der Ritter mit Gummistiefeln und Salatsieb
„Don Quijote“ als ausgelassenes Kinderstück im Jungen Theater im Werftpark
Kiel | 27.11.2016 | von Christoph Munk:
Das Kindertheater im Kieler Werftpark hat sicherlich sein schönstes Ziel erreicht, wenn die kleinen Zuschauer gleich nach Hause rennen, um die Geschichte von „Don Quijote“ selbst nachzuspielen. Gunilla Hällströms Inszenierung ist jedenfalls voll von Anregungen und Ermutigungen, denn sie erzählt, wie jeder zu einem Abenteurer und Ritter in seiner eigenen Welt werden und dabei ganz viel Spaß haben kann. Weiterlesen →

Seltsame Tüten und mysteriöse Geschenke
Familientreffen der Solo-Spieler in Kiel – Ein subjektiver Rückblick auf „Thespis 10“
Kiel | 23.11.2016 | von Christoph Munk: 
Aus bewusstem zeitlichen Abstand lassen sich die Erinnerungen an das 10. Internationale Monodramafestival „Thespis“ leichter ordnen: Was war, was verblasst, was bleibt? Ein Rückblick aus Sicht eines Jury-Mitglieds. Weiterlesen →

Hier geht es zu den älteren Artikeln →

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Aus dem puren Leben

Flavia Coelho kam auf ihrer „Sonho Real“-Tour in die Pumpe

Von Jörg Meyer

Kiel. Von Wirbelwind mag man eigentlich nicht sprechen, auch wenn die aus Brasilien stammende Sängerin Flavia Coelho ein solcher ist. Aber die Reggae-Beats sind am Beginn ihres Auftritts im Roten Salon der Pumpe mit Songs von ihrem neuen Album „Sonho Real“ so lässig federnd, dass man sich eher auf einen tropischen Hauch, denn auf Stürmisches einstellt.

Zwischen Rio und Ragga - Flavia Coelho (Foto: www.facebook.com/flaviacoelho.officiel)

Zwischen Rio und Ragga – Flavia Coelho (Foto: www.facebook.com/flaviacoelho.officiel)

Selbst in den sanfteren Songs, wo das nur unzureichend mit „Weltschmerz“ übersetzbare Gefühl der „Saudade“ die Ausgelassenheit milde dämpft. Etwa in einem Song, den Coelho ihrem Vater widmet – wo die Beats mal schweigen, Begleiter Victor Vagh vom Electro-Beat-Keyboard zur schwermütig geblasenen Harmonika wechselt und Coelho ihren Gesang nur auf der Gitarre begleitet. Natürlich ist auch das dem puren Leben abgelauscht, dem sie in „Pura Vida“ eine tanzbare Hymne singt. Wobei Tanzen hier auf dem Boden des Roten Salons zunächst immer noch eher locker Wippen heißt.

Aber Flavia Coelho hat noch weit Wilderes im Gepäck, wo sich das anfängliche Bild vom Wirbelwind umso mehr aufdrängt – besser: direkt in die Beine fährt. Bei „Paraiso“ nämlich, das ihre Begleiter in glühenden Calypso-Sound tauchen, springt der Tanzfunke endgültig über, und das Publikum gerät beinahe in Karnevalsstimmung. Wobei, wie die Sängerin uns ein bisschen ins Nähkästchen ihres Stilmixes schauen lässt, ihre Geburtsstadt Rio vom Temperament her noch um einiges wilder sei als der Nordosten Brasiliens mit seinem entspannteren Ragga-Muffin-Gefühl. Wie auch immer, Flavia Coelho verbindet beide Pop-Traditionen zu einem ungemein lebendigen „Sonho Real“, der in der Pumpe auf offene Ohren und bewegte Beine trifft.

Infos: www.facebook.com/flaviacoelho.officiel

Veröffentlicht unter Konzerte, Rock/Pop | Hinterlasse einen Kommentar

Nordische Farben des Gefühls

Kari Bremnes begeisterte mit ihren neuen Klangfarben in der Halle400

Von Jörg Meyer

Kiel. Die norwegische Singer-Songwriterin Kari Bremnes ist seit 30 Jahren auf der Bühne und wird in wenigen Tagen 60. Von Alterswerk indes keine Spur in der Halle 400, wo sie das Publikum mit ihren neuen, noch unveröffentlichten Songs zu Applausstürmen hinriss.

Kari Bremnes (Foto: Øyvind Toft)

Kari Bremnes (Foto: Øyvind Toft)

Legen wir mal all das beiseite, was wir von ihr wissen, dass man sie (zurecht) mit Joni Mitchell vergleicht (Björk könnte man neuerdings hinzunennen), dass sie den vor kurzem verstorbenen Leonard Cohen als wesentlichen Einfluss nennt, dass ihre Alben in Plattenläden eher unter „Jazz“ einsortiert werden, weil Schubladen halt sein müssen. In der fast vollbesetzten Halle400 könnte sie mit ihrer Band auch unter Electropop, sogar Rave firmieren, wie viele Songs beweisen, die auf das neue Album sollen, das noch nicht im Studio aufgenommen wurde. Alte nicht minder, die auf das Neue bereits verweisen.

Jeder Stimmungslage der Songs derer, die sich nicht mehr auf nordische Melancholie (obwohl die immer noch in manchem Moll-Ton eine Rolle spielt) festlegen lassen will, ist eine Farbe zugeordnet: Blau steht für den „Blue Mood“ wie im sanften Opener „Det Kunne Skjedd“. Es folgt ein frühlingsfrohes Grün in „Glem Ikkje“. „Ich möchte die leichteren Tage umarmen“, schickt die Sängerin diesem Lied voran, wozu auch gleich der Electrobeat einstimmt. Blutrot pulst das Herz in „Det Einaste Vi Ville“, einem Song über das (doch nie) Erwachsenwerden.

