hansen & munk – der Kultur-Blog stellt sich vor

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“

Genau diesem, von Goethe seinem Mephisto zugeschriebenen Grundsatz folgt „hansen & munk – der kultur.blog für kiel und mehr“. Denn „gesittet pfui“ heißt hier Journalismus mit der Betonung auf „gesittet“, also Meinungsfreude, Gedankenschärfe, Erfahrung, Begeisterung und Fairness.

Aktuelle Artikel

Von Meeren und Menschen
Das internationale Meeresfilmfestival CineMare feierte eine gelungene Kiellegung
Kiel | 23.8.2016 | von Jörg Meyer: Mehr Meer geht nicht – mit dem Schifffahrtsmuseum und der Landesbibliothek als zwei direkt an der Förde gelegenen Spielorten von den sieben, in denen am Wochenende beim internationalen Meeresfilmfestival CineMare 40 Filme aus 18 Ländern gezeigt und fünf Preise vergeben wurden. Weiterlesen →

Ein Doppel, das baff macht
Die A cappella-Quartette „nur wir“ und „baff!“ trafen sich beim 17. KulTourSommer
Kirchbarkau | 22.8.2016 | von Jörg Meyer: Der Name, den sich Anne Maj Hansen (Sopran), Lilly Ketelsen (Alt), Jonathan Mummert (Tenor) und Jörgen Roggenkamp (Bass) für ihr Quartett gewählt haben, ist wirklich treffend: Völlig „baff“ ist das Publikum in der fast ausverkauften St. Katharinen Kirche in Kirchbarkau, wo „baff!“ im Rahmen des „17. KulTourSommers im Barkauer Land“ ihren außergewöhnlichen A cappella-Gesang präsentierten – zusammen mit den Kielern „nur wir“. Weiterlesen →

Diese wunderbare Harmonie schon nach wenigen Tagen
Der Dirigent Christoph Eschenbach arbeitet gegenwärtig wieder mit dem SHMF-Orchester
Büdelsdorf | 17.08 2016 | von Andres Guballa:
Vom Star-Pianisten entwickelte er sich zum weltweit gefeierten Dirigenten, und seit 2004 ist er Principal Conductor des Schleswig-Holstein Festival Orchesters. Jetzt ist Christoph Eschenbach zurück bei „seinem“ Ensemble und spricht im Interview über seine Arbeit und seine Pläne. Weiterlesen →

Keine heile Welt
Mit einer großen Übersichtsausstellung unter dem Titel „Harald Duwe. Heile Welt“ ehrt das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf den unvergessenen Kieler Maler Harald Duwe.
Gottorf | 16.8.2016 | von Hannes Hansen: Zwischen kritischer Überzeichnung, schonungslosem Realismus und beißender Kritik angesiedelt, zeigen Harald Duwes seit dem 10. Juli auf Schloss Gottorf zu sehenden Bilder eine Welt, die gerade nicht so heil ist, wie der sarkastisch anmutende Titel „Harald Duwe. Heile Welt“ suggeriert. Weiterlesen →

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Von Meeren und Menschen

Das internationale Meeresfilmfestival CineMare feierte eine gelungene Kiellegung

Von Jörg Meyer

Kiel. Mehr Meer geht nicht – mit dem Schifffahrtsmuseum und der Landesbibliothek als zwei direkt an der Kieler Förde gelegenen Spielorten von den sieben, in denen am Wochenende beim internationalen Meeresfilmfestival CineMare 40 Filme gezeigt wurden. Warum auf die „ebenso naheliegende wie geniale“ Idee, Meeresfilme in Kiel zu zeigen, noch niemand vorher gekommen war, wunderte sich schon Schirmherr und OB Ulf Kämpfer bei der Eröffnung am Donnerstag. Für Stadtpräsident Hans-Werner Tovar, der am Sonntag mit Unterstützung des Meeresgotts Neptun (Norbert Aust) die fünf Preise überreichte, ist CineMare wie das sprichwörtliche „Eulen nach Athen tragen“.

Die Crew von CineMare steuerte den „Festival-Kahn“ sicher durch alle Untiefen (v.l.: Barne Peters, Katja Gennart, Till Dietsche, Norbert „Neptun“ Aust, Jan-Per Sellmer, Tom Körber, Eva Strehler). (Foto:jm)

Die Crew von CineMare steuerte den „Festival-Kahn“ sicher durch alle Untiefen (v.l.: Barne Peters, Katja Gennart, Till Dietsche, Norbert „Neptun“ Aust, Jan-Per Sellmer, Tom Körber, Eva Strehler). (Foto:jm)

Gelungen ist beides, die Umsetzung einer längst schon aufgischtenden Idee und der Filmblick der „Eulen“, den sie vom Förde-Athen aus auf die Meere und ihre Bewohner in, auf und an ihnen warfen. Dennoch: Hart am Wind habe „die kleine Crew ein recht großes Schiff“ gesegelt, resümmiert Festivalmacher Till Dietsche sichtlich erschöpft, aber auch erleichtert, all die Stürme orga-navigatorischer und technischer Art gemeistert zu haben. Auch die Mitkuratoren Jan-Per Sellmer und Tom Körber zeigen sich sturmgebeutelt und „um gefühlte zehn Jahre gealtert“. Aber dass bei der Jungfernfahrt eines „so großen Festival-Kahns“ noch nicht jede Halse gelingt, habe man locker abgewettert.

Die Besucherzahl lässt sich am Abschlussabend nur grob als „sicher im vierstelligen Bereich“ schätzen, so Dietsche. „Die Kieler haben CineMare angenommen“, freut er sich, nicht minder über die zahlreichen Unterstützer und Sponsoren, die das Meerfilmfest erst ermöglicht hätten. Im nächsten Jahr werde hoffentlich weiter über die Meeresfilmwellen gesegelt, doch „dazu müssen wir noch manch’ neue Matrosen anheuern“.

An Bord waren schon jetzt so viele beeindruckende Filme, dass die vier Jurys keine leichte Wahl hatten. Den Begriff „Seefahrer“ fasste die Seefahrerfilmpreis-Jury bewusst weiter als „Menschen, die durch das Meer geprägt werden“, und vergab neben einer lobenden Erwähnung für „The Weekend Sailor“ den Preis an „Jago – Der alte Mann und die Tiefsee“ von James Reed. Er zeige im „slow motion Re-Enactment“ (grandiose Unterwasserkamera: James Morgan), wie sich ein 80-jähriger Fischer auf Bajau die Unterwasserwelt eroberte und dem Meer wie sich selbst buchstäblich auf den Grund und in seine Eigenzeit tauchte.

Die Meeresschutzfilm-Jury lobte mit „Plastic Free Island Kefalonia“ einen Film über eine Initiative zur Reduzierung des Plastikmülls in den Ozeanen und zeichnete mit „Shark Girl“ von Gisela Kaufmann eine Doku über die australische Hai-Schutz-Aktivistin Madison Stewart aus. Der Meeresnaturfilmpreis ging an Jess Hansens „Land unter auf Hallig Hooge“ – vor allem für die Geduld des schleswig-holsteinischen Filmemachers, „sechs Jahre auf ein so brenzliges Naturereignis zu warten“. Bei den Meereskurzfilmen lobte die Jury den poetischen Kurzfilm „The Tide Keeper“ über einen Seemann, der alptraumhaft am Plastikmüll im Strandgut erstickt, und bepreiste die Kurzfilmversion von „Fishing Without Nets“ von Cutter Hodierne, einen dokumentarischen Spielfilm über Piraten vor der Küste Somalias.

Das Publikum war in seiner Preisverleihung zwischen lokal und global unentschieden: Gleiche Präferenzen erhielten Karsten Wohlrabs mareTV-Beitrag „Kieler Förde – Meerjungfrauen, Mini-Wale und Matrosen“, der am 1. September in N3 zu sehen ist, und „The Weekend Sailor“ von Bernardo Arsuaga.

