Gioachino Rossinis Opernrarität „Die Reise nach Reims“
als Comic-Novität in Kiel

Von Christoph Munk

Kiel. Donnernde Hufe und der Wagen rollt. Aber nicht lange, nur auf dem Vorspann. Ein jäher Sturz. Jetzt rollen Koffer, Kisten, Kästen und fliegen krachend zu Boden. Statt die königlichen Feierlichkeiten zu erreichen, landet die ganze Bagage im Hotel zur Goldenen Lilie. In Plombières also endet „Die Reise nach Reims“ (Il Viaggio a Reims). Doch die Oper mit diesem Titel beginnt erst. Denn Gioachino Rossini und sein Librettist Luigi Balochi hatten 1825 die hirnrissige Idee, in ihrem Auftragswerk zur Krönung von König Charles X. vom Ende einer Gruppenfahrt zu erzählen, vom großen Scheitern und vom langen Warten. Da ist dringend Aufmunterung geboten. Und dafür sorgen in reichlichem Maß der Regisseur Pier Francesco Maestrini und der Cartoonist Joshua Held mit ihrer neuartigen, für die Musiktheater Kiel, Lübeck und Verona gemeinsam erarbeiteten Regiekonzeption.

Die Kutsche fliegt, und die Akteure bringen die Handlung nur mühsam in Gang. (Foto: Olaf Struck)

Die Kutsche liegt darnieder und das, was man Geschichte nennen könnte, kommt nur schleppend in Gang. Gesellschaftlicher Umgang unter den zwangsweise aufgehaltenen, internationalen Gästen: Kapriziöse Klagen, pompöse Auftritte, fade Flirts, flackernde Eifersüchteleien, umfangreiche Liebesschwüre, Herzensergießungen, Huldigungen, Beschwörungen, Nebensächlichkeiten – alles eher belanglos, nichts der Rede wert, immerhin am Ende ein frohes Fest mit landestypischen Liedern. Im Programmheft lautet – klug und treffend – die Erläuterung der „Handlung für sehr Eilige: Keine.“ Das gegen null tendierende dramatische Minimum aufzulockern, dazu bedarf es also einer besonderen Tugend: Lockendrehen auf der Glatze. Doch davon später.

Musikalisch geht die Post ab

Prima la muisca: Denn während der Text einen gewissen Stillstand manifestiert, geht musikalisch die Post ab. Die Partitur galt lange als verschollen und wurde erst in den 1970er Jahren stückweise aus Bibliotheken und Archiven in Paris, Rom und Wien ausgegraben. Danach erwies sich das Fundstück schnell als musikalisches Pfundsstück: Rossini von der allerfeinsten Sorte. Daniel Carlberg führt das mit dem Philharmonischen Orchester Kiel brillant vor: zündende Rhythmen, blühende Melodien, treibende Tempi, innige Momente, blitzende Ausbrüche. Und das bestens disponierte Sängerensemble und der präzis agierende Opernchor (Einstudierung: Lam Tran Dinh) fügen sich ein in einen rasch bewegten, schier unaufhörlichen Strom von Instrumentalstücken, Zwischenspielen, ausgeschmückten Arien, koketten Duetten und glänzenden Ensembles von ausgefuchster Raffinesse.

Auf der Video-Wand wächst das Kleine unerwartet zur Größe. (Foto: Olaf Struck)

Das Elend des Wartens auf die immer wieder verzögerte Weiterreise übersteht die gut aufgelegte Sängerschar in heiterer, wohltemperierter Stimmung. Da schimmern und glitzern drei Soprane: Lori Guilbeau als Improvisationskünstlerin Corinna, Mercedes Arcurie als lebenslustige Witwe Gräfin von Folleville und Agniezska Hauzer als Hotelbesitzerin Madame Cortese sowie Tatia Jibladze (Mezzo) als temperamentvolle Marquise Melibea (Tatia Jibladze). Da wetteifern zwei elegante, bewegliche Tenöre: Joao Terleira (Chevalier Belfiore) und Anton Rositzkij (Graf von Libenskof). Da trumpfen in den tieferen Lagen vier Baritone und Bässe auf: Matteo Maria Ferretti (Lord Sidney), Timo Riihonen (Don Profondo), Jörg Sabrowski (Baron von Trombonok) und Tomohiro Takada (Don Alvaro). Zuverlässig fügen sich Julie Caffier, Milena Juhl, Kemal Yasar, Fred Hoffmann und Ronaldo Steiner mit kleineren Rollen ein.

Comic fasziniert auch auf der Theaterbühne

Den Zuschauern aber wird die Zeit vor dem Nichts der ereignisarmen Geschichte mit allerlei optischen Späßen vertrieben. Dazu lässt Regisseur Pier Francesco Maestrini sein Personal vor einer von Joshua Held gestalteten Animations-Videowand agieren. Diese Mischtechnik – reale Akteure spielen mit zeichnerisch belebten Figuren – hat sich im Kino längst bewährt, gilt jedoch im Musiktheater als relativ neu.

Eine Novität also peppt die Opernrarität auf – eine offensichtlich unterhaltsame und damit erfolgreich Methode. Denn das Publikum sieht manche groteske Verformungen, manchmal auch Verdoppelungen, darf jedoch meist allerlei lustige Effekte bestaunen, vor allem wenn es zu unerwarteten, witzig gedachten Interaktionen zwischen Bühne und Projektionswand kommt. Nichtigkeiten ins Überdimensionale gebläht, Nebensächliches angehübscht, Absonderliches überdreht – was im Comic fasziniert, amüsiert auch auf der Theaterbühne, vor allem wenn es wie in dieser Fassung von „Die Reise nach Reims“ ganz genüsslich mit Rossinis Musik korrespondiert. So dreht man eben Locken auf der Glatze. Und verdient sich vergnügten Premierenbeifall.

Info und Termine: www.theater-kiel.de