hansen & munk – der Kultur-Blog stellt sich vor

„Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.“

Genau diesem, von Goethe seinem Mephisto zugeschriebenen Grundsatz folgt „hansen & munk – der kultur.blog für kiel und mehr“. Denn „gesittet pfui“ heißt hier Journalismus mit der Betonung auf „gesittet“, also Meinungsfreude, Gedankenschärfe, Erfahrung, Begeisterung und Fairness.

Aktuelle Artikel

Beiderseits bewegt
Das Neue-Musik-Festival Provinzlärm eröffnete mit einer Musik-Video-Installation
Eckernförde | 27.2.2017 | von Jörg Meyer:
 Über Musik zu schreiben, namentlich Neue Musik, ist schwierig, funktioniert wahrscheinlich nur über Bilder, sprachliche und dem Höreindruck abgelauschte. Umso besser, wenn die Neue Musik sich selbst bebildert – wie von Daniel Eaton beim Eröffnungskonzert des 6. Internationalen Festivals für Neue Musik Provinzlärm am Freitag in der Nicolai-Kirche. Weiterlesen →

Gescheitert an den Konventionen – gefangen im Käfig der Erinnerungen
Eine Bühnenversion von Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ bei den Komödianten
Kiel | 25.2 2017 | von Hannes Hansen: Vor fünfzig Jahren erschien der Roman „Ansichten eines Clowns“, Heinrich Bölls als skandalös empfundene Auseinandersetzung mit den Konventionen einer restaurativen Bundesrepublik. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, stellen Regisseur Christian Lugerth und Schauspieler Ivan Dentler eine Bühnenversion im Theater „Die Komödidianten“ vor. Weiterlesen →

Jimi im Starpalast und Neo-Nazis ins Parlament
Nur ein Missverständnis? Jens Raschkes „Schwarze Schocker“ bei DeichArt in Kiel
Kiel | 24.2.2017 | von Christoph Munk:
Markantes Zusammentreffen 1967: Die NPD schafft es in den Kieler Landtag und Jimi Hendrix gibt im Gaardener Starpalast ein Konzert. Aus dieser Konstellation generiert der Kieler Autor und Regisseur Jens Raschke die Tragikomödie „Schwarzer Schocker“ über einen Jugendlichen auf dem Weg in die Politisierung. Weiterlesen →

Poetische Seiltänze quer durch die Luft
Bewunderung für „La Ville Imaginaire“ mit Hans-Christian Hoth, Julian Arp und Caspar Frantz
Kiel | 20.2.2017 | von Christoph Munk:
Wenn der vielseitige Theatersolist Hans-Christian Hoth sich mit den beiden Musikern Julian Arp (Cello) und Caspar Frantz auf der Bühne vereint, kann sich ein kleines Wunder ereignen. So geschehen im Kieler Schauspielhaus, als Rudolf Stibills satirisch surrealer Gedichtzyklus „La Ville Imaginaire“ eine kongeniale musikalische Ergänzung fand. Weiterlesen →

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Beiderseits bewegt

Das Neue-Musik-Festival Provinzlärm eröffnete mit einer
Musik-Video-Installation

Von Jörg Meyer

Eckernförde. Über Musik zu schreiben, namentlich Neue Musik, die gegenwärtige Klangerforschung, ist schwierig, funktioniert wahrscheinlich nur über Bilder, sprachliche und dem Höreindruck abgelauschte. Umso besser, wenn die Neue Musik sich selbst bebildert – wie von Daniel Eaton beim Eröffnungskonzert des 6. Internationalen Festivals für Neue Musik Provinzlärm am Freitag in der Nicolai-Kirche.

Den Hals muss man hoch recken, um das zu sehen, die Ohren nicht minder, um zu hören, was modern ist. Oder postmodern? Mit ihrer Modernität haderte die Neue Musik von Anbeginn, serielle Musik und Zwölf-Ton-Tonalität sind seit den 1960er Jahren längst verabschiedet, es bleibt, das Jenseits dessen zu hören und zu erfahren. Hier aber, in der gut besuchten Nicolai-Kirche, ist das alte Neue nochmal ungemein neust und zugleich „klassisch“ gegenwärtig, wenn Daniel Eaton, Video-DJ des Schweizer Ensembles TaG, den Klang beiderseits bewegt – in Film wie Musik – in Bild übersetzt.

Hoch, geradezu göttlich, thront der Video-Stream über den Sound-Erzeugern am weiß getünchten Himmel der Nicolai-Kirche. Drunten arbeitet man sich am Klang ab. Giacinto Scelsi ist mit gleich zwei Werken vertreten – „Aitsi“ für Klavier solo (Rafael Rütti) und dem „Duo“ für Geige und Cello (Mateusz Sczepkowski und Alex Jellici), die beide den einen Ton in seinen Klangspektren und Variationen erforschen. Ist das monoton oder Bordun? Beides! Und das in aller Konsequenz: Nur einen Ton in all seinen Klangspektren zu erforschen, ist ein Grundprinzip der Neuen Musik.

Zu „Musica (in-) visible“, so das Motto, steuern auch Komponisten bei, die, sagen die Festivalleiter Beatrix Wagner und Gerald Eckert, „mit der Tonalität noch verbunden sind“. Wobei „Tonalität“ ja auch bedeutet, dass man sie anzweifelt. Geoffredo Petrassis „Streichtrio“ zum Beispiel, das gründelt und grübelt im Atonalen, der Verabschiedung des Dur-Moll-Schemas, beides gleichwohl aufgreifend. Auch in Scelsis „Manto I“, einem Kampf um das Neutönen, hört man der Solo-Viola (David Schnee) zu, wie sie sich daran abarbeitet.

Und am Ende steht dieses zugleich wirre und bis ins Kleinste durchkonstruierte Werk von Franco Donatoni: „Ronda“ für Klavierquartett. So klassisch es in der Besetzung und formal (Rondo mit all seinem Wiederholungszwang) ist, so atonal-seriell, traditionell in vielem, weist dieses Werk doch in die noch ungeahnte Zukunft der Neuen Musik. Daniel Eaton findet dafür bewegte und bewegende (Film-) Bilder, ein Netzwerk aus Punkten, das aufbricht, sich wiedervereint und schließlich Sternwolken zeigt. Aus denen kommen wir alle und vermutlich alle Musik – beiderseits bewegt.

