Die Ausstellung „Fotografie trifft Philosophie“ in der Kieler Stadtgalerie

Von Hannes Hansen

Kiel. Ein Zerrbild von als solchen kaum erkennbaren Bambushalmen, dazu die verschwommene Gestalt einer jungen Frau in Jeans und weißem Hemd spiegeln sich im Wasser. Das Foto des an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildeten und dort lebenden und lehrenden belgischen Fotografen Bernard Langerock ist Teil der Ausstellung „Fotografie trifft Philosophie im Heinrich-Ehmsen-Raum“, die heute Abend in der Kieler Stadtgalerie eröffnet wird. Die Suggestivkraft des Bildes wird noch durch Merksätze des Kieler Philosophen Hermann Schmitz vom Wesen der Philosophie gesteigert, auf die es reagiert. Auf einer Tafel neben ihm lesen wir: „Philosophie ist Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichbefinden in seiner Umgebung. In solcher Weise philosophiert jeder Mensch, der sich nicht ganz sicher eingebunden weiß und sich von dieser Unsicherheit nachdenklich Rechenschaft zu geben versucht.“

Den Weg zum Sichbesinnen des Menschen beschreibt eine weitere Tafel zu einer Nahaufnahme einer von Algen, Flechten und Moos überzogenen Baumrinde. Eines rätselhaften Bildes von hohem ästhetischen Reiz, das zunächst wie eine fotografische Wiederbelebung des Informel der vierziger und fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts anmutet und Assoziationsräume aufreißt und Interpretationsmöglichkeiten bereitstellt. Es antwortet auf Schmitz’ Sätze von der Aufgabe der von ihm konzipierten „Neuen Phänomenologie“, die „den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich“ und ihnen „die unwillkürliche Lebenserfahrung wieder zugänglich“ mache. Wobei für Schmitz diese unwillkürliche Lebenserfahrung alles ist, „was Menschen merklich widerfährt, ohne dass sie es sich absichtlich zurechtgelegt haben.“

Mit der Ausstellung gratuliert die Stadtgalerie zum 350-jährigen Jubiläum der Kieler Universität, an der Hermann Schmitz seit 1958 zunächst als Dozent, von 1971 bis 1993 als ordentlicher Professor eine prägende Gestalt war. Seine Neue Phänomenologie erwies sich weit über die Grenzen der Philosophie hinaus auch in Medizin, Soziologie und Psychologie als fruchtbar.

Hinter seinen den zunächst sperrig anmutenden Worten verbirgt sich ein im Grunde ebenso einfaches wie menschenfreundliches, weil freiheitliches Denken. Es gibt dem Menschen das Verständnis seines eigenen Lebens zurück, indem es seine unmittelbare, durch alle Sinne vermittelte Erfahrung zum Ausgang dieses Verständnisses macht, und zwar jenseits aller historischen oder anderen Prägung. Dies geschehe freilich in nicht-naiver, weil durch Reflexion, gedankliche Überprüfung und Abwägung vermittelter Weise.

Bernard Langerocks Bilder beziehen sich auf Hermann Schmitz’ philosophische Merk- und Leitsätze auf jeweils eigene Art. Alle in der Stadtgalerie gezeigten Bilder — etwa vierzig sind es – sind nicht als Illustrationen zu dessen Neuer Phänomenologie zu verstehen, bebildern also nicht platt eine bedeutsame Erkenntnis. Sie setzen auch nicht einfach eine Erkenntnis mit Mitteln der Kunst um, als die sich Langerocks Fotografien durchaus verstehen. Sie reagieren vielmehr auf die Philosophie Hermann Schmitz’ und geben ihr das, was sie als wünschenswert postuliert, die unmittelbare Sinnlichkeit. Wenn etwa ein Foto ein kleines chinesisches Mädchen in einem Hüpfsitz zeigt, so ist es zunächst einmal ein Bild von unmittelbarer Eigenständigkeit jenseits aller Theorie. Dabei durchaus mehrdeutig. Man fragt sich: Geht die Kleine einfach ihrem Bewegungsdrang nach oder ist sie eingezwängt in etwas, das sie nicht versteht? Ist das Bild eine Metapher für die Zwänge der chinesische Gesellschaft oder ist es kulturunabhängig? Hermann Schmitz’ Worte „Der ursprüngliche Sitz der Kausalität im Leben ist immer die Erfahrung von Kräften“ scheinen solche Fragen zu verallgemeinern.