Orange steht für den Sommer, jenseits des schweren Balladentons flinkere Beats anstimmend in „Glem Ikkje“, wo sie, wie sie in der Anmoderation vermeldet, die „easy Days umarmen“ will. Allein, es gibt ja Leute, den Tante-Emma-Laden-Besitzer, der die Kontrolle nur mühsam aufgibt. In „Det Må Væere Orden – Das muss in Ordnung sein“ portärtiert Bremnes liebevoll solchen, für den jeder Kunde nur Unordnung in den Laden bringt. Bild für die eigene Kunstordnung und Neuverortung? Wenn ja, dann sehr augenzwinkernd und violett beleuchtet, weil zwischen Blau und flammendem Purpur.

Mit letzterem beleuchtet Bremnes „Skrik – der Schrei“, benannt nach Edvard Munchs gleichnamigem Gemälde – und dessen Gefühl unbändiger Angst vor der Existenz. Dagegen hilft nur das ravige „Kanskje – Vielleicht“, in dem lange befreundete Liebende doch noch auf Erfüllung hoffen dürfen. Und ins Türkis legt Kari Bremnes am Ende ihre „Spor – Spur“, auf der ihr das Publikum begeistert folgt, Zugaben wie „E Du Nord?“ fordernd.

Veröffentlicht unter Jazz, Konzerte, Singer/Songwriter | Hinterlasse einen Kommentar

Der Ritter mit Gummistiefeln und Salatsieb

„Don Quijote“ als ausgelassenes Kinderstück im Jungen Theater
im Werftpark

Von Christoph Munk

Kiel. Es ist doch ganz einfach: Das muntere Mädchen mit den Gummistiefeln an den Füßen, dem Ringel-T-Shirt und dem roten Röckchen, mit der vorwitzigen Brille und der lustigen Zahnlücke wird ganz schnell zu Don Quijote, dem Helden aus Miguel de Cervantes berühmtem Roman. Schließlich, so erzählt die Bühnenfassung von Christoph Busche, besitzt sie ein großes Lieblingsbuch, in dem die spannenden Geschichten des legendären Spaniers in aufregenden Bildern dargestellt sind. Was liegt näher, als die Abenteuer einfach nachzuspielen. Ist doch alles da, was man dazu braucht: Aus Mamas Salatsieb wird ein Helm, aus einem Blechuntersatz eine Rüstung. Und auf der Leiter kann man so stolz reiten, wie es einst der Ritter auf seiner Rosinante tat.

Ein Buch mit Bildern als Quelle der spielerischen Fantasie: Pia Leocadia spielt Dan Quijote. (Fotos Struck)

Ein Buch mit Bildern als Quelle der spielerischen Fantasie: Pia Leokadia spielt Don Quijote. (Fotos: Struck)

Nichts ist unmöglich auf diesem Spielplatz, den Günter Hans Wolf Lemke einem herrlich unaufgeräumten Hinterhof nachempfunden hat, damit die Regisseurin Gunilla Hällström dort Räume und Gelegenheiten für ihre sprühenden Einfälle findet. In Kisten liegt ganz viel Zeug herum, in einer Röhre kann man brauchbare Sachen finden. Und der Junge von nebenan ist schnell überredet, einfach mitzumachen und nicht nur seinen Hunger zu stillen. Er ist ein bisschen ängstlicher und nicht so ganz schnell im Kopf. Also wird er zum Knappen Sancho Panza ernannt, darf aber später auch der König sein oder in die Rolle der schönen Dulcinea schlüpfen.

Sebastian Kreuzer spielt diesen Sancho Panza sympathisch neugierig und fabelhaft begriffsstutzig. Mit ihm können die jungen Zuschauer auf den Sitzbänken im kleinen Saal des Werftparktheaters lernen, was man aus Alltagsgegenständen und ganz gewöhnlichen Ereignissen zaubern kann, wenn man die Fantasie blühen lässt. Pia Leokadia jedenfalls führt mit erfrischender Spielfreude ein kindliches Gemüt vor, in dessen Blick sich die Wirklichkeit geheimnisvoll verwandelt. So werden etwa Spaghetti zu Wüstenmehlwürmern, Möwen zu gefährlichen Seeadlern, ein alter Farbeimer taugt als Krone, eine Gurke als Zepter. Und später kapiert auch Sancho, wie man in einem Plüschpantoffel ein niedliches Kätzchen sehen kann.

Wer Fantasie hat, kann mit allen Waffen kämpfen: Szene mit Pia Leokadia und Sebastian Kreuzer.

Wer Fantasie hat, kann mit allen Waffen kämpfen: Szene mit Pia Leokadia und Sebastian Kreuzer.

„Jeder kann sein, was er will!“ Das ist eine der beglückenden Botschaften, die dieses ausgelassene Kinderstück mit Heiterkeit und spielerischer Eleganz transportiert. Aber es zeigt auch, dass in scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten die Möglichkeiten zu großen Erlebnissen schlummern. Und dass – unabhängig von der Spielzeug-Industrie – die Kraft der Fantasie aus geringen Mitteln immense Reichtümer schaffen kann. Bücher, wie zum Beispiel eins mit verlockenden Bildern und Geschichten von Don Quijote, können dafür die ewig sprudelnde Quellen bilden. Der Weg dorthin lässt sich dank der munter gesungenen und aufgekratzt gespielten Bühnenfassung des Romans im jungen Theater im Werftpark leicht finden.