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Gescheitert an den Konventionen – gefangen im Käfig der Erinnerungen

Eine Bühnenversion von Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ bei den Komödianten

Von Hannes Hansen

Ivan Dentler in „Ansichten eines Clowns“

Kiel. Er ist ein Getriebener und Verzweifelter, dieser traurige Clown und Fabrikantensohn Hans Schnier, der da halbbetrunken auf die Bühne der Komödianten torkelt, einen Zug aus der stets griffbereiten Flasche nimmt, sich auf die Stufen des Bonner Hauptbahnhofs fallen lässt und seiner Trauer und Wut über die verlorene große Liebe Marie hingibt. Immer wieder, wenn ihn die Erinnerungen zu übermannen drohen, jagt er hoch und tigert ruhelos hin und her. Gefangen ist er im Käfig seiner Erinnerungen und wie Rilkes Panther, seinem tierischen Seelenverwandten, ist ihm, „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“.

Hans Schniers ganzer unbändiger Zorn gilt der katholischen Kirche, die ihm, dem Atheisten und – schlimmer noch – ehemaligen Protestanten die Geliebte weggenommen hat, als sie sie in das enge Korsett ihrer Glaubensvorstellungen presste, denen Marie nicht zu entkommen wagt. Seine Wut gilt aber auch den reichen, lieblosen Fabrikanteneltern, die seine Schwester „für Volk und Führer“ in den Tod trieben, und letztlich gilt sie auch den restaurativen Tendenzen der jungen Bundesrepublik, von denen die unbarmherzigen Moralvorstellungen der katholischen Kirche nur ein Teil sind.

Für Hans Schnier freilich der bedeutendste Teil. An den kirchlichen Repräsentanten arbeitet er sich ab, an scheinheiligen Prälaten, an hohen Würdenträgern, die den Sprung vom mörderisch verbohrten Hitlerjungen zum Klopfer frommer Sprüche mühelos und ohne Blessuren geschafft haben.

Man kann Stück und Inszenierung vorwerfen, sie dresche leeres Stroh, weil die Kämpfe der sechziger Jahre, speziell in ihrer religiösen Variante, längst überholte Vergangenheit seien. Doch obwohl die Bühnenfassung von Heinrich Bölls Roman die eminent politischen Elemente eher ausblendet, blitzt hinter der scheinbar so ganz privaten Tragödie Hans Schniers in freilich veränderter Form immer wieder eine Wirklichkeit auf, die auch in unserem ach so schönen nach-68er-Deutschland von Intoleranz, Engstirnigkeit und Rassismus geprägt ist. So gesehen lassen sich etwa in Frauke Petry und Björn Höcke ebenso Wiedergeburten von Bölls scheinheiligem Prälaten und der unbarmherzigen Nazimutter wie von Salafisten vom Schlage eines Pierre Vogel erkennen.

Auf Bruno Giurinis mit einem wuchtigen Stufenpodest, ansonsten aber ganz sparsam eingerichteten Bühnen ist Ivan Dentler der traurige Clown Hans Schnier. Eine einzige Requisite, eine Clownspuppe, braucht er als Gegenüber, die er in einer besonders heftigen Auseinandersetzung schüttelt und würgt. Sonst aber misst er ruhelos die kleine Welt der Bühne aus, die zur Metapher seiner Gefangenschaft wird. Sehenswert, wie er blitzschnell vom Jammerlappen zum Wüterich mutiert, wie in stetem Wechsel sich Verzweiflung und Zorn, Hohn und Trauer auf seinem Gesicht und in seiner Körperhaltung abzeichnen. Eben noch der aufrichtige Kämpfer gegen Heuchelei und Bigotterie ist er gleich darauf ein Häufchen Elend.

Seinen Gegnern, den Prälaten, Priestern, hohen Beamten, Industriellen gibt er in seinen endlosen Tiraden in verzerrender, karikierender Form Gestalt und erlaubt ihnen doch ein Stück Authentizität und macht sie nicht vollends zu Pappkameraden, sondern lässt auch in ihrer Kümmerform Menschen aus Fleisch und Blut erkennen.

Nur an Marie, die verlorene Geliebte, wagt er sich nicht heran. Sie existiert lediglich als Stimme und Gesang von Sina Schulz und erscheint in seiner Erinnerung – ein schöner Regieeinfall – lediglich als Klagelied über eine entschwundene Vergangenheit und kaum noch geglaubtes Echo eines verlorenen Glücks.

Nächste Vorstellungen: 3.3., 4.3., 10.3.

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Jimi im Starpalast und Neo-Nazis ins Parlament

Nur ein Missverständnis? Uraufführung von Jens Raschkes
„Schwarze Schocker“ bei DeichArt

Von Christoph Munk

Kiel. Nein, das glaub ich jetzt nicht! Was in der Uraufführung von Jens Raschkes neuem Stück „Schwarze Schocker“ geschehen ist, macht mich im Foyer des Werftpark-Theaters erstmal ratlos. Und die Kollegin von der Tagespresse zuckt auch nur mit den Schultern. Kann ich diese grob zusammen gehauene Story mit ihrer an den Haaren herbeigezogenen Kausalität wirklich als gut gemeint hinnehmen? Kann ich das rohe, holzpuppenhafte Spiel der drei DeichArt-Akteure seriös als darstellerische Leistung beurteilen?

Kluger Kopf – beste Absichten?

Kann ich nicht. Denn das hieße zu vergessen, dass ich Jens Raschke als behutsamen Autor vor allem für Kinder- und Jugendtheater kennen gelernt habe. Dass ich ihn als erfahrenen Dramaturgen und gescheiten Journalisten schätze. Und das hieße zu vernachlässigen, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass einem so klugen Kopf nicht mehr entspringen könnte als eindimensionale Typen und restlos überzogene szenische Konfrontationen. Und das auch noch mit den besten Absichten?

Mama (Tom Keller) ist entsetzt, weil Hauke (Eirik Behrendt) eine Jimi Hendrix-Platte ins Haus bringt. (Foto: Olaf Struck)

Solche Voraussetzungen vergessen oder vernachlässigen? Das krieg’ ich nicht hin. Und so bleiben ein paar Fragen: Zum Beispiel die, wen wohl die im Prolog als Studententheater getarnte Kieler Publikumsbeschimpfung in Peter-Handke-Manier provozieren sollte. Oder welchen Erkenntniswert die klangliche Ähnlichkeit im Namen der Hauptfigur, Hauke Petri, mit dem der heutigen AfD-Chefin liefern mag. Und welchen Sinn es macht, dessen Kleinfamilie völlig spießig und verblendet zu deformieren: Der Vater ein Kriegsheld, Neo-Nazi und vermutlich Holocaust-Leugner; die Mutter eine verängstigte Fremden-Hasserin und vor dem „Schwarzen Schocker“ rasant in eine Psychose abdriftend. Und warum sind die Gegenfiguren ähnlich krass gezeichnet? Sollten Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen nicht rein zufällig, sondern von vornherein ausgeschlossen sein?

