Unterwegs mit Hannes Hansen – (letzter) Teil 23: Im Département Lot

Von Hannes Hansen

Wolfgang Butt

Wolfgang Butt

Fontanes. „Die Kirche ist wirklich schön“, sagt Wolfgang Butt, „vor allem innen. Die musst du dir ansehen.“ Und in der Tat, die der heiligen Klara geweihte Église Saint Clair aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert bietet trotz vieler Umbauten in den folgenden Jahrhunderten einen homogenen Eindruck. Besonders auffällig sind die Kuppeln in zwei der drei Joche des Mittelschiffs, eine Architektur, die der Kathedrale im nahen Cahors verwandt ist. Ursprünglich oder Umbauten aus dem oder neunzehnten Jahrhundert, frage ich meinen Gastgeber, der mich in sein Haus in Fontanes eingeladen hat. „Keine Ahnung“, sagt Wolfgang Butt, „aber schön, nicht?“ Ja, schön, finde ich auch.

Fontanes, Kirche (Foto: Hannes Hansen)

Fontanes, Kirche (Foto: Hannes Hansen)

Seit fast zehn Jahren lebt der in Kiel bestens bekannte Wolfgang Butt in dem kleinen Ort mit nicht einmal fünfhundert Einwohnern im Département Lot in Südwestfrankreich. Als Professor für Skandinavistik lehrte er in Kiel, Wien, Saarbrücken, München und Berlin; von 1987 bis 1996 war er als Verleger mit dem Themenschwerpunkt skandinavische Literatur tätig und wurde als Übersetzer aus dem Norwegischen, Dänischen und Schwedischen bekannt. Per Olov Enquist, Henning Mankell und Arne Dahl zählen zu den von ihm übersetzten Autoren. Aber irgendwann, sagt er, waren ihm die Kälte, der Regen und der Nebel Skandinaviens ebenso zuwider wie der freudlose Protestantismus seiner Literatur, das Schuld-bewusstsein vieler ihrer Autoren, die selbstquälerische Bußfertigkeit von Strindberg, Ibsen und Co.

„Das schlägt ja bis heute durch“, sagt Wolfgang Butt, „bis Henning Mankell und all den anderen.“ Er schüttelt sich und lacht. „Lange genug habe ich mich damit beschäftigt. Eigentlich habe ich davon schon seit Jahren die Nase voll. Jetzt ist Schluss damit.“

Ehe wir uns weiter philosophischen Gedanken über das schwarzgallige Seelenleben protestantischer und die pralle Lebenslust katholischer Länder hingeben, brechen wir auf zum wenige Kilometer entfernten Escamps. In der dortigen Kirche gibt ein Chor ein Konzert. Amateure wie Wolfgang allesamt, die den Chorleiter und Dirigenten selbst bezahlen und das Repertoire gemeinsam bestimmen. Eine Messe von Gounod steht heute Abend auf dem Programm, aber auch Volkslieder oder Songs von Bob Dylan und Paul Simon. Nach dem Konzert trifft man sich im Gemeinschaftshaus von Escamps. Jeder hat etwas zu essen mitgebracht, dazu Wein, Bier, Säfte und Mineralwasser. Man begrüßt Bekannte, man scherzt und lacht, tauscht Neuigkeiten und Klatsch aus. Man ist chez nous, unter sich.

In Escamps lerne ich auch Wolfgang Butts Lebensgefährtin Anne kennen. Bei ihr sind wir am nächsten Abend eingeladen. Anne wohnt in der Nähe von Escamps in einer Prieuré aus dem siebzehnten Jahrhundert, einem im Zeichen der Gegenreformation gegründeten kleinen Kloster, dessen dicke weißgraue Wände aus dem roh behauenen Kalkstein der Gegend vor der Hitze des Tages schützen. Auf dem kargen Boden des weitläufigen Geländes wachsen Steineichen und Kiefern, auf den Lichtungen zwischen ihnen Orchideen.