Infos, Trailer und mehr Meerfilm unter www.cinemare.org

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Ein Doppel, das baff macht

Die A cappella-Quartette „nur wir“ und „baff!“ trafen sich beim
17. KulTourSommer in Kirchbarkau

Von Jörg Meyer

Kirchbarkau. Der Name, den sich die aus Schleswig-Holstein stammenden Anne Maj Hansen (Sopran), Lilly Ketelsen (Alt), Jonathan Mummert (Tenor) und Jörgen Roggenkamp (Bass) für ihr 2013 gegründetes Quartett gewählt haben, ist wirklich treffend: Völlig „baff“ ist das Publikum in der fast ausverkauften St. Katharinen Kirche in Kirchbarkau, wo „baff!“ im Rahmen des „17. KulTourSommers im Barkauer Land“ ihren außergewöhnlichen A cappella-Gesang präsentierten – zusammen mit den hier schon zum siebten Mal auftretenden Kielern „nur wir“.

Letztere „inzwischen schon alten Herren“, wie Veranstalter HaGe Schlemminger sie scherzhaft ankündigt, haben es nicht ganz leicht, ihre jungen Kollegen zu toppen, auch wenn sie ihr A cappella-Crossover von stimm-magischem gregorianischem Choral bis hin zu Pop und Rap mit sattem Beatbox-Bass noch weiter professionalisiert haben. Mit einem innigen „Pater Noster“ eröffnen sie den zweiten Teil des Doppelkonzerts, und als hätte sie der Gott des Gesangs schon erhört, setzt er ein väterlich zustimmendes Gewittermurmeln taktgenau ans Ende des Chorals. Als ähnlich kongenial erweist sich die elektronische Loop-Maschine, mit der und den höchst wandelbaren Stimmen von Frerk, „Geppi“, Malte und „Hennu“ aus dem Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ eine nicht ganz ernst gemeinte Mini-Rap-Oper entsteht.

Solche überraschenden Wendungen kultivieren auch „baff!“ in ihren durchweg eigenen Arrangements. Zwischen Gänsehaut und zuckendem Tanzbein wechseln die Empfindungen des Zuhörers bei Bachs „Air“, die sich vom sanft perlenden Choral in einen swingenden Jazz-Scat wandelt.

Ebenso baff macht die Interpretation von Adeles „Skyfall“. Der Titelsong zum gleichnamigen James-Bond-Film ist inzwischen ein A cappella-Klassiker, entfaltet in „baff!’s“ Arrangement und besonders einer beeindruckenden Choreografie aber bislang noch ungehörte Dimensionen. Nicht anders Comedian Harmonists „Veronika“, wo „der Lenz“ geradezu neon-grün neu erblüht.

Auch im dicht gewobenen Medley aus Pop- und Schlager-Songs über Städte überzeugen „baff!“ stimmlich wie von den gewitzten Arrangements her. Der Beifall ist riesig, nicht zuletzt als die beiden jungen Quartette zum Schluss ihre meisterhaften Stimmen zum Doppelchor vereinigen.

Infos und Hörproben unter www.baff-acappella.de und www.nurwir.com.

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Diese wunderbare Harmonie schon nach wenigen Tagen

Der Dirigent Christoph Eschenbach arbeitet mit dem SHMF-Orchester an „letzten Werken“ von Haydn und Bruckner

Interview: Andreas Guballa

Büdelsdorf. Er ist ein Ausnahmekünstler: Vom internationalen Pianisten-Star stieg Christoph Eschenbach zum weltweit gefragten Dirigenten auf. Seit 2004 ist er Principal Conductor des Schleswig-Holstein Festival Orchesters. Jetzt leitet er wieder eine Probenphase des von ihm geschätzten jungen Ensembles und studiert in der Büdelsdorfer ACO Thormannhalle zwei Kompositionen ein, die als „letzte Werke“ gelten: Joseph Haydns „Sinfonie D-Dur Hob. I:104“ und Anton Bruckners „Sinfonie Nr. 9 d-Moll“. Mit Andreas Guballa sprach der 76-Jährige über seine Arbeit mit den unterschiedlichen Orchestern und seine nächsten Pläne.

Sie haben Ihre Laufbahn als Pianist begonnen. Hat das Ihre Pultkarriere beeinflusst? Oder würden Sie heute anders dirigieren, wenn Sie nicht als Pianist angefangen hätten?

Arbeitet gegenwärtig wieder mit „seinem" SHMF-Orchester: Christoph Eschenbach. (Foto Eric Brissaut/SHMF

Arbeitet gegenwärtig wieder mit „seinem“ SHMF-Orchester: Christoph Eschenbach. (Foto: Eric Brissaut/SHMF)

Drehen wir die Frage mal um. Ich habe immer versucht, auf dem Klavier Orchester zu spielen und es singen zu lassen. Man sollte nicht hören, dass es eigentlich nur aus Stahlsaiten und einem Holzgerüst besteht. Insofern bin ich früh in die Subtilitäten der Instrumentation eingedrungen. So hat sich beides verschmolzen. Aber ich spiele seit über 30 Jahren keine Klavierabende mehr, weil ich keine Zeit habe, mir neues solistisches Repertoire anzueignen. Auch wenn ich hier und da eine Ausnahme mache, sind das fünf Prozent meiner Tätigkeit.

Zurück zum Dirigenten Christoph Eschenbach. Sie haben sechs Jahre lang das NDR Sinfonieorchester geleitet und übernahmen 2010 die künstlerische Leitung des National Symphony Orchestra in Washington. Gibt es Unterschiede in der Orchester-Klangkultur jenseits und diesseits des Atlantiks.

Früher sagte man, dass die amerikanischen Orchester sehr brillant seien, aber kühl. Und die europäischen Klangkörper wärmer spielten, aber dafür nicht so präzise. Das hat sich sehr gewandelt durch die vielen Orchestertourneen. Insofern ist es ein Spaß, mit beiden zu musizieren.

Seit 2004 leiten Sie die Orchesterakademie des SHMF. Wie wichtig ist Ihnen die Zusammenarbeit mit jungen Musikern?

Es ist eine wunderbare Sache, dass junge Musiker aus 30 Nationen zusammenkommen und innerhalb von ein paar Tagen schon miteinander harmonieren. Egal, aus was für Schmieden und Ländern sie kommen oder welche Mentalitäten sie haben. Nach wenigen Tagen sind sie ein musikalischer Körper geworden und gehen mit einem unglaublichen Enthusiasmus und großer Frische an den Start. Das macht einen Riesenspaß.

Sie können auf eine langjährige Karriere zurückblicken. Was sind für Sie unvergessliche Momente?

George Sell und Herbert von Karajan waren große Mentoren zu Beginn meiner Pianisten-Karriere. Ich durfte mit ihnen arbeiten und sie um Rat fragen. Und sie haben mir wertvolle Ratschläge gegeben.

Sie haben im letzten Jahr Ihren 75. Geburstag gefeiert. Ist Alter ein Thema für Sie?

Alter wird dann nicht mehr zum Thema, wenn man sich der Musik hingibt. Musik hält einen jung und lässt einen das Alter vergessen. Das ist die beste Medizin.

Gibt es noch Pläne und Herausforderungen, die Sie in den nächsten Jahren angehen wollen?

Ich mache sehr viel Neue Musik und zahlreiche Uraufführungen mit meinem Orchester in Washington. Die Neue Musik bleibt eine große Komponente in meinem Leben. Darüber hinaus gibt es einige Komponisten, zu denen ich spät gekommen bin, aber deren Tür sich sehr weit geöffnet hat in den letzten Jahren – wie Schostakowich und Sibelius. Gerade im Repertoire des 20. Jahrhunderts.