Gewiss, die konstruierte Geschichte ist gerade runde 50 Jahre alt. Damals fielen im Kieler Frühjahr 1967 passend paar scheinbar wichtige Ereignisse zusammen: der erste Einzug der NPD in den Landtag und der Auftritt des Rock-Gitarristen Jimi Hendrix im Gaardener Starpalast, spektakulär angekündigt als „Der schwarze Schocker“. Ein paar Hippie-Eltern gab es auch schon, Freddy Quinn sang das dumpfe Anti-Gammler-Lied „Wir“ und Udo Jürgens trällerte seinen harmlosen Aufmunterungs-Schlager „Und immer wieder geht die Sonne auf“. War das alles wirklich so aufregend oder gar erschütternd? Eher nicht: Die Nazis verschwanden schnell in die Bedeutungslosigkeit und Jimi Hendrix war damals noch lange kein furchterregender Weltstar, sondern mit seiner Band The Experience als Vorgruppe auf seiner ersten europäischen Club(!)-Tour – vor ein paar Tagen Offenbach, morgen Herford. Aber warum musste das alles so zugespitzt in Raschkes Muster-Drama-Kollektion 1967? Und warum blendet der Autor völlig aus, dass im Frühsommer des selben Jahres Kieler Schüler und Studenten massenhaft wegen Erhöhungen der Straßenbahn-Tarife auf den Schienen saßen und in der Uni die ersten „Sit ins“ etablierten? Prägte das – Aufstand gegen die Autoritäten, zunehmende Politisierung der Jugend – nicht nachhaltiger den Geist des Jahres und der folgenden Zeit?

Zu Knallchargen verdonnert

Warum lässt Jens Raschke keine Differenzierungen zu? Warum vermeidet er jedes sowohl als auch? Warum reduziert er den Einfallsreichtum seiner versierten Bühnenbildnerin Eveline Havertz auf Rückprojektionen und ärmliches Mobiliar? Warum verdonnert er seine Schauspieler Eirik Behrendt, Matisek Brockhues und Tom Keller zu knalligen Chargen? Warum begnügt er sich mit diesem einen simplen Schema? Papa reaktionär, Mama gaga und Idol Jimi verweigert in einer Backstage-Szene ausreichende Erklärungen. Wird aus Hauke Petri darum nach 30 Jahren wiederum ein Neo-Nazi? Ist das die Botschaft an die neue Generation, wenn sie das „Junge Theater im Werftpark“ besucht?

„Eine von Tatsachen inspirierte Tragikomödie“, kündigte das Theater Kiel an. Nein, ich glaub’ das immer noch nicht! Oder ist das alles ein Missverständnis? Etwa meinerseits?

Info und Termine: www.theater-kiel.de

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Poetische Seiltänze quer durch die Luft

Bewunderung für „La Ville Imaginaire“ mit Hans-Christian Hoth, Julian Arp und Caspar Frantz

Von Christoph Munk

Kiel. Es ist ja kein Geheimnis, dass Hans-Christian Hoth und ich uns seit vielen Jahren kennen. Unsere Beziehung schwankt zwischen Freundschaft und kollegialem Respekt. Dazu gehört ein offener, rückhaltloser Gedankenaustausch über unsere Arbeit; wir schätzen wechselseitig unser künstlerisches Urteil. So versteht es sich von selbst, dass es mir unmöglich ist, Hoths gemeinsam mit dem Cellisten Julian Arp und dem Pianisten Caspar Frantz gestaltete Aufführung der „Ville Imaginaire“ mit einer üblichen Rezension zu würdigen. Dazu fehlt mir der notwendige Abstand.

Hans-Christian Hoth (links), notorischer Theatersolist, findet kongeniale Partner: den Cellisten Julian Arp und den Pianisten Caspar Frantz. (Foto: La Deutsche Vita)

Gut so. Denn das gibt mir die Freiheit, den Abend im Kieler Schauspielhaus unumwunden einen Glücksfall zu nennen, ein Wunder des Zusammenspiels von Dichtung und Musik, ein heiter-nachdenkliches und dabei völlig unbeschwertes, leichtfertiges Fest der Poesie. Ich kenne, wenn ich mich recht erinnere, alle Programme Hans-Christian Hoths, bestaune stets seine Vielseitigkeit als Autor, Regisseur und Schauspieler in wechselnden Rollen, schätze seine Beharrlichkeit, sich meist als Einzelgänger im weiten Gefilde zwischen großer Dichtung („Faust“) und kleiner Kunst in seinen kabarettistischen Programmen zu bewegen. Hoths Interpretation von „La Ville Imaginaire“, dem Gedichtzyklus von Rudolf Stibill, habe ich immer am meisten bewundert – auch ohne Musik.

Dichtung und Musik wie füreinander geschaffen

Plötzlich hat der notorische Solist in dem Cellisten Julian Arp und dem Pianisten Caspar Frantz kongeniale Partner gefunden. Ihnen verdankt „La Ville Imaginaire“ eine so überraschend schlüssige Bereicherung, dass man glauben möchte, Stibills surrealistische Stadtbilder und die von Arp und Frantz ausgewählten Stücke für Cello und Klavier seien seit jeher füreinander geschaffen. Dabei schrieb der österreichische Poet seinen Zyklus über die eingebildete oder frei fantasierte Stadt fünfzig bis einhundert Jahre später als die dazu gehörig erscheinenden Kompositionen. Er mag sich in die Zeit des Impressionismus und des Aufbruchs in die Moderne hineingeahnt haben. Oder aber Hoths Partner platzieren ihre musikalischen Kommentare mit pfiffiger Repertoire-Kenntnis und lustvoller Stilsicherheit.

Geradezu programmatisch beginnt Hoth seinen poetischen Spaziergang durch jenen Ort, in dem Leute wie Philosophen und Haarkünstler ebenso ihre Heimat haben wie menschliche Zustände wie kleine Neurosen oder Mutmaßungen. Der Rezitator startet in der „Gasse der Seiltänzer“. Denn dort „bedarf es keiner gepflasterten Straße“, weil die „Wege durch die Luft gespannt“ sind. Dort geht es um Balance und um Halt durch Bewunderung.

