Michy Reincke begeisterte mit neuen und alten Songs im Metro-Kino

Von Jörg Meyer

Kiel. „Wir sind die Flut“ heißt die aktuelle Tour des Hamburger Singer-Songwriters Michy Reincke. Bei seinem Konzert im Metro-Kino sind die neu bestuhlten Reihen entsprechend „geflutet“, nämlich nahezu ausverkauft. Und der Springquell von Reinckes Liedern und Anekdoten sprudelt bis in den sehr späten Abend, begleitet von Springfluten des Beifalls.

Zunächst branden solche für Talentscout Reinckes Support: Sarajane McMinn, eine außergewöhnliche Stimme, die von der Kritik nicht übertrieben als „Adele Hamburgs“ gehandelt wird. Sie solle hier „schon mal für Stimmung sorgen“, lacht die Sängerin mit britischen Wurzeln und erfüllt diesen Auftrag bravourös mit ihren Losgehnummern, zu denen vereinzelt sogar spontan getanzt wird.

„Die Kunst ist wichtig, aber das allerwichtigste ist das Leben selbst!“

Schwimmt mit seinen flutenden Liedern gegen den Pop-Strom: Michy Reincke (Foto: Tristan Ladwein)

Schwimmt mit seinen flutenden Liedern gegen den Pop-Strom: Michy Reincke (Foto: Tristan Ladwein)

Gelungene Steilvorlage für Michy Reincke, der mit seinem „fortgeschrittenen“ Alter kokettiert, schließlich seien in diesem Jahr gleich drei seiner Songwriter-Idole gestorben: David Bowie, Prince und Leonard Cohen. Ebbe herrscht in seinem Liedschaffen dennoch nicht, wie sein jüngstes Album „Sie haben den Falschen“ beweist. Der Titel ist übrigens unbedingt ironisch zu lesen, denn das Publikum ist sich sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben mit einem Künstler, der sich bewusst gegen alle Pop-Ströme stellt – und gegen deren mediale Verwilderung. „Lass dir deine Lieder nicht von Marktforschern schreiben … biet’ jeder Dummheit die Stirn“, heißt es in „Gib alles oder vergiss es“. Ein Song, der sich auch gegen die „Automatenkultur“ richtet, die Veränderung unserer Seh- und Hörgewohnheiten durch unsere allgegenwärtigen smarten Automaten. Letztere sind daher auch verboten in Reinckes Konzerten. Man solle lieber live dabei sein, als seine digitalen Konserven zu füttern. Oder auch: „Die Kunst ist wichtig, aber das allerwichtigste ist das Leben selbst!“

Urkomische Geschichten mitten aus dem Leben

Das schreibt so urkomische Geschichten wie die, als Michy mal mit Paul McCartney verwechselt wurde. Wenn Reincke sie zwischen den Songs erzählt, merkt man, dass an ihm auch kein Komödiant verloren gegangen ist. Reincke spielt seine Lieder nicht nur, er baut mit und in ihnen einen freundschaftlichen Kontakt zum Publikum auf – und beteiligt es. Zuhörerin Christine ist blond, spielt die Mundharmonika erstaunlich gut und ist daher die passende Begleitung für Reincke und Keyboarder Philipp Mitov beim Klassiker „Für immer blond“.

So wie hier „furchtlos den Moment zu packen“, darum geht es auch in Reinckes neuen Songs wie dem rauschenden „Ozean“, der mit der Zeile „Wir sind die Flut und das Leben“ der Tour den Namen und nicht zuletzt das Credo gab. So ins Leben und die Lieder, die es schreibt, gestellt, brauche man auch keine Angst vor dem Dunkel und dem Tod mehr zu haben. Auch so eine optimistische Botschaft Michy Reinckes, auf dessen flutenden Wellen wir beseelt in die Adventsnacht surfen.

Infos und Hörproben: www.michyreincke.de