Info und Termine: www.theater-kiel.de

Veröffentlicht unter Schauspiel | Hinterlasse einen Kommentar

Seltsame Tüten und mysteriöse Geschenke

Familientreffen der Solo-Spieler in Kiel – Ein subjektiver Rückblick auf „Thespis 10“

Von Christoph Munk

Kiel. Lichter sind erloschen, die fremdsprachigen Stimmen verstummt, die Kostüme verpackt, die Spieler abgereist, zurück in ihrer Welt. Kiels Theaterszene darf sich wieder mit sich selbst beschäftigen. Denn das Internationale Monodramenfestival „Thespis“ ist vorbei, seine 10. Ausgabe, das Jubiläum abgefeiert. Nach ein paar Tagen Abstand klären sich die Eindrücke zu Erinnerungen. Was bleibt von dem, was geschah? Was wird versinken? Was lohnt sich, festzuhalten?

Preisträgerin: Nozomo Satomi mit „A Life in my Bag" (Fotos Thespis)

Erste Preisträgerin: Nozomi Satomi mit „A Life in my Bag“ (Fotos: Thespis)

Jolanta Sutowicz, die wunderbare Gründerin und Direktorin, die Seele dieses Theaterfestes, hatte mich wieder in die Wettbewerbs-Jury berufen – eine Ehre und auch eine Belastung. Denn zur Neigung, allein aus purer Neugierde die Aufführungen zu besuchen, kommt dann die Pflicht, immer dabei zu sein, um Vergleiche herzustellen und Urteile in Wertungen umzumünzen. Aber es bereitet auch Lust, in der Auseinandersetzung mit den anderen Juroren, den eigenen Standpunkt zu überprüfen, die Argumente zu schärfen und überzeugende Begründungen zu finden. Die Anderen das waren Jutta Hagemann, ehemalige Disponentin des Kieler Schauspiels, Kurt Egelhof, Regisseur, Schauspieler und Produzent aus Kapstadt, und Pip Utton, Schauspieler, Autor, Regisseur aus England und vertrauter Thespis-Gast.

Acht Augen, vier Köpfe – eine Meinung

Ich verrate nicht zu viel aus den vertraulichen Jury-Beratungen, wenn ich berichte, dass den Erörterungen der möglichen Preisträger in den meisten Fällen intensive, sachliche Einzeldiskussionen vorausgingen, dass wir aber unsere Entscheidungen in großem Einvernehmen fällen konnten. Manchmal waren wir erstaunt, wie schnell und klar unsere Eindrücke übereinstimmten. Wir hatten mit acht Augen gesehen, mit vier Herzen empfunden und mit vier Köpfen nachgedacht. Und doch fanden wir uns rasch auf einem gemeinsamen Weg der Urteilsfindung.

Wen wundert’s: Den Preisentscheidungen der Jury folgen darum auch meine Gedanken an die Höhepunkte dieses 10. Thespis-Festivals. Eine Erfrischung am Sonntagmittag der Auftritt der Japanerin Nozomi Satomi, die allen Ernstes nicht weniger als „A Life in my Bag“ erzählt und dazu kein gesprochenes Wort braucht, weil ihr Körper dank ihrer pantomimischen Fantasie Bände spricht: Wie sie in einer Art „Verkündigung“ einen Papierumschlag erhält, wie sie darin hineinschlüpft, um daraus geboren zu werden, wie sie sich befreit und Individualität gewinnt – das ist von wundersam verspielter Klarheit. Und dann steckt ihr Kopf erneut in einer Tüte. Und wieder erobert sie sich ohne Blickkontakte ihr Terrain und knüpft spielerisch Beziehungen. Schließlich, entlang eines roten Fadens, folgt sie ihrer Lebenslinie, um – alt geworden – ihr Ende zu finden. So spannt Nozomi Satomi von der Geburt bis zum Tod einen weisen, heiteren Bogen, einsichtsvoll und gelassen.

Erlöst aus der Gefangenschaft der Wörter

Ein Preis für großes Körpertheater: Laser Khasep mit „Mysterious Gift".

Ein erster Preis für großes, beklemmendes  Körpertheater: Yaser Khaseb mit „Mysterious Gift“

In allergrößte Spannung versetzt sich und damit auch seine Zuschauer der Iraner Yaser Khaseb, den Jolanta Sutowicz mit seiner Produktion „Mysterious Gift“ endlich und im letzten Moment für ihr Festival gewinnen konnte. Reines Körpertheater auch bei ihm: Wie aus einem hilflosen Bündel am Boden erhebt sich langsam eine menschliche Figur. Kaum hat sie sich den aufrechten Gang erobert, empfängt sie ein Geschenk: Khaseb greift in den geheimnisvollen Sack, der sich von der Decke senkt, und sieht sich plötzlich mit einer Puppe konfrontiert, die in seinem Arm ein eigenes Leben gewinnt. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, befremdend, angsterregend, atemberaubend – eindrucksvoll, jenseits aller Sprachbarrieren.

Aus der Gefangenschaft ihres gesprochenen Textes befreite sich auch Elena Dudich aus Weißrussland, als sie mit sparsamen, aber einprägsamen Gesten ihre moderne, postsowjetische Romeo-und-Julia-Geschichte erzählte, Teil 1 von „Secondhand Zeit“, zwei Monologen nach dem Buch von Swetlana Alexijewitsch. Da verdichtete sie die bitteren Erfahrungen einer jungen Frau in sparsame und sorgfältig gewählte und darum vielsagenden Aktionen und Bewegungen. Töne und Gesichter. Hier wurde wirksam demonstriert, wie vielsagend sein Solospieler agieren kann, auch wenn Inhalte nicht den Weg über das gesprochene Wort finden. Dagegen überwanden einige andere Produktionen nur schwer die Barriere der fremd klingenden Sprache, so der Ire Donal O’Kelly mit seinen nur wenig ins Szenische aufgelösten Monologen „Fionnuala“ und „Hairy Jaysus“.

