Alligatoah kam mit seinem „Himmelfahrtskommando“
in die Sparkassen-Arena

Von Jörg Meyer

Kiel. Ein Aplomb gleich zu Beginn, wenn der rote Vorhang zur Seite gezogen wird: Auf seiner „Himmelfahrtskommando“-Tour präsentiert sich „Schauspiel- und Satire-Rapper“ Alligatoah vor den knapp 5.000 Zuhörern und -schauern in der Sparkassen-Arena als in einem Streitwagen gottgleich über der Bühne Thronender, umtanzt vom seinem „Sidekick“ und ergebenen Diener BeraterBoi Basti. An strengen Zügeln hält er seine vier rockenden Band-Mitglieder, die fluffige Engelsflügel am Rücken und Sprengstoffgürtel von Gotteskriegern um die Hüften tragen.

Im Himmel wie auf Erden ... Alligatoah (Pressefoto)

Im Himmel wie auf Erden … Alligatoah (Pressefoto)

„Wollt ihr mit mir durch diesen Himmel reisen?“, fragt er in der Anmoderation zu „Mama, kannst du mich abholen“, welcher Song sowohl auf dem jüngsten Album „Musik ist keine Lösung“ als auch in der Bühnen-Show als Rondo und geradezu Menetekel (Anrufung der Mutter Gottes) dreifaltig wiederkehrt. Bloß rhetorische Frage, der biblische Bilderbogen entfaltet sich über uns. Aber in was für einem Himmel und vor allem auf welcher Erde? Beide sind verschmutzt. Ersterer von zweifelhaften Ideologien, wozu „AllahGottOha“ auch die bigotte christliche Nächstenliebe, die sich in wohltätigen Spenden erschöpft, zählt und in „Denk an die Kinder“ entsprechend bissig aufs Korn nimmt. Letztere vom Plastikmüll in den Ozeanen: „Lass liegen“, sagt sich da mancher Wohlstandsbürger im gleichnamigen Song – aus den Augen, aus dem Sinn. Sowas auf sich beruhen lassen will Alligatoah dennoch nicht, wenn er als zürnender Kriegsgott auf dem Streitwagen die Wort-Peitsche schwingt.

„Mein Gott hat den Längsten“ titelt ein älterer Song, dessen Refrain vom Publikum selig mitgesungen wird. Da fragt man sich schon, ob der Gemeinde bewusst ist, wessen „Längstem“ sie da zu- und nachjubelt. Vielleicht nur ihrer eigenen, längstens bekannten Unbedarftheit? Alligatoah weiß darum und gesteht’s beim karnevalesken „Es ist noch Suppe da“: „Der Text ist zu schnell, dass ihr ihn versteht, tanzt einfach den Pogo mit!“ Gefordert, getan. Ein wenig ist das ein Kotau vor dem Unverstand der treuen Fans angehörs seiner kaskadierenden Wortgetüme, um die jetzt getanzt wird wie weiland um das goldene Kalb.

Jenes thront statt des Streitwagens nun hoch oben auf der Bühne. Alligatoah reitet es rückwärts wie ein Torero auf dem Stier, immer noch versucht, Gott, Himmel und Erde bei den Hörnern zu packen – oder ihnen zumindest solche aufzusetzen. Das gelingt in Versen wie „Ich kenne alle Gesetzeszeilen, außer das Recht zu schweigen“ („Hab ich recht“), im Wortgefecht mit BattleBoi Basti über allzu menschliche versus menschenverachtende Pädagogik („Rabenväter“) oder in kalauernden Versen à la „Ich kann Doktor spielen, bis der Arzt kommt“.

Alligatoah begibt sich mit solcherlei immer mehr vom Hip-Hop- auf das niedere Pop-Niveau, reitet nicht mehr den Streitwagen des Rap, sondern das goldene Kalb des Rock. Doch genau das hat bei ihm Methode. Er hat das Publikum im Griff, wenn es auf schmalzende Samples wie „My Heart Will Go On“ (in „Namen machen“) oder „Über den Wolken“ (in „Teamgeist“) mit geschwenkten Handy-Fackeln reagiert. „Entstellt euch!“, ermuntert er uns. Und weiß doch zuletzt und hoffnungsvoll im zugegebenen „Musik ist keine Lösung“: „Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.“

Infos/Hörproben: www.alligatoah.de