Kapellmeister Jimmy Chiang über die Arbeit mit den Wiener Sängerknaben und ihren Besuch beim SHMF

Interview: Andreas Guballa

Die Wiener Sängerknaben blicken auf eine äußerst traditionsreiche Geschichte zurück: 1498 vom deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. gegründet, zählen die insgesamt vier Chöre heute zu den renommiertesten der Welt und genießen ein hohes Ansehen. Oft begeistern sie bis zu einer halben Million Zuschauer jährlich mit engelsgleichen Stimmen und klarer Intonation. Nun geben die musikalisch hochbegabten jungen Sänger im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals drei Konzerte: in Ratzeburg (28. Juli, Restkarten), Meldorf (29. Juli, Restkarten) und Itzehoe, (30. Juli, Warteliste). Andreas Guballa hat mit dem Kapellmeister des Chores, Jimmy Chiang, gesprochen.

Jimmy Chiang ist seit Herbst 2013 Kapellmeister der Wiener Sängerknaben. (Foto SHMF/Lukas Beck)

Jimmy Chiang ist seit Herbst 2013 Kapellmeister der Wiener Sängerknaben. (Foto: SHMF/Lukas Beck)

Herr Chiang, Sie sind seit Herbst 2013 Kapellmeister der Wiener Sängerknaben und leiten den Haydnchor. Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?

Ich komme zwar vom Orchesterdirigat und der Oper, aber als Vater von zwei Jungen kann ich gut mit Kindern umgehen und fand es eine interessante Herausforderung, mit jungen, talentierten Kindern zu arbeiten. An der neuen Aufgabe reizte mich die Intensität der täglichen Probenarbeit, die künstlerische Möglichkeiten eröffnet, wie sie nur wenige Chöre bieten. Die wahre Faszination geht jedoch von der unglaublichen Professionalität, vom staunenswerten Können dieser Jungen aus. Man muss sich eben immer wieder vergegenwärtigen, dass diese kleinen Sänger musikalisch hochbegabt sind – nicht zufällig gingen ungezählte prominente Musiker und Komponisten aus dem Chor hervor, darunter auch Franz Schubert.

Sind Sie eher musikalischer Leiter, Löwenbändiger oder Beichtvater?

Hoch angesehne Botschafter der Musik: Die Wiener Sängerknaben. (Foto SHMF/Lukas Beck)

Hoch angesehne Botschafter der Musik: Die Wiener Sängerknaben. (Foto: SHMF/Lukas Beck)

Von allem etwas (lacht). Jungen in dem Alter brauchen eine männliche Identifikationsfigur. Wenn man im künstlerischen Umfeld miteinander arbeitet, braucht man eine gute Beziehung, die ich ihnen hoffentlich sowohl musikalisch als auch menschlich geben kann. Die Zusammenarbeit funktioniert oft besser und erfolgreicher als mit Erwachsenen. Daher trenne ich nicht zwischen Vaterfigur und Chorleiter.

Welches Anforderungsprofil muss ein Junge mitbringen, um Mitglied bei den Wiener Sängerknaben zu werden?

Da gibt es viele Möglichkeiten; jede Geschichte ist anders: Einer hat ein Konzert gehört, ein anderer hat einen Bericht im Fernsehen gesehen, ein dritter hat etwas in einer Zeitung gelesen, und ein vierter hat – im fernen Australien – seiner Mutter so lange in den Ohren gelegen, bis sie ihn schließlich vorsingen ließ.
Idealerweise kommt ein Kind – wenn es nicht schon die Volksschule der Wiener Sängerknaben besucht – im Alter von acht oder neun Jahren zum Vorsingen. In diesem Alter kann man noch alles lernen, was man als Sängerknabe so braucht. Wenn das Vorsingen erfolgreich verläuft, wird der Kandidat zum „Schnuppern“ für eine Probezeit eingeladen, in der sich herausstellt, ob er Sängerknabe wird oder nicht. Die wichtigste Voraussetzung ist aber die Freude am Singen. Dafür reicht ein ganz einfaches Volkslied beim Vorsingen.

In den europäischen Bildungssystemen wird Musik oft als erstes aus dem Fächerkanon gestrichen. Wie wichtig finden Sie die musikalische Ausbildung von Heranwachsenden?

Die musikalische Kompetenz vieler Kinder scheint sich heute auf das Zusammenstellen von Handy-Klingeltönen zu reduzieren. Dadurch verlieren junge Leute den Zugang zur Kultur, insbesondere zur klassischen Musik. Aber Kinder müssen singen – in Kindergärten, Schulen, Kinderchören, gemischten Jugendchören. Singen ist nicht zwangsläufig uncool – uncool ist vielleicht häufig nur die Art, wie es getan und angeboten wird.

Mit welchem Programm kommen Sie zum SHMF?

Das Motto heißt „Haydn auf Reisen“. Im ersten Teil gibt es geistliche Musik, nicht nur von Joseph Haydn, sondern auch von seinem Bruder Michael. Natürlich darf Mozart nicht fehlen, der sehr mit Haydn verbunden war, und andere zeitgenössische Komponisten. Außerdem gibt es ein Arrangement von Bach auf Pergolesis „Stabat Mater“. Das ist eine typische Sängerknaben-Tradition der Klassik- und Barockzeit.
Im zweiten Teil gibt es eher weltliche Musik, die mit der Strauß-Polka „Auf Ferienreisen“ beginnt. Da Haydn sehr viel auf Reisen war, haben wir Werke und Volkslieder aus Ländern im Gepäck, die in seinem Leben eine Rolle spielten: Österreich, Deutschland, England, Kroatien, Tschechien und Ungarn.