Dazwischen blitzten vereinzelt theatralische Lichter auf: die hochdisziplinierte Präzision von Rebecca Vaughan, mit der sie sich in das charaktervolle Königinnenbild „I, Elizabeth“ zwängte. Oder die Spielfreunde der Algerierin Souad Janati, mit er sie in „Mira“ ein Frauenleben vor dem Hintergrund der bewegten Geschichte ihres Landes schilderte. Oder Mateusz Nowaks Anstrengung in „Von vorne und von hinten“, mit wechselnden Figuren eine Epoche der polnischen Historie nachvollziehbar zu machen.

Erfahrungsaustausch, Netzwerke, Freundschaften

Als Mitglied der Jury nicht im Wettbewerb: Kurt Egelhof mit „For Generations"

Als Mitglied der Jury nicht im Wettbewerb: Kurt Egelhof mit „For Generations“

Und nachhaltige Erinnerungen hinterließen auch die Auftritte meiner Jury-Kollegen Pit Utton mit seinen raffiniert hintergründigen Porträts „Playing Maggie“ und „Adolf“ oder der Südafrikaner Kurt Egelhof mit der dynamisch bilderstarken Darstellung seiner Familiengeschichte: „For Generations“. Für eine Auszeichnung kamen sie selbstverständlich nicht in Frage. Aus der Wertung nahm die Jury darüber hinaus zwei Produktionen, weil sie nicht in die Kategorie Solo passten: Auf eine Beurteilung der fabelhaften belgischen Performance-Künstlerin Kristien de Proost mit „On Track“ verzichteten die Juroren schweren Herzens, auf eine Bewertung des Star-Auftritts von Philipp Hochmair mit „Jedermann Reloaded“ eher erleichtert.

„Thespis 10“ – das war nach meiner Wahrnehmung nicht nur eine Reihung solistischer Darbietungen, sondern das Jubiläums-Festival entwickelte sich zwischen den Aufführungen wieder einmal zu einem großen Treffen der kosmopolitischen Monodrama-Familie, die stetig wächst, sich mit den Zeiten verwandelt und doch kollegial zusammen hält. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht, Kontakte geknüpft, Freundschaften angebahnt und verzweigte Netzwerke gebildet. Hier wurde unmittelbar nach dem Fest mit Vorfreude das Signal wahrgenommen, das Jolanta Sutowicz an ihre weltweite Gemeinde schickte: „Danke! Und jetzt bereiten wir Nr. 11 vor.“

Die Preisträger bei „Thespis 10“

1. PREIS DER FESTIVALJURY (ex aequo
Nozomi Satomi  A LIFE IN MY BAG | Japan
Yaser Khaseb  MYSTERIOUS GIFT | Iran
Elena Dudich  SECONDHAND TIME | Belarus

BESONDERE ANERKENNUNG
Rebecca Vaughan  I, ELIZABETH | Great Britain
Souad Janati  MIRA | Algeria
Mateusz Nowak  FROM THE FRONT AND FROM BEHIND | Poland

PREIS DER FESTIVALDIREKTOREN
Stephen Ochsner  THE MAXIMS OF PETER POCKET | USA/Armenia

PREIS DER FESTIVAL-ORGANISATION
Vladimir Petrovich  SECONDHAND TIME | Belarus

Weitere Infos: www.thespis.de

Veröffentlicht unter Schauspiel | Hinterlasse einen Kommentar

Dreimal Saalberg

Veranstaltungs-Trio für den Dichter Christian Saalberg
zu seinem 90. Geburtstag

Von Jörg Meyer

Kiel. Am 10. Dezember wäre der am 25. Mai 2006, ein halbes Jahr vor seinem 80. Geburtstag, verstorbene Dichter Christian Saalberg 90 geworden. Nicht nur die runden Daten bewogen Saalbergs – im so genannt bürgerlichen Leben Dr. Christian Rusche, Rechtsanwalt und Notar, geboren in Hirschberg/Riesengebirge – Tochter Viola Rusche, ihm schon 2008 mit dem von der Kulturellen Filmförderung S.-H. geförderten Dokumentarfilm „Amor Vati“ ein Denkmal zu setzen: Zu sehen am Dienstag, 6.12., 19 Uhr in der Reihe FilmFörde im Kulturforum.

Christian Saalberg und seine Tochter Viola Rusche (Foto: privat)

Christian Saalberg und seine Tochter Viola Rusche (Foto: privat)

Vom 28.11. bis 11.12. liest Viola Rusche am Literaturtelefon Kiel unter der Rufnummer 0431/901-8888 und auf www.literaturtelefon-online.de Gedichte aus den Bänden „Vom Leben besiegt“ (1997), „Hier wohnt Keiner“ (2003) und „Offenes Gewässer“ (2005). Und am 11.12., 11 Uhr, lesen Rusche und der Berliner Lyriker Andreas Altmann bei einer „Gedenklesung“ im Literaturhaus aus seiner Lyrik.