Der Landstrich ist für seine Trüffeln bekannt. Anne lässt mich an einer Tasse schnuppern, in der vier der seltenen und von Feinschmeckern hoch geschätzten kostbaren Pilze einen intensiven Geruch verbreiten „Die hat Sally gefunden“, sagt sie. Sally ist ein junger Border Collie, der mich schweifwedelnd umspringt.

„Ich dachte“, sage ich, „dass man Schweine zum Trüffel Suchen benutzt.“
„Das war einmal“, sagt Wolfgang, der zu uns getreten ist, „heute machen das Hunde.“
„Die können das genau so gut“, ergänzt Anne, „oder sogar besser.“

Heute ist Annes Geburtstag und sie hat ihre Freunde zu einer kleinen Party eingeladen. Manche von ihnen kenne ich seit gestern Abend. Sie sangen im Chor mit oder waren Zuhörer beim Konzert. Ein Architekt und sein Freund, ein Antiquar, sind gekommen, eine höhere Beamtin, eine ehemalige Lehrerin und noch andere Angehörige einer Gesellschaftsschicht, wie es sie in Deutschland nach dem historischen Versagen des Bürgertums während der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr gibt, deren selbstgewisse bürgerliche Verkehrsformen in Frankreich aber alle Veränderungen des zwanzigsten Jahrhunderts überlebt zu haben scheinen.

Man ist „links“, man plaudert gesittet und pflegt die Kunst der Konversation. Dass man sich für Kunst und Literatur interessiert und gerne darüber spricht, dass man Ausstellungen einrichtet, im Chor singt und Konzerte gibt, gehört zum Selbstverständnis dieses Bürgertums, das eines im doppelten Sinne des Wortes ist. Man ist Bourgeois, Besitzbürger, auch wenn man das nicht gerne hört, zugleich aber auch Intellektueller und Citoyen, Staatsbürger mit Verantwortung für das Gemeinwesen und – das vielleicht vor allem – für Kultur. Eine Kultur, die ganz selbstverständlich Hochkultur ist. Man fährt zu Ausstellungen und ins Theater nach Paris, zumindest in die nächstgelegene größere Stadt, man kennt die Künstler und Schriftsteller, die sich in der Gegend niedergelassen haben.

Der neben mir sitzende Architekt erzählt von den vielen Restaurierungsarbeiten, die im Département Lot und den angrenzenden Départements anstehen. Viel sei schon geschehen, viel bleibe noch zu tun, um das Patrimoine, das architektonische Erbe des auf seine kulturelle Tradition so stolzen Frankreichs zu erhalten.

Saint-Antonin-Noble-Val (Foto: Ceridwen)

Saint-Antonin-Noble-Val (Foto: Ceridwen)

Am nächsten Tag fahren Wolfgang Butt und ich nach Saint-Antonin-Noble-Val, eine Kleinstadt im nahen Département Tarn-et-Garonne am Fluss Aveyron, der hier aus den Schluchten der historischen Provinz Quercy tritt. Die ganz und gar mittelalterlich anmutende Stadt mit ihren engen Gassen und lauschigen Plätzen, den schmalen Wasserläufen, den kleinen Brunnen und dunklen Tordurchfahrten bestätigt die Worte von Annes Architektenfreund.

Saint-Antonin-Noble-Val, Hôtel de Ville (Foto: Specialk 65)

Saint-Antonin-Noble-Val, Hôtel de Ville (Foto: Specialk 65)

Das Hôtel de Ville aus dem elften Jahrhundert mit seinem hoch aufragenden Glockenturm, das älteste Rathaus Frankreichs und Wahrzeichen der Stadt, ist ebenso mustergültig restauriert wie viele andere Gebäude aus mehr als acht Jahrhunderten. An anderen nagt der Verfall, an wieder anderen arbeiten Maurer, Steinmetze und Dachdecker.

