Ulrich Höhns’ Buch „Zwischen Avantgarde und Salon“ untersucht die Rolle Cäsar Pinnaus als Architekt „für die Mächtigen der Welt“

Von Hannes Hansen

Als man ihm seine Mitarbeit an Albert Speers megalomanen Planungen für die „Reichshauptstadt Germania“ vorwarf, soll der Hamburger Architekt Cäsar Pinnau (1906 – 1988) gesagt haben: „Ich hätte auch für den Teufel gebaut, vorausgesetzt, er hätte mich nach den Regeln der Kunst bauen lassen.“

Die Regeln der Kunst, der Baukunst und des Entwurfs von Möbeln, Schiffen Gebrauchsgegenständen, beherrschte er in der Tat, wie Ulrich Höhns’  überaus faktenreiche und differenzierte, von einer Vielzahl von Abbildungen gestützte Analyse des Werks von Cäsar Pinnau „Zwischen Avantgarde und Salon – Cäsar Pinnau 1906-1988 – Architektur aus Hamburg für die Mächtigen der Welt“ (Verlag Dölling und Galitz, 270 S., 49,90 €) beweist.

Cäsar Pinnaus Studienarbeit für ein Lichtspiel-Theater. Foto: Hamburger Architekturarchiv

Cäsar Pinnaus Studienarbeit für ein Lichtspiel-Theater.
(Foto: Hamburger Architekturarchiv)

Gesellschaftsraum im Luftschiff "Hindenburg" Foto. Bundesarchiv

Gesellschaftsraum im Luftschiff „Hindenburg“
(Foto: Bundesarchiv)

neue-reichskanzlei-festsaal

Neue Reichskanzlei, Festsaal. (Foto: Hamburger Architekturarchiv)

Entwurf für die Nord-Süd-Achse Berlins

Entwurf für die Nord-Süd-Achse Berlins

Pinnau konnte Bauhaus-Moderne, sichtbar etwa am Entwurf eines Lichtspiel-Theaters in Hamburg aus dem Jahre 1928 oder an den Stahlrohrmöbeln für das Luftschiff L129, die er um 1930 gestaltet.

Wenige Jahre später dann kann er auch den kantigen und gewalttätigen Neoklasszismus von Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer. Der zieht den begabten jungen Mann für den Innenausbau der Neuen Reichskanzlei ebenso wie zu Planungen für die große Nord-Südachse heran, die er durch Berlin schlagen will.

Nach dem Krieg ist dann erstmal Schluss mit öffentlichen Aufträgen. In Hamburger Bürgerschaftskreisen will man mit dem Mann, den der Architekturkritiker Gert Kähler einmal „geschmeidig bis zur Selbstverleugnung“ nannte, nichts zu tun haben.

Doch da sind ja noch die Reichen und Schönen. Für sie baut Pinnau eine Reihe von Villen in verschiedenen Spielarten des Neoklassizismus und das durchaus gekonnt.

Da ist vor allem der Back- und Puddingpulver-König Rudolf-August Oetker. Als Mitglied der Reiter-SA und Freiwilliger bei der Waffen-SS – „dienen“ musste er freilich nicht, sein Betrieb war ja „kriegswichtig“ – auch ein Mann der gelenkigen Anpassung. Der hat sich, um in der feinen Hamburger Gesellschaft Anerkennung zu gewinnen, eine Reederei zugelegt und zwar die „Hamburg-Südamerikanische Dampfschiffahrts-Gesellschaft“, vulgo „Hamburg Süd“. Mit der Anerkennung klappt es zwar zunächst nicht so ganz – die renommierte Reederei heißt unter vorgehaltener Hand nun „Puddinglinie“  und ein bisschen „bäh bäh“ ist der Emporkömmling, anders als der wendige Cäsar Pinnau, bei der Hamburger Oberschicht schon – aber gemach, das wird sich geben. Er residiert in der feinen spätklassizistischen Villa „Die Bost“ des Großkaufmanns Richard Godeffroy. Sie renoviert sein Hausarchitekt zu Oetkers vollster Zufriedenheit.

Cap San Diego

Cap San Diego

Und dann darf das Multitalent auch Schiffe für die Hamburg Süd entwerfen, zunächst ab 1950 die der Santa-Klasse („Santa Ursula“, „Santa Teresa“ usw.), dann die wegen ihrer Eleganz „die weißen Schwäne des Süd-Atlantik“ genannten Cap-San-Schiffe, wie die jetzt im Hamburger Hafen als Museumsschiff liegende „Cap San Diego“. Für den Großreeder Aristoteles Onassis, der sich im Laufe seiner Karriere auch die Beutestücke Maria Callas und Jackie Kennedy als Gespielinnen zulegt, baut Pinnau Anfang der 50er Jahre eine Fregatte zur schicken Yacht „Christina O.“ um, die 1954 bei den Kieler Howaldt-Werken vom Stapel läuft, und sorgt – gelernt ist gelernt – auch für den Innenausbau.

Christina O.

Christina O.

Nichts ist darüber bekannt, was der vorgebliche Feingeist von der vulgären Geste Onassis’ hielt, die Barhocker des Salons mit der Haut der Penisse von Pottwalen beziehen zu lassen. Eine Tatsache, auf die der Reeder vor allem weibliche Gäste beziehungsreich hinwies, hatten sie einmal Platz auf dem Sitzmöbel genommen. „Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sitzen“, soll er die Damen gefragt haben.

Olympic Tower

Olympic Tower

Für König Faruk von Ägypten baut Pinnau eine Villa, für den Scheich von Kuweit einen Palast in der Wüste, für Onassis’ Schwager Niarchos eine Segel- und eine Motoryacht. Man ist wieder wer, und bei Bedarf kann man auch wieder Moderne. Wie bei Onassis’ funktionalistischem „Olympic Tower“ in New York von 1958 oder ein Jahr später bei dem Verwaltungsgebäude der Hamburg Süd am Nikolaifleet. Bauten, derer sich auch ein Mies van der Rohe nicht schämen müsste. 1986, zwei Jahre vor Pinnaus Tod, folgt dann noch einmal ein Juwel in Blankenese. Diesmal wieder etwas ganz Feines, eine achteckige Villa, die, sieht man einmal von einigen Stilzitaten des Neuen Bauens ab, auch der überaus einflussreiche Renaissancearchitekt Andrea Palladio entworfen haben könnte.

Hamburg Süd Verwaltungsgebäude

Hamburg Süd
Verwaltungsgebäude

Villa in Blankenese

Villa in Blankenese

Kurz, wir sehen, der Mann konnte alles. Nur eines konnte er nicht: der Versuchung zur Anpassung an den jeweils herrschenden Zeitgeist widerstehen. Und dass man ihm Anbiederung an die Nazis vorwarf, scherte ihn wenig. Eine deutsche Karriere. In seinem in der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs  erschienenen Buch nennt Ulrich Höhns ihre Stärken und Schwächen, ohne die moralische Bedenklichkeit der Haltung Pinnaus zu verschweigen. Eine Studie, die für lange Zeit ihre Gültigkeit behalten dürfte.