Das Pseudonym „Saalberg“ leitet sich von dem gleichnamigen Ort (heute polnisch: Zachelmie) im Riesengebirge her, in dem Saalberg glückliche Kindheitstage verbrachte. Saalberg ist einer jener Dichter, die zu Lebzeiten immerhin 23 Bände veröffentlichten, mehrfach preisgekürt (u.a. Lenau-Preis, Ehrengabe zum Andreas-Gryphius-Preis, Eichendorff-Preis) – ein Band wurde postum veröffentlicht, ein weiterer Kompilations-Band ist für 2017 geplant –, aber sich in ihrer Unbeachtetheit ganz bewusst abschieden. Denn auch das gehört zur und adelt die Dichtung, dass sie nicht oder nur in Fachkreisen gehört wird.

Chritian Saalberg (Foto: Viola Rusche)

Christian Saalberg (Foto: Viola Rusche)

Wie unfreiwillig und doch gewollt das bei Saalberg war, beweist Rusches Dokumentarfilm „Amor Vati“ (der Titel nimmt Bezug auf Saalbergs Verballhornung des Nietzsche-Spruchs „amor fati – Liebe zum Schicksal“), der den Dichter in seinen letzten Jahren zeigt.

Saalberg selbst tippt am Anfang des Films eines seiner Epitaphe in die Schreibmaschine: „Das war mein Tag | Bin aufgestanden habe gegurgelt | habe mich rasiert | Sah am Fenster wie ein Geschoß vorüberflog | Das war die Sonne | Das war mein Leben | Das ich noch einmal sehen kann | bevor morgen ein Stein | meinen Namen trägt.“

Veröffentlicht unter Kino, Lesungen, Termin-Tipps | Hinterlasse einen Kommentar

Aus und in den Händen der Musik

Die Konzertreihe Neue Musik Eckernförde war in der
„Langen Nacht der Musik“ performativ poetisch

Von Jörg Meyer

Eckernförde. Der Name klingt nach Musik, doch Francisco de Goyas „Los Caprichos“ waren 1799 ein Zyklus von Radierungen, die den revolutionären Zeitgeist kritisch überzeichneten. Tobias Klich, einer der fünf Komponisten und ehemals Stipendiaten im Eckernförder Künstlerhaus, die bei der „Langen Nacht der Musik“ und im fünften und letzten Teil der diesjährigen Konzertreihe „Neue Musik Eckernförde: Werke – Wirkung – Relevanz“ ihre Stücke vorstellten, montiert in seiner Video-Klang-Performance „Goyas Hände“ grafische Elemente aus dessen Zyklus und übersetzt sie in Musik auf der Gitarre.

Als Stipendiaten des Künstlerhauses Eckernförde waren sie schon mal hier – die Neue-Musik-Komponisten (v.l.) Tobias Kliche, Cheng-Wen Chen, Farzia Fallah und Gerald Eckert. Foto ögyr

Als Stipendiaten waren sie schon mal hier – die Neue-Musik-Komponisten (v.l.) Tobias Klich, Cheng-Wen Chen, Farzia Fallah und Gerald Eckert (Foto: ögyr)

Neue Musik bezieht sich oft auf Außermusikalisches, übersetzt fremde Räume, Zeiten und Bilder in ihren Klangkosmos. Klichs Werk, das Goyas expressiv gezeichnete Hand-Gesten – betend, um Hilfe flehend, sich die Mörder im stummen Schrei vom Leibe ringend – als eine Art Anleitung für die Bewegung der Hände auf den Gitarrensaiten nimmt, ist dabei ebenso beeindruckend wie Gerald Eckerts Video-Musik-Montage „Brandung“. Die empfängt Zuhörer und -schauer schon vor Konzertbeginn im Dunkel der St. Nicolai-Kirche: Kaum Licht, nur (elektronischer) Klang, aber doch in beiden poetisches Brausen der Brandung am hiesigen Strand.

Der aus Taiwan stammende Komponist Cheng-Wen Chen widmet sich in „Chin-Ko-Chi III“ der Liedtradition seiner Heimat. Solche in elektronischen Samples aufscheinend, lässt er die Bassflöte (Beatrix Wagner) die Melodie atmen und „röcheln“, weil ja Musik nur ein Echo sein kann und soll. Wessen? Einer blühenden „Orchidee“ im gleichnamigen Stück für Cello (Gerald Eckert) und Live-Elektronik. Letztere verechot den Klang leiser Flageoletts und ungestümer Ausbrüche des Cellos im Raum, umschwirrt uns Zuhörer damit, die wir im Zentrum des Klangs sitzen.

Oder inmitten eines uns zugeflüsterten Poems des Dichters Sohrab Sepehri, das die iranische Komponistin Farzia Fallah in „Posht-e Hichestan“ ebenso herüberwehen, wie von der lyrischen Flöte dekonstruieren lässt. In den Händen der Neuen Musik ist Poesie nochmal ganz anders klingend, fremd und zugleich um das Vertrauen der Hörer in ihr eigenes Empfinden werbend – sei es bei José Maria Sánchez-Verdùs „Deploratio II“ oder in Eckerts jüngsten Werken „fuori“ und „Interception“. Die Neue Musik ist hier mit Händen (be-) greifbar in ihrer Erforschung von Raum, Zeit, Poesie und Klang – mit Gesten, wie sie einst Goya zeichnete.