Worte setzen sich auf Klänge, Töne zwischen die Zeilen

Balance ist eines der Zauberworte für dieses Zusammenspiel von Dichtung und Musik. Denn mit luftwandlerischer Sicherheit setzt Hoth Stibills Sätze auf die Klänge von Robert Schumanns „Stücke im Volkston“. Oder sind es Arp und Frantz, die Schumanns Töne sensibel zwischen die Zeilen schmuggeln? Schon da kommt der Verdacht auf, aus der musikalisch-lyrischen Befruchtung könnte ein schelmisches Gesamtkunstwerk schlüpfen. Denn Sätze aus Leos Janàceks „Märchen“ oder Ravels „Habanera“ schmiegen sich elegant und pointiert in die mal surrealistisch, mal augenzwinkernden Ortsbeschreibungen der Gassen, in denen die Posaunisten oder die Lachsalven, die Haarkünstler, Maskenbildner oder Zweideutigkeiten wohnen. Camille Saint-Saens’ „Der Schwan“ führt elegisch in das „Viertel der Idealisten“, bevor Anton Weberns drei markante, schroffe Sätze aus „Opus 11“ die Gassen der Jongleure, Schirmmacher und Winkeladvokaten charakterisieren. Volle tänzerisch beschwingte Erleichterung verschaffen am Ende des Stadtspaziergangs Manuel de Fallas vier Sätze aus der Suite spanischer Volkslieder.

Der Flaneur, der Cellist und der Mann am Klavier

Keine Effekte. Niemand trumpft hier vordergründiger Wirkung wegen auf. Hans-Christian Hoth gibt über die ganze Strecke und die große, offene Bühne den entspannten Flaneur, der mit Finesse Stibills wundersame Sprachblüten zum Leuchten bringt. Mit sparsamem Gestus und präziser, delikater Mimik gibt er dem romantischen Surrealisten Roman Sürtiker Gestalt – gewissermaßen Stibills und Hoths gemeinsamem Alter Ego. Nichts stört, nichts ist übertrieben. Und wenn er die beiden Musiker behutsam umkreist, sie alleine musizieren lässt, ihnen zuhört, ihrem gewitzten, dabei immer disziplinierten Spiel lauscht, scheint er im Duo Julian Arp und Caspar Frantz als Dritter im Bunde aufzugehen.

Wer führt hier? Wer reagiert hier auf wen? Prima la musica? Prima le parole? Keiner verrät das Geheimnis. Es ist, als ob, wie es bei Stibill heißt, „Familien einander seiltanzend besuchen“. Auf höherer Ebene. Einfach wunderbar. Und bitte öfter. Doch vorerst sind keine Wiederholungen in Sicht.

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Buntes Spiel mit der Sprache

Rike Reinigers „Lost and Found – ein Herz und andere Dinge“ feierte Premiere am Jungen Theater im Werftpark

Von Jörg Meyer

Kiel. Ein wenig fühlt man sich an Sprachlernsendungen im Bildungs-TV erinnert, wenn August und Judy in Rike Reinigers zweisprachigem Kinderstück „Lost and Found – ein Herz und andere Dinge“, das in der Inszenierung von Astrid Großgasteiger am Sonnabend im ausverkauften Jungen Theater im Werftpark Premiere feierte, den Dingen ihre deutschen und englischen Namen geben und so Ordnung in Augusts Kinderzimmer – und die Welt nicht zuletzt – bringen.

Und dabei wird es – zumindest für so genannt erwachsene Zuschauer, intuitiv aber gerade für die Kinder ab fünf Jahren, für die das Stück gemacht ist –, schon fast philosophisch: Sprache organsisiert die rund um uns vorgefundenen Dinge, macht die Welt begreifbar, indem wir sie mit Begriffen versehen, sie benennen. Wundern kann man sich dennoch wie der siebenjährige August (als forscher Spring-ins-Feld gespielt von Sebastian Kreuzer), warum die Englisch sprechende Judy (Kristin Hansen gibt sie mit der frechen Aufgewecktheit einer Pippi Langstrumpf) einen Löffel „spoon“ nennt. Und warum „guck’“ fast so wie „cook“ klingt, obwohl Schauen und Kochen doch ganz verschiedene Tätigkeiten sind. Die „Arbitrarität des Zeichens“ nennen das Sprachwissenschaftler achselzuckend und wundern sich nicht minder, dass die Namen der Dinge diese eigentlich erst zum „thing-Ding“ machen.

Im Ritterspiel von August (Sebastian Kreuzer) und Judy (Kristin Hansen) wird aus den Dingen etwas anderes als ihr Name vermuten lässt. (Foto: Olaf Struck)

Aber genug der Philosophiererei. Die beiden Kinder eigenen sich die jeweils fremde Sprache – und damit die kleine Welt im mit farbigen Bauklötzen möblierten Kinderzimmer (Bühne: Astrid Großgasteiger) – spielerisch an, denn Sprache ist letztlich auch nur ein Spiel. Das ist so fantasievoll, wie es nur Kinder können. Nämlich, indem aus den benannten und damit begriffenen Dingen in ihrer Fantasie ganz andere werden: Im Ritterspiel der beiden aus dem „Löffel / spoon“ ein „Schwert / sword“ und aus dem „Kochtopf / cooking pot“ ein „Helm(et)“. Und wenn die „Prinzessin“ ihr „Herz verliert / lost my heart“, ist das zwar symbolisch gemeint, in der Kinderwelt ist’s aber ganz dinglich ein roter Luftballon – erfunden, also wiedergefunden.

Knallbunt sind die verlorenen Dinge im Kinderrund und –mund, und finden sich wieder an, indem sie sich wie bei den „logischen Blöcken“, die manche Eltern noch aus der Mengenlehre ihrer Grundschulzeit kennen, nach Farben ordnen lassen, auch wenn ein grüner Löffel und ein grüner Eimer doch ganz verschiedene Dinge sind. So wird das lästige Aufräumen zum Kinderspiel.

Am Ende passt auch die große gelbe Rolle genau ins Loch im roten Schrank-Bauklotz, hat alles seinen Platz gefunden, selbst wenn es „into the bin / in die blaue Tonne“ gewandert ist – als Material fürs nächste (Sprach-) Spiel.

Nächste (noch nicht ausverkaufte) Aufführungen: 21.2., 10 Uhr; 28.2. und 14.3., 10.30 Uhr. Karten: Tel. 0431/901901, www.theater-kiel.de.

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Kultur auf Schwundstufen

Ein Einwurf zur Begleitveranstaltung der Ausstellung
„Bürger auf Abwegen. Thomas Mann & Theodor Storm“ im Landeshaus

Von Hartmut Tödt

Ich liebe es, die Kunstbereiche, in denen ich seit Jugendzeiten heimisch bin bzw. die mir in den Jahrzehnten zur Heimat geworden sind und nach denen ich in ihrer Abwesenheit regelmäßig Heimweh empfinde mit dem spärlichen Trost, sie in mir selbst inszenieren zu können, ich liebe es, diese Kunstbereiche zu „verlebendigen“, mich ihnen zu öffnen, mich von ihnen provozieren zu lassen und zuzulassen, dass durch sie etwas Bemerkenswertes in mir geschieht, das mich – vielleicht nur um Nuancen – kontinuierlich verändert. In Situationen wie der Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Bürger auf Abwegen. Thomas Mann & Theodor Storm“ am vergangenen Montagabend (6.2.2017) im gutgemeint zweckentfremdeten Plenarsaal geschieht dieses – vergleichbar meinen Erfahrungen in zahllosen Konzertsälen der so genannten Hochkultur – durchaus nicht.