Öffentliche Proben in der ACO Thormannhalle in Büdelsdorf: heute (Mittwoch) und morgen (Donnerstag) 10 – 13, 16 – 19 Uhr; Freitag, 10 – 13 Uhr. Öffentliche Generalprobe: Freitag, 20 Uhr. Konzert: Sonnabend, 20 Uhr, Laeiszhalle, Hamburg (Restkarten).
Info und Karten: www.shmf.de

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Keine heile Welt

Mit einer großen Übersichtsausstellung unter dem Titel „Harald Duwe. Heile Welt“ ehrt das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf den unvergessenen Kieler Maler Harald Duwe.

Von Hannes Hansen

Harald Duwe, "Große USA-Allegorie Foto: Landesmuseum

Harald Duwe, „Große USA-Allegorie“
(Foto: Landesmuseum)

Gottorf. Das Riesengemälde, das eine Wand in der Reithalle des Landesmuseums Schloss Gottorf beherrscht, zeigt einen grinsenden Präsidenten Johnson mit Cowboyhut und einen Affen auf Krücken mit Kruzifix in der Hand. Ein Mann, der mit offenem Munde brüllend einem auf dem Boden Liegenden ins Gesicht tritt, und eine Freiheitsstatue als Pornomodell mit Totenschädel und Automatikgewehr in der Hand, die die Freiheitsfackel wie eine Keule schwingt, vervollständigen Harald Duwes „Große USA-Allegorie“ aus dem Todesjahr des 1926 in Hamburg geborenen und 1984 verstorbenen Kieler Malers und Lehrers an der Muthesius Kunsthochschule. Das Bild fasst wie unter der Lupe noch einmal zusammen, was der Hauptantrieb für seine Kunst war: die Auseinandersetzung mit und die Kritik an einer als unheil empfundenen Welt.

Die collagenhafte Zusammenstellung von Versatzstücken ist kein billiger Antiamerikanismus, sondern die überzeichnende Zuspitzung als Höhepunkt einer schonungslosen malerischen Analyse eines gesellschaftlichen Zustands und ihres Gewaltpotentials. Sie nimmt noch einmal eines der großen Themen der abendländischen Kunst auf, die Allegorie als Bild gewordene symbolische Darstellung des Schreckens in der Tradition von Dürers Holzschnitt „Die Apokalyptischen Reiter“ oder Max Beckmanns „Die Nacht“.

Albrecht Dürer, "Die Apokalyptischen Reiter" Foto Wikimedia Commons

Albrecht Dürer, „Die Apokalyptischen Reiter“
(Foto: Wikimedia Commons)

Max Beckmann, "Die Nacht" Foto Wikimedia Commons

Max Beckmann, „Die Nacht“
(Foto: Wikimedia Commons)

Die von Christian Walda wohlüberlegt kuratierte Gottorfer Ausstellung mit dem sarkastischen Titel „Harald Duwe. Heile Welt“ konzentriert sich auf die politischen und gesellschaftlichen Aspekte der Kunst des engagierten Sozialdemokraten Harald Duwe, der sich einst im Wahlkampf – lang ist es her – ohne den Rückgriff auf platte Agitprop-Kunst für den „roten Jochen“ Steffen einsetzte. Ein Bild wie die in blaugrauen, unnatürlichen „Todesfarben“ gemalte „Graue Wand“ aus dem Jahr 1968 zeigt seine Reaktion auf den Auschwitz-Prozess in den Formen eines übersteigerten, zeichenhaften Realismus; eine ähnlich schonungslos gemalte anonyme „Frau im Plastikstuhl“ aus dem gleichen Jahr lässt Parallelen zu einer nur allzu gern als überwunden geglaubten Vergangenheit erahnen, die weder tot noch auch nur vergangen ist.

Harald Duwe, "Graue Wand II"

Harald Duwe, „Graue Wand II“ (Foto: Landesmuseum)

Harald Duwe, "Frau im Plastikstuhle Foto: Landesmuseum

Harald Duwe,
„Frau im Plastikstuhl“
(Foto: Landesmuseum)

Kühler, emotionsloser, aber nicht weniger beißend kritisch ist ein Gemälde von 1971. Die Szene „Camping“ präsentiert in geradezu hinterfotziger Manier einen verfetteten Mann, dessen einziges Interesse Wohlstandssymbole wie Auto, Kofferradio und Bier zu sein scheinen. Ein Bild, das keiner Deutung bedarf.

Harald Duwe, "Camping" Foto: Landesmuseum

Harald Duwe, „Camping“
(Foto: Landesmuseum)

In solchen Bildern offenbart sich ein Realismus, der je nach Sujet und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zwischen expressiven, übersteigerten Bildfindungen und kühler Sachlichkeit wechselt. Im „Selbstporträt mit Mütze“  aus dem Todesjahr blickt der Maler den Betrachter forschend an. Der Blick ist ebenso auf die äußere Welt wie auf sich selbst gerichtet, eine Befragung nach der eigenen Person und ihrem Platz in der Welt.

Harald Duwe, "Selbstporträt mit Mütze" Foto: Landesmuseum

Harald Duwe, „Selbstporträt mit Mütze“ (Foto: Landesmuseum)

Dass die Anfänge milder, freundlicher, ja konventioneller waren, zeigt ein mit breiten, flächenhaften Pinselstrichen gemaltes Bild von 1953. Mit „An der Elbe mit Dampfer“  könnte Harald Duwe mühelos als „Norddeutscher Realist“ avant la lettre reüssieren.

Harald Duwe, "An der Elbe mit Dampfer", Foto: Landesmuseum

Harald Duwe, „An der Elbe mit Dampfer“ (Foto: Landesmuseum)

Fazit: Mit der Selbstbezeichnung als „guter Hamburger Maler aus der dritten Reihe“, von der ein Schüler berichtet, tut sich Harald Duwe unrecht.

Schloss Gottorf: „Harald Duwe. Heile Welt“. Bis 30. Oktober in der Reithalle. Montag bis Freitag 10 bis 17 Uhr. Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr. Katalog (sehr empfehlenswert): 24 Euro.

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Sommerliche Galanterien

Die Cappella Musica Dresden konzertierte in der Eckernförder
St. Nicolai Kirche

Von Jörg Meyer

Eckernförde. Die so genannt ernste Musik hatte schon immer ihre heiteren, galanten Seiten, wie die Cappella Musica Dresden bei ihrem Sommerkonzert am Sonntag in der gut besuchten St. Nicolai Kirche zeigte. Dem typisch deutschen Verdikt, dass die „leichte Muse“ sich nicht mit der „ernsten“ einlassen dürfe, folgen die sechs Dresdner, allesamt Solisten in der honorigen Sächsischen Staatskapelle, genauso wenig wie Johann Nepomuk Wendt, der die besten Nummern aus Mozarts „Cosí fan tutte“ für – sagen wir ruhig – Salonorchester arrangierte, eine Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitete Praxis. Entsprechend „galant“ und beschwingt präsentieren Susanne Branny und Jörg Kettmann (Geigen), Michael Schöne (Bratsche), Andreas Priebst (Cello) und der künstlerische Leiter Helmut Branny (Kontrabass) das „Potpourri“, an dem Mozart sicher seine Freude gehabt hätte, zumal es in der Oper ja ebenfalls um ein recht galant-frivoles Verwirrspiel geht.