Veröffentlicht unter Konzerte, Neue Musik | Hinterlasse einen Kommentar

Man sollte sein Fettgewebe mit Stolz tragen

Die Bühnenfassung von Ildikó von Kürthys „Mondscheintarif“
bei den Komödianten

Von Hannes Hansen

Kiel. Einer Tatsache ist sich die ihrem Namen alle Ehre machende Cora Hübsch sicher: Verliebte Frauen hocken bangend und zitternd am Telefon, warten verzweifelt auf einen Anruf des Geliebten und sind unfähig, die zäh sich dahin ziehende Zeit mit etwas Sinnvollem zu füllen. Männer dagegen fackeln nicht lange, sondern machen sich an die Arbeit. Steuerklärung, Holzhacken, irgendetwas, um die Minuten und Stunden des Wartens nicht nutzlos verstreichen zu lassen. Sagt Coras Busenfreundin Jo, und die toughe Frau muss es ja wissen. Besser jedenfalls als Cora.

Kieler Theater Die Komödianten: Mondscheintarif mit Sina Schulz.

Kennt die Männer und leidet trotzdem: Sina Schulz in „Mondscheintarif“ (Fotos: Eisenkrätzer)

Ein Klischee natürlich, wie wir Männer aus leidvoller Erfahrung nur allzu gut wissen. Ein Klischee, das Britta Fochts und Neidhardt Nordmanns Bühnenfassung von Ildikó von Kürthys Roman „Monscheintarif“ zuerst lustvoll bedient, dann aber listig auflöst.

Auf der von Bruno Giurini sparsam und andeutend eingerichteten Bühne der Komödianten ist Sina Schulz diese Cora. Dreiunddreißig Jahre alt, ist sie kein Dummchen, kein verschüchtertes Mädchen. Die Frau mit Lebenserfahrung kennt die Männer. Sagt sie und kräht selbstbewusst in die Welt: „Man sollte sein Fettgewebe mit Stolz tragen.“ Einerseits. Aber warum – andererseits – hockt sie nun am Telefon und zermartert sich das Gehirn? Fragt sich, warum „Danni-Schatzi“, in den sie sich nach einer ersten gemeinsamen Nacht Hals über Kopf verliebt hat, nicht anruft? Weil sie Waden hat, „die jede für sich allein überleben würde“, ihr Bauch zu rund, der Po zu dick ist?

Man sieht schon, allzu weit ist es mit der Gefühlsautonomie Coras nicht her. Und so zittert sie sich dann zum unerwarteten Ende, bei dem dann doch noch alles, alles gut wird. Wirklich.

Kieler Theater Die Komödianten: Mondscheintarif mit Sina Schulz.

Großer Aufwand an Stimme und Spiel: „Mondscheintarif“ mit Sina Schulz

Unter Christoph Munks Regie der romantischen Ein-Personen-Komödie zieht die Hamburger Schauspielerin Sina Schulz alle Register ihrer Darstellungs- und Gesangskunst und sich dabei mehr als achtbar aus der Affäre. Sie barmt und kreischt, zittert und jubelt und tut dabei in Mimik, Gestik und Stimmaufwand manchmal zu viel. Aber vielleicht soll das so sein, vielleicht nähert die Regie das Stück mit Bedacht dem Schwank, der Sitcom an, um die heutzutage reichlich betulich wirkende Komödie über die Frau in ihrem Widerspruch an und gegen sich mit ihrem dem Gefühlskitsch nicht allzu fernen Ende spottlustig aufzubrechen.

Kieler Theater Die Komödianten: Mondscheintarif mit Sina Schulz.

Momente der Revue: „Mondscheintarif“ mit Sina Schulz im Theater Die Komödianten

Dafür spricht, dass Christoph Munk mit den beachtlichen gesanglichen Fähigkeiten von Sina Schulz, die außer ihrer Schauspiel- auch eine Musical-Ausbildung hat, auf die Tube der romantischen Ironie drückt. Die Revue ist bei diesem Regisseur ja nie fern und so lässt er seine Heldin mit Stevie Wonders „I just called to say  I love You“ und Roy Orbisons „Pretty Woman“ schmachten, mixt Kitsch von Wolfgang Petry und Coolness von DJ Ötzi in die musikalische Melange und würzt mit Brahms volksmusikalisch nach. Und wenn man gerade denkt, nun habe man aber genug von der Hausmannskost aus der emotionalen Wärmestube, versalzt – oder besser gesagt versüßt – er dem Zuschauer die Suppe mit einem Song aus „Der kleine Horrorladen“, der Cora sich eine Rolle als – wohlgemerkt gut betuchtes – Heimchen am Herd wünschen lässt und mit der Zeile „Gehäkelte Gardinen selbst auf dem Gästeklo“ den Gefühlskitsch in Hohn umschlagen lässt und die Chose als Farce entlarvt. Eine Farce, in der sich Sina Schulz’ Cora mehr recht als schlecht durch ihr hoch wogendes Liebesleben schlägt. Immerhin, ihre Heldin opfert die Inszenierung nicht der Häme, sondern lässt sie mit liebevoller Ironie ihr so gar nicht in die Zeit allgemeiner Coolness passendes Gefühlschaos durchleiden. Andererseits: Ende gut, alles gut? Na ja.

Info und Termine: www.komoediantentheater.de

Veröffentlicht unter Schauspiel | Hinterlasse einen Kommentar

Blutsbrüder des Delta-Blues

Brother Dege & the Brotherhood of Blues ließen im KulturForum den Mississippi rauschen und rocken

Von Jörg Meyer

Kiel. Ein Zug rauscht akustisch durchs KulturForum – Soundtrack für einen, der nicht erst durch seinen Soundtrack zu Quentin Tarantinos Südstaaten-Opus „Django unchained“ bekannt wurde: Brother Dege aka Dege Legg begrüßt das Kieler Publikum mit einem „Moin Moin!“, das so erdig herzhaft ist wie sein Delta-Blues, den er zunächst solo zelebriert, dann mit seinem Trio the Brotherhood of Blues.