Info-Tafeln, Originaldokumente und -gegenstände der beiden Dichter prägen die Ausstellung. (Foto: Landtag)

Alles wird, der Rezeptionshaltung der Publiken entsprechend, eher „kulinarisch“ zum wohlfeilen Verzehr präsentiert, Sperriges, Eckiges, erratisch über den Köpfen Schwebendes abgerundet und „eingeholt“, so dass auch die Gefahr eines seelischen „Durchfalls“ ins spurenlose Abseits gerät und damit ebenjenes „Abseits“ verstellt wird, in dem die schwierigen „bürgerlichen“ Abwege etwa eines Theodor Storm oder eines Thomas Mann wirklich wenigstens skizzenhaft erkennbar werden, die – nach der „Vivisektion“ der Fassaden – keineswegs mehr mit der zur Schau gestellten (mediokren) spätbürgerlichen Qualität der „Kennerschaft“ zur Deckung zu bringen sind. Diese Inkongruenz zu verdecken, dazu trägt selbst der inhaltlich gelungene Vortrag eines so renommierten Literaturwissenschaftlers wie Heinrich Detering nicht eben Weniges bei. Und die Schönheit von Rhetorik und Suada und das adorierte Spezialistentum entfalten dabei eine das aktive „Vergessen“ zusätzlich verstärkende sedierende Wirkung!

Und dann: Warum rezitiert man nicht wirklich Unheimliches, das einen frieren macht, wie z.B. „Einer Toten“ oder „Geh nicht hinein“ von Storm – zusätzlich zu den von mir bereits geahnten „Hyazynthen“, sehr wohl als Copula zu „Tonio Kröger“? Sicher, man trägt die Tanzstunde aus dem 2. Kapitel der Novelle in Auszügen vor, und zwar in der „natürlichen“ Gewissheit einer erwartungsgemäß „günstigen“ Aufnahme beim Publikum. Ja, „und wir waren darüber doch spürbar im Mindesten amüsiert“ (fast ein O-Ton Thomas Mann). Da mag unser guter, wohlintonierter Freund im Übrigen durchaus richtig liegen, wenn er meint, das nun könne auch Schüler und Schülerinnen wie eine geile Käseprobe aus ihrem kulturellen Mauseloch locken … irreführend aber die optimistische Annahme, dieses nun sei „effektiv“ im Stande, ein „tieferes Interesse“ an den ästhetischen Botschaften gerade dieser Novelle zu evozieren. Übertragbar auf vieles andere aus dem frühen Prosawerk, v.a. auf „Tristan“, „Friedemann“ und „Wälsungenblut“.

„Irrwege“ oder doch nur „Abwege“?

Warum erarbeitet man nicht die tieftragischen Analogien zwischen „Immensee“ und „Tonio Kröger“, auf die Thomas Mann in seinem Essay von 1930 ja durchaus in Andeutungen hinweist? Richtig, „man“ verweist zu Recht auf den Primat der Affinität Thomas Manns zur Lyrik Storms, ohne – wie gesagt – diese motivisch tiefer auszuloten, aber Tonio Kröger findet im Storm-Essay ja durchaus eindeutig statt. Das zentrale Kapitel 4, nämlich die die Wendung einleitende Unterredung mit Lisaweta Iwanowna, wird eigens überhaupt nicht thematisiert. Hier aber findet sich der eigentlich authentische „Titel“ der hiesigen Ausstellung in der finalen und für den Protagonisten vernichtenden Aussage der wirklichen Künstlerin Lisaweta: „Sie sind ein Bürger auf Irrwegen, Tonio Kröger – ein verirrter Bürger.“ Akzeptabler sind für eine solche Ausstellung natürlich die Abwege; gut, die probate Abwandlung hätte aber gern kurz problematisiert werden können.

Was bedeuten denn eigentlich für Tonio Kröger die „Wonnen der Gewöhnlichkeit“, nach denen er sich so sehr sehnt? Es sind – so meine Antwort – die verschlungenen erotischen Wege, nur oberfläch gesehen „Abwege“ oder „Irrwege“, nein, gezielt intendierte Wege Aschenbachs in der eigentlichen Geschwisternovelle „Tod in Venedig“, in der sich seine Identität gewollt verliert, ertrinkt und stirbt im imaginierten Meer und Mehr der Schönheit, die Mensch im Sinne Platons und Graf von Platens sinnlich in ihrer Vollkommenheit gar nicht ertragen kann. Organisch angelegt wäre hier der Verweis auf das von Mann so geliebte Gedicht „Tristan“ von August von Platen, beginnend mit den Verszeilen „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, / Ist dem Tode schon anheim gegeben.“ Warum nicht so etwas zeigen? Etwas, das ein Publikum irritiert und nachdenklicher entlässt.

Kulturelles „business as usual“

Die Werke beider Autoren sind voll solcher Möglichkeiten. Und was heißt am Ende der Novelle Tonio Kröger, als er im Vollzug einer Selbst-Offenbarung an Lisaweta schreibt: „Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“ Was heißt das? Die ganze, vermutlich heute unzeitgemäß anmutende Bürger-Künstler-Problematik jener beiden in ihrer tiefen (biographischen) Tragik hätte bei der Veranstaltung andere, provokativere Konturen annehmen können. Mag vielleicht auch eine Einsicht dahinter liegen, solches angesichts von „angenommen kultivierten Menschen“ in diesen Zeitläuften gar nicht mehr zu versuchen, in denen oft die Tiefe des Gemüts zur leblosen Fläche erblasster Gesichter erstarrt, die im Eigentlichen gekommen sind, um sich zu zeigen und dann wieder so zu gehen, wie sie gekommen sind. Ich ziehe heimlich vondannen, um mit 50 dieser „Repräsentanten“ nicht geführte Small Talks zu überleben. Das alles erinnert an das Wunderhorn-Gedicht „Des Antonius Fischpredigt zu Padua“, irrsinnig treffend vertont von Gustav Mahler.

Der Landtagspräsident eröffnet mit scheinbar kundigen Worten im Blick auf Storm und Thomas Mann, Offenheit des Hauses zur gelebten und lebendigen Kultur unseres Landes; ein prominenter E-Bank-Manager folgt den kleinen, schon ausgetretenen Spuren, Analogien zwischen beiden Autoren, ja, wer hätte das gedacht!; fast sprachlos vor mit gebremstem Schaum vermittelter Begeisterung, der Präsident der Storm-Gesellschaft, nett, aber mit sachlichen Schwächen; der Festvortrag von Detering – siehe oben.