Die Cappella Musica Dresden (v.l.: Helmut Branny, Andreas Priebst, Jörg Kettmann, Michael Schöne, Susanne Branny) (Foto: CM)

Die Cappella Musica Dresden (v.l.: Helmut Branny, Andreas Priebst, Jörg Kettmann, Michael Schöne, Susanne Branny) (Foto: CM)

In der Klanggestaltung ist die Cappella Musica dennoch weit von einer Wiener Kaffeehauskapelle entfernt. Die schmale Besetzung klingt voll wie ein ausgewachsenes Streichorchester mit hoher Tonkultur, weiß aber, den Witz und die Leichtigkeit aus Mozarts Lustspiel zu kitzeln. Nicht anders bei Dvoráks „Zwei Walzern, op. 54“, vom Komponisten selbst aus der Klavierfassung für die Tanzkapelle, in der er in Prag die Bratsche strich, arrangiert. Wie bei Johann Strauß sind die fein gearbeiteten „Galanterien“ nicht bloß Unterhaltungsmusik, vielmehr hohe Kunst des romantischen Ausdrucks.

In diesen Kontext der leichten Muse, die sich doch meisterhafter Komposition bedient, passt auch das „Quartett B-Dur, op. 8“ des jüngsten Bach-Sohns Johann Christian. Der „Londoner Bach“ begründete Mitte des 18. Jahrhunderts das bürgerliche Konzertwesen und gilt als direkter Vorläufer Mozarts, der ihm als sechs-jähriges Wunderkind auf seiner ersten Reise in London begegnete, wie Andreas Priebst in einer seiner ebenso instruktiven wie „galanten“ Moderationen erzählt. Andreas Lorenz spielt darin die Oboe mit virtuoser Eleganz – genauso in Domenico Cimarosas „Konzert für Oboe und Streicher“. Das Werk des Zeitgenossen Mozarts bietet ihm ein weites Feld von tänzerischer Beflügelung im „Allegro giusto“, und sanftem Schwingen in der zauberhaften „Siciliana“. Viel Beifall auch für diese Preziose der leichten Muse mit ernstem musikalischen Hintergrund.

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Das Hühnerwunder, ein Dichter und die Frage, wie man einen Toten tötet

Unterwegs mit Hannes Hansen – Teil 22: In Santo Domingo de la Calzada und in Berceo

Von Hannes Hansen

Landschaft in der Rioja Foto HaH

Landschaft in der Rioja (Foto: HaH)

Berceo. Die Nacht habe ich wieder einmal in der Einöde bei dem Kirchlein Santa María de Eunate verbracht. Der Tag verspricht, heiß zu werden, und ich mache mich schon früh morgens auf den Weg nach Santo Domingo de la Calzada. Er führt durch die Rioja, eine der kleinsten Regionen Spaniens und bekannt für ihre Weine. Die Straße folgt den Konturen der hügeligen Landschaft von klassischer Harmonie mit ihrem Dreiklang aus sattgrünen Weinbergen, goldgelben Weizenfeldern und den in der Ferne blauenden Bergen der Sierra de la Demanda.

Ein Heiliger als Städtegründer, Glanz und Elend Spaniens und eine Kalorienbombe

Den ersten Stop lege ich in Santo Domingo de la Calzada ein, einem wichtigen Zwischenhalt auf dem Weg nach Santiago de Compostela zum Grab des Nationalheiligen Spaniens, des Apostels Santiago, des heiligen Jakob. Hier baute der Legende nach ein frommer Einsiedler mit Namen Domingo García um das Jahr 1050 eine Brücke über den Fluss Oja, um den Pilgern die mühevolle Reise auf dem Jakobsweg zu erleichtern. Ein Hospital, ein Herberge, baute er ihnen auch und verbesserte die Pilgerstraße. Ganz nebenbei gründete er dazu auch noch die nach ihm benannte Stadt des „heiligen Domingo des Weges“, wie die deutsche Übersetzung ihres Namens lautet. Und das alles im Alleingang, müssen wir annehmen, denn die Legende weiß von keiner Hilfe.

Santo Domingo de La Calzada, Plaza de España und Rathaus, Foto HaH

Santo Domingo de La Calzada, Plaza de España und Rathaus (Foto: HaH)

Santo Domingo zeigt sich als eine lebendige Provinzstadt, deren breite Boulevards mit Café- und Barterrassen unter Schatten spendenden Bäumen den Casco Viejo umschließen, die fast vollständig erhaltene Altstadt mit einem einzigartigen Ensemble von Gebäuden aus dem 15. bis 19. Jahrhundert. Mit Eremitagen, Klöstern, einer Pilgerherberge, prachtvollen Palästen und einer spätgotische Kathedrale mit barockem Südportal und einem nach Art italienischer Campanile frei stehenden Glockenturm ist die Altstadt ein architektonisches Kleinod. Von der Kathedrale führt eine schmale Gasse zur Plaza de España, einem riesigen, von Häusern mit Arkadengängen umgebenen Platz. Eine ganze Längsseite nimmt der breit hingelagerte Ayuntamiento, das spätbarocke Rathaus von 1763 ein.

Churros y Chocolate Foto Dominik

Churros y Chocolate (Foto: Dominik)

Auf der Terrasse eines Cafés ihm gegenüber bestelle ich ein typisch spanisches Frühstück: Churros y chocolate. Churros sind eine Art in Öl frittierter und mit Zucker bestreuter länglicher Krapfen aus Brandteig, die man in die Schokolade tunkt. Die ist española, auf spanische Art gemacht, dickflüssig und bittersüß und gar nicht zu vergleichen mit dem dünnen Zeugs, das man andernorts als Schokolade oder Kakao zu bezeichnen die Stirn hat. Wer einmal spanische Schokolade getrunken oder im Extremfall gelöffelt hat, weist jede andere Zubereitungsart hohnlachend von sich. Dass eine Normalportion von einem Dutzend Churros – es gibt auch halbe Portionen, aber die sind für Kinder und Touristen – und einer großen Tasse Schokolade den Tageskalorienbedarf einer durchschnittlichen Couch Potato deckt, übersieht man gerne. Solche Überlegungen sind wie die Kinderportionen etwas für Weicheier, Warmduscher und Vorwärtseinparker.

Satt und zufrieden blicke ich um ich. Viel zu groß erscheinen mir Platz und Rathaus für die Kleinstadt von gerade einmal sechseinhalb tausend Einwohnern und der junge Mann am Nebentisch, der mich anspricht, als er mich in einem Architekturführer blättern sieht, stimmt mir zu. Er stellt sich mir als José Miguel vor. Er hat Volkswirtschaft studiert und jetzt lehrt er regionale Wirtschaftsgeschichte an der Universität der Rioja in der nahen Provinzhauptstadt Logroño.

„Alles von dem Gold und Silber, das die Konquistadoren von den Indios erpresst und geraubt haben“, sagt er und deutet auf das Rathaus.
„Ja“, antworte ich, „damals war Spanien reich und mächtig.“
„Das mächtigste Land Europas. Es hat aber mit seinem Reichtum nichts Gescheites anzufangen gewusst. Monarchie, Adel, Militär und Kirche verprassten ihn, anstatt das Land zu modernisieren.“

José Miguel erzählt, dass zeitweise ein Drittel der Bevölkerung zum niedrigen Adel zählte, zu den Hidalgos. Einer Schicht, die zwar meist bettelarm war, aber sich zu fein zum Arbeiten fühlte und lieber Raufhändel führte. Um die Ehre ging es dabei meist.
„Das hält kein Staat, keine Volkswirtschaft aus“, sagt José Miguel und erzählt einen bösen Witz. Nicht die Amerikaner hätten als erste den Mond betreten sondern die Spanier. Die hätten einfach eine menschliche Leiter aus Priestern, Soldaten und Hidalgos gebildet, auf der man bequem zum Mond klettern konnte.