Bei all seiner mittelalterlichen Schönheit ist Saint-Antonin-Noble-Val kein Museum, kein touristischer Rummelplatz wie die ungleich bekannteren Orte Rocamadour oder Saint-Cirq Lapopie, vor denen mich Wolfgang gewarnt hat und die ich deshalb vermeide, sondern eine lebendige Stadt. Sein sich durch mehrere Straßen im Zentrum ziehender Markt mit Produkten der Region ist zweimal in der Woche ein regionales Einkaufszentrum.

Saint-Antonin-Noble-Val, Maison du Roy (Foto: Mossot)

Saint-Antonin-Noble-Val, Maison du Roy (Foto: Mossot)

Auf den Tischen der Händler stapeln sich die Kisten mit leuchtend roten, prallen Tomaten und dunkel violett glänzenden Auberginen, mit dem dunklen Grün frischer Gurken und Zucchini, den zu kegelförmigen Bergen aufgetürmten blaugeäderten weißen Knoblauchknollen. Wir kaufen ein: Kirschen und Pflaumen aus den Obstplantagen der Gegend, Wildschweinmettwurst mit Nüssen von einem lokalen Schlachter, Käse von Ziegen und Schafen, die auf den kargen Weiden mit den würzigen Kräutern der an das Quercy angrenzenden Kalksteinhochflächen der Causses grasen. Wir sehen einem Koch zu, wie er die regionale Spezialität Aligot, einen Brei aus Kartoffelpüree und Käse, wieder und wieder umrührt, mit dem großen Holzlöffel anhebt und weiter verrührt und ihn dann kiloweise abpackt und verkauft. Wir bleiben am Stand mit den frischen Kräutern stehen, ziehen schnuppernd den Geruch von Thymian und Minze ein, von Majoran, Oregano, Basilikum und Rosmarin.

Ein Kaffee noch in einem der kleinen Bistros von Saint-Antonin-Noble-Val, und wir fahren weiter zur nahe gelegenen Abtei von Beaulieu, die abseits der großen Verkehrswege still unter der Sonne liegt. Ehrenamtliche Mitarbeiter einer kulturellen Vereinigung begrüßen uns freundlich in der ehemaligen Klosterkirche. In ihr stellt eine deutsche Malerin Bilder unter dem Titel Traces d’Icare – Le Labyrinthe-Miroir, „Spuren des Ikarus – das Spiegellabyrinth“, aus.

Bettina von Arnim, Gemälde

Bettina von Arnim, Gemälde

Seit über dreißig Jahren schon ist das Département Lot die Wahlheimat der in Zernikow in Brandenburg geborenen Bettina von Arnim, einer in Berlin und Paris ausgebildeten Künstlerin, die sich zum „kritischen Realismus“ ihrer Berliner Freunde bekennt. Auf ihren Bildern geht sie der zunehmenden Technisierung der Welt, der Entmenschlichung des Humanen und dem Mythos vom Sturz des Ikarus nach und setzt ihn in Beziehung zu Walter Benjamins Allegorie vom „Engel der Geschichte“, den der Sturm des so genannten Fortschritts aus dem Paradies, in das er sehnsüchtig zurückblickt, in die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts treibt. Wir sind beeindruckt von der metaphorischen Kraft der ebenso technoiden wie an archaische Mythen erinnernden Phantasiewelten der einem präzisen Realismus gedankten Bilder Bettina von Arnims, einer Nachfahrin des romantischen Dichters Achim von Arnim und seiner Ehefrau Bettina, Dichterin, Essayistin und bekannt als angebliche Muse Goethes, mit dessen Gattin Christiane sie sich allerdings so zoffte, dass er den weiteren Umgang mit den von Arnims abbrach.

Bettina von Arnim, „Labyrinth“

Bettina von Arnim, „Lybyrinth“

Gut Wiepersdorf, der von den Sowjets enteignete Stammsitz der von Arnims, dient heute als kulturelle Begegnungsstätte. Dass es von Feministinnen gerne verehrungsvoll „Bettinas Schloss“ genannt wird, ist freilich ein Irrtum. Den größten Teil ihrer Zeit hielt sie sich in Berlin auf, während Ehemann Achim den Krautjunker auf Wiepersdorf spielte, in seiner Freizeit Novellen und Gedichte schrieb und die gemeinsamen Kinder erzog. Nur gelegentlich und das höchst ungern ließ sie sich in der brandenburgischen Einöde sehen. Um die vielen gemeinsamen Kinder zu zeugen, musste Achim sie schon in Berlin besuchen.