Kulturelles „business as usual“, Kulturbetrieb auf schwer erträglicher Schwundstufe. „Eingreifendes Schreiben“ (Brecht) ist mehr als nur in Ansätzen beiden „Meistern“ ganz zweifellos zu unterstellen; hier aber wurde augenscheinlich „alles“, selbst das in Literatur nur geheimnisvoll Hingeraunte, mit Luft nach oben begriffen. In einem anderen als dem gewohnten Sinn war am Ende dann alles vergriffen …

Die Ausstellung ist noch bis zum 21. Februar im Landeshaus (Düsternbrooker Weg 70) zu sehen.

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An- und Entspannungen mit Musik

Hineingelauscht in den 54. Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“

Von Jörg Meyer

Kiel. Rund 130 junge Musiker zwischen zehn und 20 Jahren aus den Bereichen Klavier, Harfe, Gesang, Drum-Set (Pop), Akkordeon-Kammermusik sowie Streicher- und Bläser-Ensemble stellten sich am Wochenende im Ernst-Barlach-Gymnasium und der Musikschule Kiel dem Urteil der Jurys des 54. Regionalwettbewerbs „Jugend musiziert“. Ein Wettbewerb, der mit all seinen Regularien manchmal etwas angespannt wirkt, aber auch immer wieder zeigt – bei Publikum wie Teilnehmern –, welche Quelle der Freude Musik ist. Wir haben hineingelauscht.

Die Milderung der Anspannung beginnt für die jungen Musiker (und ihre manchmal viel aufgeregteren Eltern und Lehrer) schon am Empfang. „Wir verteilen Gummibärchen und sagen, es seien Beruhigungspillen“, lächelt Angelika Stargardt aus dem Kulturamt, die zusammen mit ihrem umsichtigen jungen Team den Wettbewerb vor Ort begleitet. „Wir sind die guten Geister.“ Und die machen auch mal eine Ausnahme. So darf das beim Lübecker Regionalwettbewerb erkrankte Saxofontrio „selbstverständlich hier antreten“, wo eigentlich nur Teilnehmer aus Kiel und dem Umland zugelassen sind. Max Friedrich Gerke, Emma Maetzel und Vanessa Schlender sind schon beim Einspiel entsprechend entspannt und auf der Bühne der EBG-Aula souverän, wenn man das von 10- bis 12-Jährigen behaupten kann. Thomas Morleys „Canzonetta“ spielen sie als Präludium zu Helga Warner-Buhlmanns „Suite Tango & Co.“, die sie als Saxofonisten auch mal jazzig nehmen dürfen. Bei „Blues“ und „Walzer“ wippen manche im Publikum unwillkürlich entspannt mit.

Zeitgenössische Musik weckt Spielfreude

Etwas schwerer hat es das Kieler Trompeten-Quartett mit Vincent Dettenborn, Jonathan Ramann, Nick Heimann, und Daniel Bethke. Beim „Jägerchor“ aus Webers „Freischütz“ geht der ein oder andere Ton daneben. Aber was macht’s? Die Freude am Ensemble-Spiel ist hörbar und wird mit Leroy Ostranskys „Fanfare und Allegro“ umso sicherer als Trumpfkarte ausgespielt.

Schon ein Jahr älter – und das macht in so jungen Jahren einiges an Erfahrung und Beherrschung des Instruments aus – sind Timm Benjamin Reich, Richard Paul Wegner (beide Geige) und Fabiana von Schlieffen (Cello). Auch sie haben ein Faible für die zeitgenössische Musik, denn bei Xaver Paul Thomas „Terzettino Piccolo“ entfalten sie Klangfarben, die aus Flageoletts, Glissandi und perkussivem Spiel mit dem Holz des Bogens entstehen.

Frühe Meisterschaft entdeckt

Der junge Pianist Ben Wittrock beim entspannten Einspielen (Foto: Björn Schaller)

So faszinierend – angesichts des jungen Alters der Musiker – das schon ist, man entdeckt auch früh gereifte Meisterschaft. Pianist Ben Wittrock (Altersgruppe der 15- bis 16-Jährigen) liefert in seinem 20-minütigen Vorspiel ein kleines Konzert ab. In Bachs „Partita Nr. 2“ glänzt er mit Präzison und cembalesker Behandlung des „Claviers“, um in Beethovens „Klaviersonate Nr. 17, op. 31“ die Skalen mit solcher Flüssigkeit zu spielen, dass man sich nicht entspannt zurücklehnt, sondern angespannt auf der berühmten Stuhlkante lauscht. Mit den „Frösömblomster“ des Schweden Wilhelm Peterson-Berger rundet er sein Programm mit balladeskem Kolorit ab.

Und wie er dann lässig von der Bühne abgeht – da sieht man einen Kommenden, den man hier nicht zuletzt gehört hat. Und genau darum geht es bei „Jugend musiziert“: Abseits von Wettbewerbsanspannung und Punktewertung jungen Talenten eine Bühne zu bieten, sich und ihre Musik entspannt auszuprobieren. Oder wie es Angelika Stargardt sagt: „Hier sind alle Sieger!“ Wir Lauschenden nicht zuletzt.

Ergebnisliste des 54. Regionalwettbewerbs „Jugend musiziert“ in Kiel („LW“ bedeutet Weiterleitung zum Landeswettbewerb vom 17. bis 19. März 2017 in Lübeck)

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Hexentanz und „Hitmelodie“

Das Jazz-Trio Triologue gab sich im STATT-Café gewohnt experimentierfreudig

Von Jörg Meyer

Kiel. Eine gute Gewohnheit, dass das Lübecker Trio Triologue zu Beginn des Jahres dem STATT-Café einen Besuch abstattet. So erzählt Bassist Johannes Huth treuen Zuhörern nichts Neues, wenn er gesteht: „Wie Sie schon gehört haben, sind wir ja eher experimentell.“ Wer ihn, die Tastenfrau Ninon Gloger sowie Drummer und Sample-Spezi Olaf Koep, die seit zehn Jahren nicht nur im Norden als Perlen der avantgardistischen jungen Jazz-Szene gelten, noch nicht kennt, weiß es seit dem ersten Stück.