Der Schlendrian führte folgerichtig zum Staatsbankrott. „Als das hier gebaut wurde“, José Miguel deutet auf das Rathaus, „war das Geld längst futsch. Spanien lebte auf Pump, und das Volk verarmte. Seitdem und nicht erst seit Franco gibt es die zwei Spanien, das Spanien der Reichen und das der Armen, das der arroganten Schnösel von der Rechten und der Träumer von der Linken. Unfähig sind sie beide, aber die Rechte ist noch dazu korrupt.“

José Miguel redet sich in einen glühenden Eifer und ich sage beschwichtigend: „Korruption und ungleiche Verteilung gibt es überall, nicht nur in Spanien.“
José Miguel lacht. Ein gellendes, ein bitteres Lachen. „Ja“, erwidert er, „das stimmt. Aber in Spanien ist alles noch einmal schlimmer. España es diferente, auch hier.“

Ich verstehe das Maß seines Zorns, als ich höre, wie er Francos alten Wahlspruch „Spanien ist anders“, mit dem der Caudillo seine Diktatur zu legitimieren suchte, ins Gegenteil verkehrt. Er hat keinen Blick für die kirchliche Jugendgruppe, die singend aus einer Nebenstraße auftaucht, die Plaza de España diagonal überquert und in der zur Kathedrale führenden Gasse verschwindet. Stöcke, Hüte und die Jakobsmuschel auf Kleidung oder Rucksack weisen die Jungen und Mädchen als Jakobspilger aus. Ich bezahle meinen Kaffee, verabschiede mich von José Miguel, folge ihnen und gehe die paar Schritte zur Kathedrale. Dort wartet ein Wunder auf mich.

Wer die Messe stört, wandert in den Kochtopf

Santo Domingo de la Calzada: Hühner in der Kathedrale (Foto: Joergsam)

Santo Domingo de la Calzada: Hühner in der Kathedrale (Foto: Joergsam)

Das Wunder präsentiert sich recht wunderlich. In einem barocken Prachtkäfig tun ein blütenweißer Hahn und eine Henne das, was Hühner gemeinhin tun; sie laufen geschäftig umher, scharren hier ein wenig, kratzen dort wichtigtuerisch und picken nach Futter. Ab und zu gackert die Henne, in gemessenen Abständen kräht der Hahn. Warum die Hühner ausgerechnet in einer Kathedrale ihren Stall haben, erzählt eine Legende, die sich in jedem Reiseführer findet und in einer Unzahl von Broschüren breitgetreten wird. Sie sorgt mit für den Strom von Touristen, die es jedes Jahr nach Santo Domingo zieht, und geht so:

Im Mittelalter, als die Wallfahrt nach Santiago schon einmal wie heute Konjunktur hatte, soll eine deutsche Familie nach Santo Domingo de la Calzada gekommen sein. Vater, Mutter und Sohn übernachteten in einem Wirtshaus. Die Tochter des Wirts warf begehrliche Blicke auf den anscheinend attraktiven jungen Mann, der aber, fromm und keusch wie er war, ihr eindeutiges Angebot zurückwies. Auf Rache sinnend, verfiel sie auf einen hinterlistigen Plan. Sie versteckte einen Silberbecher in seinem Gepäck, und als der Verlust bemerkt wurde, durchsuchte man das Gepäck der deutschen Familie und wurde natürlich fündig. Ein Schnellrichter machte kurzen Prozess mit dem jungen Mann, und er wurde aufgehängt. Das hinderte die traurigen Eltern nicht daran, weiter zu pilgern. Gelübde ist schließlich Gelübde.

Auf dem Rückweg kamen sie wieder am Galgen vorbei, wo der Gehängte sich als quicklebendig erwies und sie ansprach. Er sei gar nicht tot, sagte er, Santiago – oder war es Santo Domingo? – habe ihn gehalten. Überglücklich eilten die Eltern zum Richter, der gerade genüsslich zwei Hühner verspeiste. Als ihm die Eltern von der wundersamen Rettung ihres Sohnes erzählten, antwortete er, dass dieser so tot sei wie die beiden Hühner auf seinem Teller. Gebraten oder nicht gebraten, die Hühner erhoben sich und flatterten von hinnen. Der Sohn wurde ab- und die Wirtstochter aufgehängt, und die Familie zog unter Absingen frommer Lieder nach Hause. Seitdem hält man zur Erinnerung an die Legende und zur frommen Erbauung der Gläubigen zwei Hühner, einen Hahn und eine Henne, in der Kathedrale.

Ende gut, alles gut also. Vor allem für die Kirche, die Stadtkasse, Cafés und Kneipen und die zahlreichen Souvenirhändler. Einer der größten Andenkenläden befindet sich praktischerweise gleich in der Kathedrale. Religiöser Kitsch wie Pilgerfiguren, der heilige Jakob oder Santo Domingo, alle aus Plastik „made in China“, stehen neben bunten Hochglanzbroschüren und erbaulichen Traktaten. Als ich in einer dieser Schriften blättere, erschallt plötzlich das laute Kikeriki des Hahns in seiner nur wenige Meter entfernten Prachtvilla. Was man denn mache, wenn der Hahn während einer Messe krähe, will ich von einem der zahlreichen Verkäufer wissen. Er grinst und sagt:
„Gar nichts. Das gehört dazu.“
Dann wird sein Grinsen stärker und er sagt:
„Einmal hatten wir einen, der fing pünktlich zur Messe an zu krähen und hörte gar nicht wieder damit auf.“
„Und was hat man dagegen unternommen?“
„Er wurde ausgetauscht und wanderte in den Kochtopf.“
Glanz und Elend eines Legendenlebens, denke ich, und: Undank ist der Welt Lohn. Der Hahn ist schließlich, man verzeihe mir das schiefe Bild, die Gans, die goldene Eier legt.

Ein Dichter oder „Wie tötet man Tote?“

Nur wenige Kilometer sind es bis zu dem kleinen, gerade einmal einhundertundsiebzig Einwohner zählenden Örtchen Berceo mitten in der Sierra de la Demanda. Es wäre nicht weiter bemerkenswert, wäre es nicht der Geburtsort von Gonzalo de Berceo. Der gelehrte Mönch gilt als der erste dem Namen nach bekannte Dichter spanischer Sprache. Er verfasste Marien- und Heiligenlobpreisungen und Abhandlungen zu religiösen Fragen in einem Versmaß, das sich Mester de Clericía nannte und sich mit seinem regelmäßigen Versmaß – für die Versfetischisten: Strophen mit je vier vierzehnsilbigen Alexandrinern –abhob von der unregelmäßigen und unter den Gelehrten weniger renommierten, dafür aber lustigeren Spielmannslyrik für das gemeine Volk.

Gonzalo de Berceo (Foto: Pigmentoazul)

Gonzalo de Berceo (Foto: Pigmentoazul)

Wie er aussah, weiß man natürlich nicht, aber vor dem Rathaus aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert blickt sein Bronzebildnis würdevoll auf den Betrachter. Wenige Meter weiter steht die von einem reichen Einwohner Berceos im Jahre 1886 gestiftete Kirche. Der kleine gepflasterte Platz vor ihr liegt unter einer brütenden Sonne. Nur einige Bäume spenden ein wenig Schatten. In der Hitze des späten Vormittags versuchen zwei Männer, zwischen ihnen eine Festtagsdekoration aus bunten Fähnchen und Glühbirnen aufzuhängen. Am nächsten Tag wolle man eine Verbena feiern, ein Dorffest zu Ehren San Juans, wie Johannes der Täufer auf Spanisch heißt, erklärt mir einer der Umstehenden. Morgen sei sein Namenstag. Richtig, sage ich, der vierundzwanzigste Juni. Das ist schließlich auch mein Namenstag. Und seiner auch, sagt der Mann. „Hannes – Johannes – Juan“, ein Name. Mein neuer Bekannter schlägt mir kräftig auf die Schultern. Da solle ich doch gleich da bleiben und mitfeiern. Das kann ich nicht, weil ich mich für heute schon mit meinem Sohn in Bilbao verabredet habe.