Tage mit Fahrten in die Umgebung, schließen sich an. Wolfgang führt mich zu abgelegenen Orten, einsamen Kirchen und verlassenen Klöstern. Wir fahren über sonnendurchglühte Kalksteinebenen, deren Höhenlage man erst erkennt, wenn man am Rand einer der mehrere Hundert Meter tiefen Schluchten steht, die der Aveyron, der Tarn, der Lot und andere Flüsse in das karstige Gestein im Laufe der Jahrmillionen gefräst haben. Auf Kurven und Steilkehren schrauben wir uns hinunter zu einer Straße, die dem Ufer des Lot folgt und deren Streckenführung Ingenieure der berühmten Pariser Elitehochschule Chausses et Mines in den Kalkstein gesprengt haben. Dicht an Straße und Fluss tritt die senkrechte Felswand heran. An einigen Stellen sind die Häuser in das Gestein gewissermaßen hineingebohrt, ihre hinteren Räume Teil und die Rückwand sind eine Höhle. Andere Höhlen dienen als Lager- und Kellerräume für Weinfässer. Die Bauweise sorgt sommers wie winters für eine gleichmäßige, angenehme Temperatur, erläutert Wolfgang.

Alain Prillard (Foto: Hannes Hansen)

Alain Prillard (Foto: Hannes Hansen)

An einer Stelle nahe dem Ort Cajarc, an der sich die Straße verengt, hat unter einem überhängenden Felsen ein Freund Wolfgang Butts, der Künstler Alain Prillard Wohnhaus und Atelier. Er arbeitet als Maler, Grafiker und Bildhauer, verwandelt objets trouvés, gefundene Gegenstände wie Wurzen, Steine oder Reste von Maschinen, Rohren und Metallplatten, zu skurrilen Gegenständen, integriert Schrift und philosophische Weisheiten in seine Arbeiten. Seltsame Mischwesen, halb Tier halb Mensch, Monster und (arme) Teufel tummeln sich auf seinen Bildern, Skulpturen und Installationen. Masken, die denen polynesischer und melanesischer Völker verwandt zu seinen scheinen, erinnern an Emil Noldes Begeisterung für die Kunst der Südseevölker, die ihm Inspirationsquelle war. Eine durchaus naheliegende Assoziation, spricht Alain Prillard doch voller Respekt von Nolde, als er erfährt, dass ich wie dieser aus Schleswig-Holstein komme.

Alain Prillard, „Eisen und Holz” (Foto: Hannes Hansen)

Alain Prillard, „Eisen und Holz” (Foto: Hannes Hansen)

Als ich ihm meine Visitenkarte gebe und er meinen Namen liest, lacht er und sagt: „Monsieur Hansen? Comme Nolde?“ Ich bin überrascht, dass Alain Prillard den wirklichen Namen Noldes, der sein Pseudonym nach seinem Geburtsort im heutigen Nordschleswig wählte, kennt und sage es ihm. Er lächelt freundlich, sagt aber nichts zu meinem Lob.

Es dunkelt schon, als wir zurück nach Fontanes kommen. Am nächsten Morgen heißt es Abschied zu nehmen. Gerne würde ich noch länger bei Wolfgang Butt bleiben, aber einerseits will ich seine Gastfreundschaft nicht überstrapazieren – ich bin ja schon erheblicher länger als die drei Tage bei ihm, nach denen der Gast einem Ondit zufolge „anfängt zu stinken“ – andererseits muss ich langsam an meine Rückkehr nach Deutschland denken. Ein paar Orte und Gegenden stehen freilich noch auf meinem Reiseplan.

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