Avantgarde ganz locker: Triologue (v.l.: Olaf Koep, Ninon Gloger, Johannes Huth – Pressefoto)

„A Strawberry Tree Bees“ titelt jenes recht enigmatisch, ist ganz neu und lässt zunächst Alltagsgeräusche aus dem Sampler summen. Aus solchem Klangschwarm nach Art der musique concrète schält sich eine fast poppige Melodie, als destillierte das Trio sie aus der Ambient-Soundscape – und der Erkenntnis, dass Musik aus der (An-) Ordnung des Geräuschs entsteht. Ein neumusikalischer Gedanke, der jedoch wie im „Wedding Waltz“ ganz ohne Avantgarde-Verspannung ungemein locker, geradezu tanzbar eingelöst wird. Dass im „Barock Modul“ Bachs trotz aller Formenstrenge wohltemperierte Klavierleichtigkeit jazzigste Urständ’ feiert, in der „Rondoballade“ das „Dies irae“-Motiv aus Berlioz’ „Symphonie fantastique“ hexentanzt und die (Folk-) Melodie des schwedischen Grieg-Zeitgenossen Wilhelm Peterson-Berger im Ratespiel niemand erkennt – geschenkt.

Mehr noch, ein Geschenk! Denn Triologue collagieren nicht einfach postmodern, sondern schmelztiegeln Alte und Neue Musik, Jazz, Electro-Pop, Hardrock, World Music, wie es sich nicht erst seit Fusion für Jazz gehört. Nicht Kompilation, sondern Transformation ist das Prinzip der weitgehend Eigenkompositionen von Triologue. Olaf Koep hat alle komponiert, bis auf die eingängige „Hitmelodie“. Sie stammt aus Ninon Glogers gelenkiger Feder und feingliedrigen Fingern, „heißt erstmal nur so, Arbeitstitel“, der aber sehr treffend ist.

„Ja, wir können auch schön“, bestätigt Huth. Als hätten wir es nicht schon längst gehört in „Liebesleid und Lust“, wo eine Stimme spricht: „Wir lieben das wild lebende Pferd – und fangen es!“ Triologue aber folgen seinen freien und ungestümen Galoppen und Sprüngen.

Infos und Hörproben: www.triologue.de

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„Hans Schniers Geschichte schlägt ins Heute“

Christian Lugerth inszeniert Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ bei den Kieler Komödianten

Von Christoph Munk

Kiel. Als er sich in einem Hamburger Antiquariat eine Ausgabe von „Ansichten eines Clowns“ besorgte, fand er auf dem hinteren Umschlag ein Etikett der Taschenbuchhandlung H. W. Plön in der Kieler Wilhelminenstraße. Da war die Sache klar: „Man konnte darin ja locker einen Wink des Schicksals erkennen“, sagt Christian Lugerth. Und so sei es ihm leicht gefallen, den Auftrag der Kieler „Komödianten“ anzunehmen, Bölls Roman in einer Bühnenfassung zu inszenieren – in der gleichen Straße, nur ein paar hundert Meter weiter. Jetzt rückt die Premiere der in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung entstandenen Produktion heran: 9. Februar.

Vom Roman zum  Bühnenmonolog.

„Ansichten eines Clowns“ erschien 1963 und erregte sofort enormes politisches Aufsehen, seiner kritischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit und ihrer Einflüsse auf die Gesellschaft der Bundesrepublik wegen und wegen vermeintlicher Angriffe gegen die Katholische Kirche. Doch welche Bedeutung hat heute das Werk eines Autors, der 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde und dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gedacht wird? „Böll war zunächst natürlich Schullektüre“, erzählt Lugerth. Und wer wie der Regisseur und Schauspieler als Student lange in der Kölner Südstadt gewohnt hat, für den war der Kölner Schriftsteller eine stets präsente Figur, „als Vorbild, Ratgeber und Mahner“. Jeder der den „Deutschen Herbst“ bewusst miterlebt hat, politisch „eher linksaußen“ orientiert war und revoltierend die Welt verbessern wollte, wird sich an Böll als moralische Instanz erinnern.

Doch heute, gut 50 Jahre später geht es darum, aus einem einst aktuellen, gesellschaftskritischen Roman einen wirksamen Theatermonolog zu machen. Denn die Hauptfigur, der gescheiterte Clown Hans Schnier – gespielt von Ivan Dentler –, steht allein auf der Bühne, trägt als Solist die Handlung und schlüpft in vielerlei Gestalten. „Wir haben beide, Ivan und ich, unabhängig voneinander eine gekürzte Version erarbeitet“, erklärt Lugerth. „Jeder hat deutlich gemacht, welche Teile in der Geschichte für ihn wichtig sind.“ Denn dem Regisseur wie dem Schauspieler war klar, dass nicht alle Erzählstränge verfolgt werden können. Dann wurde neu gemischt und daraus entstand eine Fassung, die vom Sohn des Verfassers, von René Böll, abgesegnet wurde.

Arbeiteten gemeinsam an einer Theaterfassung des Böll-Romans: Ivan Dentler (links) und Christian Lugerth. (Foto: Udo Carstens)

„Für mich als Regisseur war die Beschäftigung mit dem Stoff eine Reise zurück in die eigene politische Sozialisation“, sagt Christian Lugerth. Er nimmt die Gestalt des Hans Schnier als Stellvertreter für die eigene Erinnerung: Da stellt sich einer als Clown, als Künstler und Narr also, gegen das Erbe der Vergangenheit, lehnt sich gegen die Eltern auf, lebt sechs Jahre in einer wilden Ehe mit Marie und muss das Scheitern seiner Liebe hinnehmen, weil er sich weigert, mit ihr, der Tochter einer streng katholischen Familie, zum Traualtar zu gehen. Am Ende bleibt ihm nur eine bittere Bilanz. Die zieht er in einer großen Rückblende auf sein Leben, mit seiner Gitarre auf der Treppe des Bonner Bahnhofs sitzend. Da halten die Leute ihn für einen Bettler.

Eine Story von damals, längst nicht mehr aktuell? Christian Lugerth vertreibt diese Zweifel. „Auch für die Jüngeren gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte“, berichtet der 60-Jährige aus der Probenarbeit mit Ivan Dentler. Der, nicht viel älter als 30, kennt die Zeit, von der der Roman berichtet, nicht aus eigener Anschauung. Doch es gibt auch heute gültige Erfahrungen: „Eine Liebesgeschichte unter dem Diktat des Katholizismus“, nennt der Regisseur als Beispiel, „oder die angespannte Beziehung zu den Eltern. Und nicht zuletzt die Existenz des Künstlers in einer auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Leistungsgesellschaft.“

Der Schauspieler Ivan Dentler mag auf der Bühne in viele Rollen schlüpfen, dominierend bleibt die Figur des Clowns, dessen Profession Heinrich Böll nicht zufällig in den Mittelpunkt seines Romans gerückt hat. „Ich habe als Kind im Zirkus immer den dummen August geliebt“, gibt Lugerth zu. „Und der ist immer auf die Schnauze geflogen. Aber auch immer wieder aufgestanden.“ So gesehen, findet der Regisseur, „schlägt die Geschichte von Hans Schnier ins Heute“.