Immer wieder gleitet den beiden mit der Dekoration sich Abmühenden unter dem Gelächter der halben Dutzend Zuschauer das Gewirr aus Kabel und Leine aus den Händen. Ein Mann ruft ihnen zu: „Así no se mata a los muertos.“ Was dieser Spruch – zu Deutsch: „So tötet man keinen Toten“ – denn nun zu bedeuten habe, frage ich Juan. Der zieht die Stirn in Falten und kratzt sich am Hinterkopf. Darüber, sagt er, habe er noch nie nachgedacht. Klar, einen Toten könne man nicht noch einmal töten. Aber das sage man halt.

Na dann, denke ich, ist das eben so. Spanisch ist schließlich nicht die einzige Sprache auf der Welt, die mit Merkwürdigkeiten aufwartet. Und mit dieser Gewissheit mache ich mich auf den Weg nach Bilbao.

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Zwischen Witz, Langatmigkeit, Spannung und Klischee

Das Literaturfest Schweiz im Alten Botanischen Garten

Von Hannes Hansen

Kiel. Seit Jahren schon wird im Rahmen des vom Literaturbüro Schleswig-Holstein landesweit ausgerufenen Literatursommers im Alten Botanischen Garten Kiels ein Literaturfest gefeiert. Zum diesjährigen Themenschwerpunkt Schweiz hatte Literaturhausmitarbeiterin Sara Dušanić die Züricher Romanautorin Dana Grigorcea und den Graubündner Arno Camenisch eingeladen. Zu ihnen gesellten sich mit dem Eutiner Wolfgang Griep und dem in Berlin lebenden Christian Kaiser ein schleswig-holsteinischer Autor und ein Schweizer Schauspieler.

Ein zwiespältiger Eindruck

Was dieses Quartett am Freitagabend an literarischen Kostproben anbot, hinterließ, um es freundlich auszudrücken, einen eher zwiespältigen Eindruck. Das Programm bewegte sich außerordentlich eventkompatibel zwischen Witz, Langatmigkeit, Spannung und Klischee.

Spannung pur

Wolfgang Griep Foto Literaturhaus S-H

Wolfgang Griep
(Foto: Literaturhaus S-H)

Für die Spannung sorgten Wolfgang Griep und Christian Kaiser mit einer szenischen Lesung „Der Wettlauf zum Gipfel des Matterhorn“, in der Wolfgang Griep das tragische Geschehen bei der der Erstbesteigung des ikonischen Schweizer Berges schildert und in Augenzeugenberichten lebendig werden lässt. Zwar mussten Autor und Schauspieler sich bei ihrem Auftritt auf den Anfang und das Ende der Dokumentar- und Erzählcollage beschränken, doch die Ereignisse beim Abstieg vom Gipfel, bei dem vier der Bergsteiger aus der achtköpfigen Truppe des Engländers Edward Whymper um Leben kamen, ließ sich aus der Zeugenbefragung durch den Richter (Wolfgang Griep) erschließen.

Christian Kaiser Foto Janine Guldener 2014 agentur-kerstin.de

Christian Kaiser
(Foto: Janine Guldener 2014,
agentur-kerstin.de)

Eine Zeugenbefragung, bei der Christian Kaiser als Bergführer Peter Taugwalder, den man zunächst für den Tod der vier Engländer verantwortlich machte, später aber rehabilitierte, zu echauffierter Höchstform auflief.

Satirische Langatmigkeit und lustiges Klischee

Solch Lust auf mehr machende Spannung verbreiteten Dana Grigorcea und Arno Camenisch nicht. Dafür ging es lustig und munter zu. Die in Zürich lebende gebürtige Rumänin lässt ihre Heldin in das kommunistische Rumänien ihrer Kindheit zurückkehren und dabei –probates Mittel der Erinnerungsliteratur – das Einst mit dem Heute vergleichen. Dass beide dabei nicht sonderlich gut abschneiden, ist bei dem Kontrast von Steinzeitkommunismus und Cäsarenwahn auf der einen Seite und korruptem Turbokapitalismus auf der anderen nicht weiter verwunderlich und fordert zu satirischer Überspitzung geradezu heraus. Doch leider kommt die Satire zwar recht witzig, aber auch reichlich langatmig daher. Zudem darf bezweifelt werden, ob das Leben zu Zeiten Ceauşescus wirklich so viel Anlass zu Gelächter bot, wie der Text suggeriert.

Foto Bresso Carton

Arno Camenisch und Dana Grigorcea (Foto: Bresso Carton)

Witzig geht es auch in Arno Camenischs Romanen und vor allem bei seinem Auftritt als Literaturentertainer zu. In „Die Kur“ lässt er ein in vielen Ehejahren sich aneinander noch immer nicht glatt geriebenes Ehepaar einen Kururlaub in einem Nobelhotel antreten, den sie in einem Preisausschreiben gewonnen haben. Er will gar nicht erst los, sondern lieber zu Hause fernsehen, sie erhofft sich eine Revitalisierung. Abgestumpfter Zynismus trifft auf altjüngferlich-naive Begeisterung. Die muntere Vortragsweise und der von Situationskomik geprägte Erzählton Arno Camenischs, der auch Kostproben seiner Literatur in seiner Muttersprache Rätoromanisch zum Besten gab, ließen fast vergessen, dass sich das Leben seiner tragikomischen Antihelden weitgehend im Klischee abspielt.

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Prickelnde Tradition in Gläsern

Alles andere als trocken: Peter Bohrmanns neues Buch
„40 Jahre Kieler Woche-Cocktails“

Von Christoph Munk

Kiel. Er gehört in seiner Branche zu den Legenden, seit 2012 zum Kreis der Lieblingskieler und hat sich schon lange einen Rang in der Reihe der Kieler Originale verdient. Denn Peter Bohrmann kennen nicht nur Nachtschwärmer als langjährigen Chef der Bar im zehnten Stock des Kieler Hotels Astor. Über 40 Jahre lang, also seit 1975, hat er den Einheimischen und ihren Gästen den maßgeblichen Cocktail für ihr Sommerfest kreiert – Peter Bohrmanns Kieler Woche-Cocktail eben. Jetzt legt der Barmeister die Bilanz seines Schaffens gedruckt vor.: „40 Jahre Kieler Woche Cocktails – mit und ohne Alkohol“. So fachlich und trocken der Titel klingt, so prickelnd und saftig geht’s im Innern des Buches zu.

Ein Cocktail-Buch als Verlockung ins nächtliche Kiel. (Foto L&S Digital)

Ein Cocktail-Buch als Verlockung ins nächtliche Kiel. (Fotos: L&S Digital)

Fakt ist: Seit 40 Jahren darf das große Kieler Sommerfest nicht starten, bevor Peter Bohrmann den Cocktail des Jahres serviert hat. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer formuliert es in einen Grußwort kurz und bündig: „Neben dem Design-Wettbewerb und der Windjammerparade gehört der Kieler Woche-Cocktail zu den bekanntesten und ältesten Traditionen.“

Bald war die Serie nicht mehr zu stoppen

Wie, wann und warum das anfing, ist nicht so einfach zu ergründen. Irgendwann im Sommer 1975 mixte Peter Bohrmann Kyle’s Club Rum (4cl), Monin Grenadine (1cl), Rauch Happy Day Orangensaft (6 cl) und Rauch Zitronensaft (2cl) in seinem Shaker, dekorierte ein großes Glas mit einem Fruchtspieß und präsentierte die Kreation als „Cocktail 1975“. Ein Jahr später entstand aus den Zutaten Gin, Kirschlikör und Zitronensaft im kleinen Glas der nächste Jahrgangs-Cocktail, dann folgte 1977 eine Mixtur aus Wodka, Campari und Orangensaft. Die Serie war nicht mehr stoppen.

