Das Monodrama Festival „Thespis“ feiert mit alten Freunden und neuen Entdeckungen in Kiel sein 10. Jubiläum

Von Christoph Munk

Kiel. Die Vorfreude ist schon da. Die Vorfreude auf das babylonische Sprachgewirr im Foyer des Kieler Schauspielhauses, auf die interessanten, fremdartigen Gestalten in der Pumpe, auf die alten Freunde und die Neuankömmlinge in den Spielstätten. Und alle vereint eine Leidenschaft: das Theater. Vor den wachen Augen und aufmerksamen Ohren verwandelt sich die Kieler Szene merklich, wenn das Internationale Monodrama Festival „Thespis“ gefeiert wird. Vom 11. bis 18. November geschieht das zum zehnten Mal – ein Jubiläum.

Wettbewerbs-Beitrag zum Auftakt: „On Track" mit Kristien de Proost. (Fotos Thespis)

Im Eröffnungsprogramm: „On Track“ mit Kristien de Proost. (Fotos: Thespis)

„Von überallher kommen Künstlerinnen und Künstler und präsentieren den Status Quo dieser kleinen und großen Theaterform“, blicken Festivaldirektorin Jolanta Sutowicz und ihr Dramaturg Jens Raschke auf die Tage voraus, in denen Kiel zum Mittelpunkt der Monodramen-Welt wird. Und sie feiern den runden Geburtstag als „willkommenen Anlass, Rückschau zu halten auf 17 Jahre Thespis“. Viele der Gäste seien Freunde geworden und bis heute geblieben – und einige werden schmerzlich vermisst: vor allem der „Vater des Monodramas“, Valery Khasanov aus Moskau, oder Henning Trabandt vom Trägerverein Maecenas.

Doch aus langjährigen Gästen wurden treue Freunde. So kommt etwa Birute Mar, Preisträgerin des ersten Thespis Festivals 1999 aus Litauen, wieder und zeigt noch einmal ihre Fassung von „Antigone“, vom Festivaljahr 2001 in bleibender Erinnerung. Ständiger Gast war auch Pip Utton aus Großbritannien, der diesmal mit zwei seiner Solostücke wiederkehrt, mit „Playing Maggie“, seiner Porträtstudie über die Eiserne Lady Maggie Thatcher, und mit „Adolf“, seiner gleichermaßen unterhaltsamen wie verstörenden Hitler-Studie, mit der er erst nach vier Jahren internationaler Tourneen 2002 nach Deutschland kam, wo er vorher aus Angst vor Neonazi-Übergriffen nicht aufgetreten war.

Diktator und Angst: „Koma/Stalin" mit Alesksandas Rubinovas

Studie über Diktator und Angst: „Koba/Stalin“ mit Alexandras Rubinovas aus Litauen

Gewissermaßen als Gegenstück präsentiert Alexandras Rubinovas aus dem litauischen Kaunas sein biografisches Solo über den russischen Diktator Stalin, die aufzeigen will, wie sehr Angst als Grundlage zu allen Diktaturen gehört. Mit einem weiteren historischen Porträt kommt die Britin Rebecca Vaughan zum Festival: „I, Elizabeth“. An seinen eigenen Lebensweg und die Geschichte seiner Familie in Südafrika erinnert der deutschstämmige Schauspieler Kurt Egelhof in seiner Produktion „For Generations“. Politische Entwicklungen und Konflikte in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf einzelne Persönlichkeiten werden häufig zum Thema zahlreicher international und stilistisch verschiedener Produktionen, die alle zeigen, wie künstlerisch lebendig und hochaktuell sich das Genre Monodrama unter Begriffen wie Ein-Personen-Stück, Solo Performance oder etwa One Man Show entwickelt hat.

Oft und gern gesehener Thespis-Gast: Birte Mar.

Oft und gern gesehener Thespis-Gast: Birute Mar

Zu den guten Bekannten, die für diese Vitalität stehen, zählt auch die Japanerin Nozomi Satomi, die 2006 den ersten Thespis-Jury-Preis mit „Who Am I“ erhielt, damals am Ende ihrer Performance in ihrer großen Papiertüte verschwand und jetzt wiederkehrt und von „A Life in My Bag“ erzählt. Zu den prominenten Gästen gehört der Wiener Schauspieler Philipp Hochmair, lange Jahre Burgschauspieler und jetzt Mitglied des Hamburger Thalia-Ensembles, der in seiner Aufführung „Jedermann Reloaded“ gleich mehrere Figuren das Hofmannsthal-Klassikers auf die Bühne bringt. Zumindest in Kiel bestens bekannt ist Marius Borghoff vom hiesigen Schauspielensemble, der sein Solo „Protestsong“ vorstellt. Oder das kabarettistisch-musikalische Moderatoren-Gespann Hans-Christian Hoth und Caspar Frantz, das am Freitag, 11. November, um 20 Uhr die Eröffnungsgala ausschmückt, bevor auf der großen Bühne des Schauspielhauses die Belgier Kristien & Mark de Proost mit „On Track“ die Reihe der Wettbewerbs-Beiträge anführen.

Bis am 18. November die international besetzte Jury den oder die Preisträger kürt, gibt es viel zu entdecken. Da gilt es, Sprachgrenzen zu überwinden, indem man, falls mit fremder Zunge gesprochen wird, voller Neugierde beobachtet, was jenseits des gesprochenen Wortes auf der Bühne zu erfahren ist. Wer sich mit aller Intensität auf die wechselnde Vielfalt und auf die Fülle der stilistisch unterschiedlichen Darstellungsmittel einlässt, kann jenes fantastische Abenteuer miterleben, zu dem die Kieler und ihre Gäste von Jolanta Sutowicz und ihrem Thespis-Team im Jubiläumsjahr willkommen sind.

Informationen: www.thespis.de