Jochen Missfeldt erzählt von seinem Sylt jenseits von Gosch und Gogärtchen

Von Hannes Hansen

Kiel. In den Katakomben des Morsum Kliffs auf der Insel Sylt, umflattert von Schwalben, die durch eine Öffnung ihrer Höhle zum immer blauen Himmel ein- und ausfliegen, lebt die Steinkönigin. Natürlich gibt es in Wirklichkeit weder sie noch höhlenartige Katakomben in dem von Mythen und Legenden umwitterten Kliff. Doch die Schutzherrin der Kinder und ihrer ersten schüchternen Zuneigung für einander bekommt wie ihre Behausung eine poetische Realität in Jochen Missfeldts „Wiedergänger“, einer Liebeserklärung an „sein“ Sylt. Auch in dem dritten seiner in der Edition Eichthal erschienenen Landschaftsbücher ergänzen, wie schon bei den Vorgängern „Der Traum vom richtigen Leben“ und „Schleiland“, farbige Abbildungen von Gemälden den bibliophil gestalteten Band, diesmal von Syltbildern des Norddeutschen Realisten Friedel Anderson.

Jochen Missfeldts Buch erzählt „eine andere Geschichte von Sylt“, eine, die nichts mit Goschs Fischbude oder dem Gogärtchen, weder mit den Reichen, noch den Schönen zu tun hat, die die Insel zum teuersten Ferienort der Republik gemacht haben. Der Autor erinnert sich an eine Jahrzehnte zurückliegende scheu aufkeimende Liebe unter dem wachsamen Auge der träumerisch imaginierten Steinkönigin; an eine mit knappen, zurückhaltenden Worten geschilderte Liebe, aus denen doch ein noch kaum seines Ursprungs bewusstes Sehnen spricht. Aber „Wiedergänger“ erzählt auch von einem gefahrvollen Flug des früheren Bundeswehrpiloten JochenJochen Missfeldt über die Insel, auf der der ehemalige Starfighterpilot als Kind auf dem Rantumer Flugplatz der englischen Besatzungstruppen seine Begeisterung für das Fliegen entdeckte.

Vor allem aber erzählt das Buch von den Wiedergängern des Titels, den Untoten, die in den Lebenden auferstanden sind. Immer wieder taucht der koboldartige Meermann Ekke Nekkepen auf, dessen Gestalt in den Sagen von den „Ünnereersken“ weiterlebt, den Unterirdischen, vielleicht den vorzeitlichen Bewohnern Sylts vor dessen Besiedlung durch die Friesen. Einer seiner Wiedergeburten ist der Sylter Sparkassendirektor Ludwig Borstelmann, den die Nazis erst um seinen Besitz und dann, als er sich vor Gericht erfolgreich gegen seine Enteignung wehrte, ins KZ brachten, wo er unter ungeklärten Umständen starb.

Ein anderer Wiedergänger Ekke Nekkepens ist der kauzige Privatgelehrte Gregor Gregorius, hinter dessen leicht veränderter Biographie der Gründer des Neumünsteraner Heimattierparks, der Maler, Schriftsteller, Hobbyarchäologe, Rundfunk- und Fernsehautor Peter Kuhlemann mit verschmitztem Lächeln hervorschaut. Mit dem aus der Zeit und ihrem Materialismus herausgefallenen Mann verbinden den Autor viele Erinnerungen an Gespräche, Ausflüge und andere Unternehmungen, an geliebte Frauen und Kinder.

Im Gegensatz zu den manchmal geisterhaft anmutenden lyrischen Beschwörungen der Vergangenheit und Gegenwart Sylts stehen die tonigen, von der Luft und dem Licht der Insel vibrierenden Bilder Friedel Andersons. Jochen Missfeldt charakterisiert sie ebenso knapp wie zutreffend, in ihnen fange der Maler „die Stille dieses Tages und die Unschuld der Schöpfung ein“.

Jochen Missfeldt: „Wiedergänger – Eine andere Geschichte von Sylt mit Bildern Friedel Andersons“. Edition Eichthal, 94 S., Vorzugsausgabe in 1000 nummerierten Exemplaren 34,50 Euro, die ersten 120 mit je einer farbigen Radierung von Friedel Anderson 150 Euro. Die „kleine Ausgabe“ (Hardcover) 14,80 Euro. Näheres unter www.edition-eichthal.de.