Beim 12. Honky Tonk Kneipenfestival konnte man sich rund um die Holtenauer Straße durch gemischte Gefühle treiben lassen

Von Jörg Meyer

Kiel. Gemischt sind die Gefühle in dieser Sonnabendnacht, wo rund um die Holtenauer Straße das 12. Honky Tonk Kneipenfestival steigt. Rund 24 Stunden nach den Terroranschlägen in Paris zuckt man bei jedem Blaulicht über einem rotweißen Krankenwagen, der durch die Holtenauer jagt, unwillkürlich zusammen. Allein, es sind auch die Farben der Trikolore, die wie die Musik in 19 Kieler Kneipen für kulturelle Vielfalt und Toleranz stehen.

Es mag an dem Schock von Paris liegen, dass es die Hamburger Live-Karaoke-Band The Almost Famous Club im Luna anfangs noch schwer hat, Spontan-Sänger ans Mikro zu locken, um aus einem Repertoire von 100 Songs einen selbst zu singen. Doch vielleicht soll man ja gerade jetzt und trotz alledem singen gegen die Angst und auch die Trauer. Malte und Iris trauen sich und machen mit Sportfreunde Schillers „Kompliment“ all denen ein solches, die sich nicht beirren lassen, die Liebe hochzuhalten gegen den Hass. Das Publikum versteht die Botschaft und stimmt im Chor ein.

Ähnliche Verbrüderungsgesten auch im benachbarten Pogue Mahone, wo Maik Trossehl, Bassist der Gütersloher Band The Dizzy Dudes, die Bühne verlässt und samt Kontrabass mit dem dicht gedrängten Publikum tanzt. Musik kennt eben keine Furcht und Grenzen, mit ihr geht sprichwörtlich alles besser, gerade auch verbindende Nähe beim fetzig hingerockten Blues-Klassiker „Sweet Home Chicago“. Nicht minder heimelich fühlt man sich in der Bäckerei Günther, die, bekannt für ihre witzigen Werbesprüche, heute „roggt“. Und zwar mit dem Lüneburger Trio Hepcazz, ein gärender Sauerteig des Rockabilly im Fifties-Style. Wer sich nach einem Tänzchen mit Sänger und Gitarrist Slidingcat Andy stärken will, für den steht „Szene“-Backwerk namens „Rockin’ Rolls“ in verschiedenen Gechmacksrichtungen bereit.

Ebenfalls ein illustrer Ort für rockende Rollenspiele ist das Café Ann. Wo sonst Sushi und Gimbab gerollt werden, servieren Bassist Reggie Worthy und Sängerin Ina Zeplin Rhythm’n’Blues. Selbstgemachten wie im balladesken „Day Without Night“ und eine unplugged-intime Version von Jimi Hendrix’ „All Along The Watchtower“. „There’s too much confusion, I can’t get no relief“, heißt es darin – und passt somit zum Gefühl dieser Novembernacht. Zur Freude des Publikums schrubbt das Duo den Cover-Song ruppig von den Saiten und bewahrt dabei doch die Contenance des souligen Gesangs.

Eine Holtenauer Arkade weiter trifft sich im N.I.L. die Jazz-Fraktion. Statt Bier kommen hier edle Weine in die Gläser, wenn die Blues-Lady Sydney Ellis im Quartett dem klassischen Bar-Jazz huldigt. Um ihr zu lauschen, muss man sich erstmal durch die vollbesetzten Tische vor dem Eingang schlängeln, wo trotz nieselnden Novembers ein Hauch von mediterranem Flair weht. Drinnen kaum ein Durchkommen, aber dafür hautenge Nähe zu Ellis und ihren drei Mannen in klassischer Besetzung mit Bass, Drums und Keyboard, die das „honky“ vom Tonk elegant ins „funky“ umdeuten.

Bodenständiger geht’s im Schweinske zu. Dort starten die Supercoverlovers ihr zweites Set. Bei Ich & Ichs „Vom selben Stern“ tanzt der Bär und pfeift das Schwein. Und nah dran an den Künstlern ist man auch hier. Denn gerade in dieser Nacht gemischter Gefühle und Musiken wird so fühlbar, dass wir alle „vom selben Stern“ sind – einem wenigstens hier friedlichen und freundlich verbundenen.