Verfolgen lässt sich die Geschichte der Drinks im Buch ab Seite 53 Rezept für Rezept. Wer aber den ersten Teil bis dahin sorgfältig studiert hat, darf sich schon als Fachmann des Barmixens fühlen. Denn Peter Bohrmann informiert den Leser nicht nur über seinen beruflichen Werdegang und seine Erfolge, er macht ihn auch in mehreren Fachkapiteln gewissermaßen zum Kollegen. Von den Bargeräten, über die wichtigsten Formen von Trinkgläsern, sämtliche Zutaten wie Destillate, Liköre, Schaumweine und Weine bis zu Säften und Sirups, Limonaden, Eis, Eier, Milche und Sahne zählt er auf, was zur Ausübung seines edlen Handwerks gebraucht wird. Wer dann noch die Tipps zur Kunst des Mixens und Servierens beherzigt, hat sich als Gastgeber in der eigenen Hausbar fit gemacht.

Und auch die Prominenz sagt „Prost“

Weiter im Text: Ab 1978, so bezeugt das Buch, dürfte sich Peter Bohrmann bewusst geworden sein, wie sehr sich seine Kunst des kreativen Shakens in seiner Bar mit dem fantastischen Ausblick über die nächtliche Innenförde zur Attraktion entwickelt hat. Nun schmückt er die Seiten neben den Rezepten mit Fotos der Prominenz, die sich an seinem Tresen zuprostete. Udo Jürgens und Paul Kuhn haben da ebenso ihre Spuren hinterlassen wie Nationaltorhüter Sepp Maier (zweimal) und Olympiasiegerin Heide Rosendahl, die Entertainer Hans Rosenthal und Rudi Carell, Stefan Remmler und Dunja Raither. Ab 1983 gibt Bohrmann seinen Kieler-Woche-Cocktails die Namen vom Segelklassen, konsequent beginnend mit „Optimist“ bis zum Renn-Katameran „Nacra 17“ im Jubiläumsjahr 2015.

Barmeister mit Leidenschaft: Peter Bohrmann.

Buchautor und Barmeister mit Leidenschaft: Peter Bohrmann.

So geht eben Tradition. Und Bohrmann darf mit Presseausschnitten und Fotos dokumentieren, wie intensiv die Öffentlichkeit daran teilnimmt. Und er vergisst dabei nicht, geschätzte Kollegen wie Bernd Hiller oder Michael Andrade sowie seine Lehrlinge und Mitarbeiter mit ins rechte Licht zu stellen. Er selbst bleibt in der Szene gegenwärtig, auch über das Jahr 2005 hinaus, als er seine Astor Bar verlässt und sein „Baby“ den Nachfolgern übergibt, aber deswegen den Shaker noch lange nicht aus der Hand legt und sich die Ideen für neue Cocktails keineswegs aus dem Kopf schlägt. Weiterhin bereichert er die Kieler Woche mit neuen Kreationen. Und er bleibt eine Figur der Kieler Gastronomie, eine originelle Gestalt in dieser Stadt, in deren Geschichte er kreativ mitmixt. Mit einem entspannten Lächeln stoßen darauf selbst Prominente an, wie ein Foto aus dem Jahr 2014 beweist: Oberbürgermeister, Ministerpräsident und Bundespräsident erheben gemeinsam vor der Kamera ihr Longdrinkglas und genießen „Sonar“: Tequila, Crème de Cassis, Mango Sirup, Zitrone und Grapefruit-Limonade auf Eis. Na denn, man Prost!
*
Peter Bohrmann: 40 Jahre Kieler Woche-Cocktails, Verlag L&S Digital, 142 Seiten, 14.95 Euro, in den Kieler Buchhandlungen Erichsen & Niehrenheim; Hugendubel, bei Citti und Famila, im KN-Shop und per E-Mail: info@ls-kiel.de

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Inferno [ir]rationale

Die DVD „Rationen“ der Kieler Filmgruppe Chaos angeschaut und live kommentiert

Von Jörg Meyer

Kiel. Machen wir es doch mal in der Besprechung genauso wie die Kieler Filmgruppe Chaos – gegen alle Regeln der Rezension, Rationen gegen die Ratio … stricktly Cut.Up – eine assoziative Annäherung an ein außergewöhnliches Filmwerk:

Einlegen und -loggen in den Schacht, aus dem das kömmbt | „Kill Kino Kill Kill“ gucken | Soundtrack, gewalttätig, Hollywood oder anderer Horror der Filmgeschichte | zermartert das 16mm-Material wie dann weiter | mit Filzstift, Messer oder schlimmeren Werkzeugen und Chemikalien | Das Kino zertrümmern! | Motto … ||

Still aus „Kill Kino Kill“ (Fotos: Filmgruppe Chaos)

Still aus „Kill Kino Kill Kill“ (Fotos: Filmgruppe Chaos)

„Stanz“ und „Stanz 2“ | Löcher ins Material zu Beats, die ähnlich löchrig | und Übermalung mit Filzer | bis man nichts mehr sieht | um – endlich – zu sehen | Musik: Clay Gold | also zu hören ||

Still aus „Stanz“

Still aus „Stanz“

+++ Ticker-Notiz +++ achtes, also achtbares Glas Rott.Wein +++ | und „Zeitgeister“ | eine Art in Stein gehau’nes Requiem | Doch die Toten zwitschern (Soundtrack) garstig und chines- oder japan- und jüdisch | Wie Wien, Zentralfriedhof | Engel aufflackern | nur am Anfang zerschreddert durch Zerr-Störung ||

Still aus „Zeitgeister“

Still aus „Zeitgeister“

So ähnlich „Flutterman“ | passt ins Bild | American Sound.Bit(e)s | Möwe, irgendwie hilflos | Präsidenten-Countdown | We have a Liftoff! ||

Still aus „Flutterman“

Still aus „Flutterman“

„Dopplereffekt“ kenn’ ich als studierter Physiker natürlich | aber nicht so optisch | hier das Filmbild sich voraus- und nacheilend, wie der Schall verdichtend und verdünnend | der Tanz | die Wollcken | die das Wollen b&w ||

Still aus „Dopplereffekt“

Still aus „Dopplereffekt“

Von ’nem Screening bei Augenweide (heißt jetzt fälschlich Filmfest – die haben eben alle keine Ahnung – Zorn immer noch, nur gegen wen?) als Sprung des „Blauen Peters“ in eine Rhapsodie in Blue-Black-White bekannt | Das Kind erwächst aus sowas wie Uterus zum Embry.Jojo.YOLO ||

Still aus „Blauer Peter“

Still aus „Blauer Peter“

Wie man im „Making Of“ (Extra der DVD) sieht, Logo-Streifen mit Schädeln aufgeklebt | „Death à Gogo“ | not to go – ich möchte bleiben | im Grab | du bist so tief und schön | in Poetry, „in tongues, they gave us“ | in der Über.Blendung ||

Still aus „Death à gogo“

Still aus „Death à gogo“

„Time Is Now“, daher | +++ neunte, also neue Glasscherbe aus Wein und Weinen und Weihen +++ | Rock-Movie à la Woodstückchen | gegenüber vorigem eher vidiotisch | dennoch jeden heutigen MusiClip in RGB-Schatten stellend ||

Team-Selfies, übermalt | insofern dem „Making Of“ zugeschlagen | geil aber, in „Shoot“ die Nizo wie eine Pistole sich an den Kopf zu setzen ||

Still aus „Shoot“

Still aus „Shoot“

„hopstick“ ist artificial art, Lichtschwerter | in die Diagonalen der Zellen | So kurz, so schön ||

„Adé nun, der Winter ist ein harter Schluß“, singen die Twenty-GesellInnen | b’n’w? Nö: trefflich koloriert | wie „du mein Schatz bleibst hier“ | ach ja, und Schubert …| Ich weiß einfach zu viel aus all der Kultur ||