Brother Dege mit seiner singenden Drobo (Foto: Magnetic Music)

Brother Dege mit seiner singenden Drobo (Foto: Magnetic Music)

„Eigentlich bin ich ja mit Rock’n’Roll aufgewachsen“, erzählt Dege über seine Jugend im tiefsten Louisiana. „Dann entdeckte ich aber, dass die Älteren es echt drauf hatten.“ Gemeint ist der urtümliche Delta-Blues mit seinen Slide-Gitarren, die ruhelos rauschen wie am Grund des Mississippi die Steine und rollen wie die Züge auf den endlosen Gleisen des Lebens. Unwillkürlich entstehen solche filmischen Bilder im Kopf des Zuhörers, wenn Deges bebende Slides auf der Drobo die Tränen des „Girl Who Wept Stones“ geradezu auf der eigenen Haut spürbar werden lassen und der satt einsetzende Beat der Stomp-Box zu Deges Füßen das Herz umso blutiger in der Brust schlagen lassen.

„Ist ziemlich depressiv, oder?“, fragt Dege in die Runde. Ja, so ist es, aber soll auch so sein, denn das ist die alte Seele des Blues aus dem Delta, die noch herzzerreißender „jault“, wenn der sich nun hinzugesellende Bluesbrother Tom Portman den Bottleneck über die Saiten der waagerecht vor seinem Bauch hängende Gitarre gleiten lässt. Das „Sliding“ lässt die Gitarren singen wie eine menschliche Stimme: „Why do you keep me waitin’ so long?“, fragt sie immer wieder, ohne Antwort zu bekommen.

Die geben Brother Dege und seine um Kent Beatty am dampfenden E-Bass und Greg Travasos auf den nervös tickenden Drums vervollständigte Brotherhood of Blues nach der Pause in gänzlich anderem Sound. „Revolution“ heißt der erste Song des nun folgenden zweiten Sets nicht von ungefähr. Ab jetzt wird im Delta nicht mehr nur gebluest, sondern vor allem gerockt. 90 Minuten nonstop entfacht das Quartett im träge fließenden Mississippi manche Sturzbäche und Stromschnellen. Bei Stücken wie „One Grey Morning“ oder „Judgement Day“ tauscht Dege seine Drobo gegen eine E-Gitarre, und wir erinnern uns: Eigentlich stammt er ja vom Rock’n’Roll.

Letzterer bleibt aber ein Blutsbruder des Blues, und so greift Dege für „Pay No Mind“ wieder zur Drobo, um sich mit Portman ebenso wilde wie ausgedehnte Slide-Gefechte zu liefern, die in „Too Old To Die Young“, dem klangbild-mächtigen Titelstück aus dem „Django unchained“-Soundtrack kulminieren. Ein einziges Brodeln des Delta-Blues, angetrieben vom Rock’n’Roll, das am Ende dieses famosen Slide-Surfings durch den „Old Man River“ wie ein Resümee steht: Nämlich dass der archaische Delta-Blues zu alt ist, um so jung zu sterben; dass sein Blut von seinen treuen Brüdern immer noch und immer wieder zum Kochen gebracht werden kann.

Infos, Hörproben und Videos unter www.degelegg.com

Veröffentlicht unter Blues, Konzerte, Rock/Pop, Singer/Songwriter | Hinterlasse einen Kommentar

In die (Spar-) Schlitze des Kiez’ geschaut

Christian Hornungs Dokumentarfilm „Manche hatten Krokodile“
feiert Kiel-Premiere

Von Jörg Meyer

Kiel. Schon manche Dokumentarfilmer haben sich am Kiez von St. Pauli versucht. Ist ja auch kein Wunder, da laufen illustre Gestalten herum und haben noch illustrere Geschichten zu erzählen. Der aus Freiburg stammende, seit Jahren im Hamburger Karoviertel lebende Filmemacher Christian Hornung hat mit seinem Dokumentarfilm „Manche hatten Krokodile“ einen anderen Weg gesucht und damit ein kleines Filmwunder geschaffen.

Penibel wird verzeichnet, wer was in die Spardose der Kiezkneipe einzahlt. (Foto: Tamtam Film, Christian Hornung)

Penibel wird verzeichnet, … (Foto: Tamtam Film, Christian Hornung)

Hornung kam nicht einfach mit der Kamera, er hat gut ein Jahr in Kiezkneipen wie dem „Utspann“, „Kaffeepause“ oder „Hong Kong“ recherchiert – nicht nachts um halbeins, sondern „auf der Reeperbahn morgens um elf“, wie das Hamburger Obdachlosenmagazin „Hinz & Kunzt“ treffend titelte. Denn für die Kiez-Bewohner, die Angeschwemmten und dort „Hängengebliebenen“, die Ex-Luden, -Stripperinnen und -Nutten, deren Geschichten er erzählen wollte, sind die Kneipen weniger ein nächtlicher Feierort als das tägliche Zuhause. Manche hielten ihn für „einen Irren, der nur Kontakt sucht“, aber nach beharrlichen vormittäglichen Tresensitzungen fassten sie Vertrauen zu ihm und erzählten ihre manchmal haarstäubenden Geschichten – dass der ein oder andere auch „Krokodile hatte“.

So weit, so gutes Material. Nur wie bastelt man die vielen Geschichten zu einer zusammen? Eine zufällige Beobachtung brachte Hornung auf die richtige Spur: Nämlich dass in solchen „Kaschemmen“ Sparschränke hängen. Wie die Eckkneipen eine aussterbende Alltags- und Begegnungskultur sind, so auch die Sparclubs. Man steckt, was man entbehren kann, in den Schlitz und erhält es, geprüft und penibel verzeichnet vom Kassenwart, am Ende des Jahres ausgezahlt. Um es auf die Bank zu tragen oder – zumindest einen Teil – bei der gemeinsamen Feier „auf den Kopp zu hauen“.