Info und Termine: www.kielertheater.de

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Auf Grund gelaufen – politischer Lemmingtrieb – Lost in Translation

Zu sprachlichen Dumm- und Gemeinheiten

Von Hannes Hansen

Hamburg Elbphilharmonie
(Foto: Madl)

Kiel. Endlich, nach vielen, vielen Jahren ist die Elbphilharmonie fertig und hat ihre Premiere in glanzvollem Rahmen gefeiert. Dass die ursprünglichen Kosten von geschätzten 186 Millionen Euro in den fast zehn Jahren, die seit der Grundsteinlegung im April 2007 bis zur feierlichen Eröffnung vor zwei Wochen verstrichen sind, auf gut und gern 866 Millionen angewachsen sind, sich also mehr als vervierfacht haben – Schwamm drüber, wir haben’s ja. Zwar weiß man nicht so genau, wozu Hamburg das schon vor Baubeginn als neues Wahrzeichen der Hansestadt gefeierte Glitzerding eigentlich braucht. Schließlich steht in Hamburg noch die über ein Jahrhundert alte Laeiszhalle mit mehr als zweitausend Plätzen und einer allseits gelobten Akustik und dient wie eh und je dem Musikleben der Stadt, aber die Anmutung des neobarocken Trumms ist dem nach Neuem und Aufbruch in die Zukunft gierenden Geschmack dann doch allzu verstaubt und gestrig.

(Foto: Avda)

Dass freilich die von niemand Geringerem als dem Stardirigenten Kent Nagano gelobte Akustik des großen Konzertsaals manchen Kritikern als kalt und allzu durchsichtig erscheint, dass sie keinen Fehler, kein Räuspern im Publikum, kein Schniefen eines erkälteten Musikers verzeiht, betrachtet man in Hamburg als unangemessene Mäkelei, und wir wollen bei dem Streit dann auch nicht weiter stören.

Und es ist ja wahr, die Elbphilharmonie, das Meisterstück des Schweizer Büros Herzog und de Meuron, das den einen an ein gespanntes Segel, den anderen an einen Eisberg, Dritte an Wellen oder einen Kristall oder sonst etwas denken lässt, hat aus einem banalen Backsteinspeicher eine triumphale Geste aus Glas und Stein werden lassen; eine Geste, die den Anspruch Hamburgs, zu den großen Kulturhauptstädten der Welt zu gehören, mit herrischer Eleganz verkündet.

Kaispeicher A
(Foto: Unbekannt)

Schon die strukturelle und bauliche Verwandtschaft mit Hans Scharouns Berliner Philharmonie aus dem Jahre 1963 (Bauzeit 3 1/2 Jahre) zeugt von dem Wunsch, das Vorbild zu übertreffen. Ob allerdings das Hausorchester, das „NDR Elbphilharmonie Orchester“, diesem Anspruch gerecht wird, muss sich erst noch zeigen.

Berlin, Philharmonie von Hans Scharoun
(Foto: Taxiarchos)

Sprachlich indes ist dieser Anspruch schon jetzt gescheitert. Wenn Jacques Herzog bei der Eröffnungsfeier das Werk seines Büros als „petrifizierte Seele der Stadt“ bezeichnete, wollen wir das noch durchgehen lassen. Das ist Architektenlyrik, die reden so. Dass aber alle Welt, vom Intendanten Christoph Lieben-Seutter über Politiker aller Couleur und allzeit dem sprachlichen Zeitgeist verpflichteten Journalisten bis hin zum so genannten „Volk“ von der „Elphi“ schwärmt, ist ein nicht nur linguistisches Armutszeugnis sondergleichen. Elphi, Herr im Himmel, E L P H I! Was sagt die infantile Verkürzung der Bezeichnung „Elbphilharmonie“ für das neue Wahrzeichen Hamburgs auf ein niedliches „Elphi“ eigentlich über den Geisteszustand derer aus, die sie benutzen? Solch kindisches Geschwätz lässt das „schönste Schiff, das von hier aus in See sticht“ (Lieben-Seutters  originales Metaphern-Geschwurbel) gleich beim Stapellauf auf Grund laufen. Aber wir haben’s halt gerne niedlich.

Da wir gerade bei Politiker- und Journalistenmetaphorik sind, noch das: Vor Jahren musste man ständig „Ross und Reiter“ nennen, wenn man klare Aussagen einforderte. Die Redewendung ist mausetot, heute brauchen wir ein neues „Narrativ“, wenn wir unseren Verlangen nach vernünftiger Europa-, Flüchtlings-, Sozial-, Außen- oder sonstiger Politik verkünden. Ob die Damen und Herren, die da neudeutsch daherschwätzen, wissen, dass in der Soziologie ein Narrativ eine sinnstiftende Erzählung, gleichsam einen in die Gegenwart übersetzten Mythos bezeichnet?

Jean-François Lyotard
(Foto: Bracha L. Ettinger)

Dass schon vor fast vier Jahrzehnten der französische Philosoph Jean-François Lyotard von einem „Ende der großen Erzählungen (Récits, Narrative)“ sprach und das Projekt Aufklärung oder die großen philosophischen Systeme des deutschen Idealismus für gescheitert erklärte, schert die Dummschwätzer wenig. Vermutlich wissen sie auch nichts davon. Aber auf Lyotards „Sprachspiele“, „kleine Erzählungen“, ad-hoc-Verständigungen für das Naheliegende wollen sie sich auch nicht einlassen, nein, sie wollen das große Ganze, die „große Erzählung“.

Was sprachlichen und vermutlich auch gedanklichen Unverstand angeht, hätte ich da noch ein Beispiel aus letzter Zeit. Die Bildzeitung führt ein Interview mit Donald Trump und lässt ihn sagen, er halte die Nato für „überflüssig“. So schlimm wie dieser aufgeblasene Präsidentenproll auch sein mag, das hat er nicht gesagt, und die Bildzeitung und ihre Nacchbeter tun ihm Unrecht. Was er gesagt hat, ist, dass die Nato seiner Ansicht nach „obsolete“ sei. Dass die Bildzeitung das flugs und zumindest teilweise falsch mit „überflüssig“ statt mit „antiquiert“, „veraltet“, „erneuerungsbedürftig“ übersetzt, wie es weitere Ausführungen Trumps zur Rolle der Nato nahe legen würden, ist entweder dumm, weil man auf dem falschen Bein Hurra schreit, oder erfüllt den Tatbestand der üblen Nachrede. Und dass eine ganze Politikerzunft und eine Reihe deutscher Journalisten – nicht alle, Gott sei Dank – ihrem Lemmingtrieb folgen und den Unsinn der Bildzeitung nachquatschen, ist ein Skandal. Seriös geht anders. Lost in Translation, fürwahr. Ein Blick ins Lexikon hätte Abhilfe schaffen können.

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