Daher „No Hope For Me“ | Musikvideo schon gar nicht am Rhein, vom Rhein | wer soll des Stromes Cutter sein? | die Blondine, die hier rockig singt? | Oder eben doch die sporadisch chemisch zerstörte Schicht des Films, die über | die vermeintliche Wirklichkeit wie Tesafilm geklebt wird ||

Besser gefällt mir „Macht“ | dies Stammeln | dies Zögern | dies Nicht-Wissen | diese Ohn-Macht | dies „Ähm …“ ||

Wieder Macht in schlimmem Stein | „To Break One’Sword“ auf dem Kieler Rathausplatz | Denke: Fuck those Fighters, they didn’t fight for me | because I don’t fight | and I’m not in the condition to fuck | but to cut! ||

„Angst“: | Hitch.Cuckold.Sounds | aber nicht seine Bilder | nur Grauen | dem aber sich ausliefern | Lugosi lockt | und da ist noch die Krankenschwester an meinem verstorbenen Leib, in weiße Tücher gewichselt | verstört und zerstört ||

Still aus „Angst“

Still aus „Angst“

Dann doch noch „Kiel“ | „meine Stadt schmeckt nach Salz“ (Klavki) | und nach Passagen | Umkehr, U-Turn, nicht erlaubt | nur Hinwendung in der Holstenstraße ||

„Wer nichts zu verbergen hat“, wird nicht Künstler, sondern Kleinbürger | oder geht zur dirigistischen statt Director-Polizei | Sixties, als wir noch Polizei- (jetzt Überwachungs-) Staat waren | Sind das nordkoreanische … nein doch deutsche Gesänge im Soundtrack? ||

Am „Gummibaum“ wächst hier mein alpenhoher Traum | wohl konsequentest das Filmmaterial mit Fingerprints versehrt | also mit dem unverwechselbar Eigenen | angetastet auf die linnene Wand ||

„Süperman“ reitet wie einst Jesus auf ’nem Maulaffenfeilhaltendtier ein in die großen Schädelstädte | Vertreibt im Flug, nein, gemeindet zitierend ein, den Dada-Schrei vom HeartfieldMan ||

Still aus „Süperman“

Still aus „Süperman“

Bleibt Püppi im „Kindertraum“ | Zum DVD-Finale (abgesehen von den instruktiven Extras) wohl das emblematischste Werk | Schwarzbild ||

|| +++ Nachtticker +++ Glas Dutzend duzend +++ Kommen wir also | weil ja auch die Sonne schon aufgeht und das Dunkel des Kinos mit ihrem Licht stört | mal wieder runter auf Presseinfos (das es hier glücklicherweise nicht gibt) Niveau: Kurzum: die FGC hat in 40 Jahren eine experimentelle Filmsprache entwickelt, die ihres Gleichen nicht sucht, weil sie es nicht finden würde. Sie ist im besten Sinne des Wortes einzigartig in ihrer Radikalität, in ihrer Unbedingtheit, in ihrer Abgedrehtheit.

Aber brechen wir das ruhig nochmal weiter runter auf die bloße Info, die natürlich viel weniger als mehr sagt: Nach 40 Jahren Malträtierung von Super-8-Material brachte der Erwerb zweier ARRI-16mm-Kameras den Kieler Chaos-Filmern nochmal einen neuen Schub. Denn 16mm lassen sich noch besser verheeren als S8. Entstanden ist mit der DVD zum 40. Geburtstag ein einzigartiges Dokument dessen, was Film noch kann, aber bisher kaum jemand ausprobierte – und das mit analogen, chemischen, kratzmessernden Mitteln. Das kann kein digitaler Effekt reproduzieren. Chapeau, Chapeau, Chapeau vor unseren Kieler Chaos-Künstlern. Das Kino ist „kill, kill“ tot, noch lang lebe es und entwickele sich (in der „russischen Dose“) weiter hier!

Die Werkschau-DVD „Rationen – Filme der Filmgruppe Chaos 2012-2015“ wurde gefördert von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und ist über www.filmgruppe-chaos.de erhältlich.

(Dieser Artikel erschien erstmals auf infomedia-sh.org.)

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Mozart würde headbangen

Die Mozart Heroes rocken die Klassik im Lutterbeker

Von Jörg Meyer

Lutterbek. So ein Presseinfo klingt doch mal interessant: „Mozart hätte vor lauter Headbanging seine Perücke verloren.“ Geschrieben steht dieser Satz in der Selbstvorstellung der Mozart Heroes, Cellist Chris und Phil an Gitarren und Loop-Maschine. Das Duo aus der Schweiz debütierte im letzten Herbst mit seiner fulminanten CD „The First Record“ und tourt seitdem unter dem Motto „Rockin’ Musical Worlds!“ auch durch Deutschland – am Sonnabend rocken sie den Lutterbeker.

Lassen die Klassik rocken: Cellist Chris und Gitarrist Phil sind die Mozart Heroes (Foto: www.mozartheroes.com)

Lassen die Klassik rocken: Cellist Chris und Gitarrist Phil sind die Mozart Heroes (Foto: www.mozartheroes.com)

Schaut man auf ihrer Website vorbei, wo sich ein Video findet, in dem J. S. Bachs „Cello-Suite Nr. 1, G-Dur“ gleichermaßen organisch wie offensiv kontrastreich mit der Filmmusik von „Game Of Thrones“ gemixt wird, stellt man sich gleich zwei „Perücken“ headbangend vor. Denn Bach wie Mozart waren jeweils ihrer Zeit weit voraus, experimentierfreudig und für alles Neue in der Musik offen. Crossover zwischen Klassik und Rock sind heutzutage Legion, doch die Mozart Heroes fügen dem eine ganz andere Facette hinzu. Sie inszenieren bewusst die Brüche zwischen Altem und Aktuellem, verschmelzen nicht einfach nur beides, sondern vertrauen auf die Genre-Grenzen überwindende Kraft zeitloser Musik, wie wir sie von Mozart, Bach, Vivaldi, genauso von AC/DC und Metallica kennen – und hier neu kennenlernen.

Chris und Phil trafen sich bereits an der Musikhochschule in Luzern, ihre Pfade trennten sich aber zunächst, bevor sie über Umwege wieder zusammenfanden. Sie gründeten die Firma Soundcatering, um Scores für Film und Werbung zu komponieren, bemerkten jedoch bald, dass sich aus solchem „Business“ auch mehr, nämlich Kunst – „kompromisslos wild und ohne Konventionen“ – machen lässt.

„Die Musikgeschichte neu definieren“, wie es auch im Presseinfo heißt, ist dabei vielleicht etwas hoch gegriffen, aber im Rock-Pop-Habit begegnet uns die Klassik so frisch, wie sie zu ihren Zeiten war, nämlich ganz ohne pomadige Perücke. Aus der Werbebranche kommend, haben Chris und Phil es freilich drauf, wie man derlei entsprechend inszeniert. Sie treten in schwarzen Anzügen auf, gediegen „klassisch“ also. Doch das wirkt als die Pose, die es auch sein soll, wenn Chris das Cello lyrisch singen lässt, während mitten hinein Phils Saiten-Beben bricht. Der eine sitzt brav, der andere springt empor. Und da wären wir wieder bei dem vielsagenden Presseinfo. Perücken also zuhause lassen und die Naturhaare zum Headbanging anfönen. Mozart, Lenny Kravitz, Bach, AC/DC, Guns’n’Roses und viele andere hätten wie wir ihre Freude daran.

Sonnabend, 30.7., 21 Uhr, Lutterbeker (Lutterbek, Dorfstr. 11). Infos, Hörproben und Videos: www.mozartheroes.com.

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