Penibel wird verzeichnet, wer was in die Spardose der Kiezkneipe einzahlt. (Foto: Tamtam Film, Christian Hornung)

… wer was in die Spardose der Kiezkneipe einzahlt. (Foto: Tamtam Film, Christian Hornung)

Anhand der Frage, warum so gespart wird – Altersversorgung oder einfach nur Spaß, gewann der Filmemacher Zugang zu seinen Protagonisten. Gelungen ist ihm damit nicht nur ein Porträt derer, sondern einer Subkultur, die langsam aber sicher ausstirbt. Auch insofern ist sein Film „ein wahrhaftiger und sehr authentischer Dokumentarfilmgenuss, der in knapp 90 Minuten in eine Welt einlädt, in der manche sich am liebsten an früher erinnern und manche trotzig nach vorne gucken“, so das Urteil der Filmbewertungsstelle, die dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ verlieh.

Premiere hatte die unter anderem von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein geförderte NDR-Produktion im Januar beim Festival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken und lief seither bei der Hamburger Dokumentarfilmwoche und zuletzt den Nordischen Filmtagen. Nun am Sonnabend in Kiel und tags zuvor in Neumünster. Denn auch dort fühlt man sich mit Eckkneipen mit Sparschlitzschränken verbunden.

Fr, 11.11., 20 Uhr im KDW Neumünster (Waschpohl 20); Sa, 12.11., 20.30 Uhr, Kinowerkstatt der Filmwerkstatt Kiel im Kino in der Pumpe.

Infos zum Film:

Veröffentlicht unter Kino, Termin-Tipps | Hinterlasse einen Kommentar

Lange Nacht des Klangs, des Raums, des Lichts

Ein Erlebnisbericht über die Licht-Klang-Performance von
Gisela Meyer-Hahn und Duo reflexion K in der St. Nicolai-Kirche

Von Jörg Meyer

Eckernförde. Nehmen wir das mal ganz persönlich an, nicht nur als Bericht eines Kulturrezensenten. Denn der Musik- und Lichtspiel-Performance bei der „Langen Nacht der Kunst“ von der Licht-Künstlerin Gisela Meyer-Hahn zur Neuen Musik des Duos reflexion K (Gerald Eckert, Komposition, Elektronik und Cello; Beatrix Wagner, Flöte) kommt man nur berichtend kaum nahe, eher erlebend, wovon hier ein Zeugnis gegeben sei.

Schon vor St. Nicolai begrüßt mich ein bewegtes Lichtspiel in den herbstgilben Blättern der Bäume aus Rot, Grün, Blau und Gelb. „Aux mains de l’espace – aus den Händen des Raums“, so der Titel der Veranstaltung zur „Langen Nacht der Kunst“, drinnen, noch vor Beginn, rotes Streiflicht an den Gemäuern, dunkles Klanggemurmel aus Synthie-Sphären. Doch kein Halloween-Nachklapp erwartet uns, sondern ein Gesamtkunstwerk, eine Licht-Klang-Raum-Oper.

Klang- und Lichtinstallateure: (v.l.) Beatrix Wagner und Gerald Eckert (Duo reflexion K), Gisela Meyer-Hahn. (Foto: ögyr)

Klang- und Lichtinstallateure: (v.l.) Beatrix Wagner und Gerald Eckert (Duo reflexion K), Gisela Meyer-Hahn. (Foto: ögyr)

Gerald Eckerts Aux mains de l’espace“ datiert in erster Fassung von 1993. Seither hat es der Eckernförder Komponist immer wieder erweitert. Ehemals rein elektronisch, wird es hier live von Cello (Eckert) und Flöte (Beatrix Wagner) ergänzt wie von Meyer-Hahns Lichtkunst, projiziert auf den Altar und im Rund des Kirchenraums.

Jetzt geht’s los, das Licht flackert, der Altar leuchtet in wechselnden Farben. Oben drüber im linken Eck des Gewölbes manchmal ein zitternder Scheinwerfer: Gott oder Luzifer, der schon dem Namen nach Lichtträger? Oder Licht von der „Erzengelin“, als die Meyer-Hahn in ihrer hageren Gestalt und als Handwerkerin erscheint, virtuos an der Lichtklaviatur.

„Von weither zirpt grausiges Zermalmen“, dichtete ich selbst mal, nun kommt der Vers mir wieder in den Sinn, denn hier scheint er zu leuchten und zu malmen. Der Engel hoch oben auf dem Altar changiert in Licht und Farben seine Schatten. Und drunten, am Altarboden, wider- oder vorscheint die Schöpfung – „Es werde Licht!“ Doch auch der Zweifel an ihrem Klang, Raum und Licht, ob es all das gäbe, fänden wir es nicht wie hier in eigener Welt wieder.

Ich hab’ mal Physik studiert, kenne mich also aus in Raum- und Zeit-Dingen. Jetzt versuche ich, mir dieses Großwerk „anzuverwandeln“. Ich drehe Video, massenhaft Material. Später wähle ich aus wie ein Komponist, verwerfe das meiste, suche nach dem wirklichen Klang, Licht und Raum. Und finde beides in meinen klangerleuchteten Händen – „aux mains de l’espace“.

Veröffentlicht unter Konzerte, Neue Musik | Hinterlasse einen Kommentar