Christopher Ecker stellt im Literaturhaus seinen Erzählband „Andere Häfen“ vor

Von Hannes Hansen

Buch-Cover (Foto: Mitteldeutscher Verlag)

Kiel. Machen wir ein Experiment: Ich schreibe heute über Christopher Eckers neuen Erzählband „Andere Häfen“, den der Kieler Autor gestern Abend im proppevollen Literaturhaus vorstellte. Morgen folgt hier im Blog eine ausführlichere Würdigung von unserem gelegentlichen Mitarbeiter Kai-U. Jürgens, einem Berufeneren, weil als sein Lektor beim Mitteldeutschen Verlag gewissermaßen Eckers Eckermann.

Um beim Kalauern zu bleiben: Wie in allen Büchern Eckers bietet auch „Andere Häfen“ weder wörtlich noch metaphorisch einen sicheren Hafen für einen Leser, der vor allem eines will: Gewissheit. Gewissheit darüber, was hier eigentlich real, was phantastisch, irreal oder schlicht verwirrend ist. So verwirrend wie die so genannte Wirklichkeit, der Christopher Ecker in fast neunzig Erzählungen neue Konturen gibt, indem er sie auf den Kopf stellt, sie auf selten mehr als einer, höchstens zwei Seiten in Traumregionen weiterspinnt, in Trugbildern enden und im Strom der Erzählung verschwinden lässt. Dass er dabei die Nahtstellen beim Übergang von einem zum anderen Aggregatzustand unkenntlich macht, diese erzählerische Raffinesse ist einer der vielen Reize, die „Andere Häfen“ dem Leser bietet.

Allgemeine Verunsicherung

Christopher Ecker (Foto: Wissenbach)

Was wäre, fragt da einer seiner verunsicherten Erzähler, wenn Mama Sohn Pauli wäre oder Papa Pauli oder Mama, Pauli dagegen Mama oder doch Papa oder gar noch nicht einmal geboren. Dann, so schließt er ratzfatz, unverblümt, saukomisch und ohne weitere Umschweife, aber luzide um die Ecke gedacht, bedeutet „es ein wenig Glück im Unglück, wenn man als alter Pauli an einem Freitag erwacht und das Essen rechtzeitig kommt, bevor man stirbt.“

In einer anderen Geschichte prügelt ein Flashmob brutaler Vermieter einen Mieter aus seiner Wohnung, in wieder einer anderen imaginiert der Erzähler eine Welt, auf der unten oben, oben unten ist. Eine durchaus schlüssige Welt, wäre da in unserer Realität nicht die vermaledeite Schwerkraft. Die wiederum schert Christopher Ecker einen Dreck, und daran tut er gut, weil seine Erzählungen einen frischen, ganz unverbrauchten Blick auf das werfen, was wir so leichthin Wirklichkeit nennen.

Ein Blick, der solche Wirklichkeit verrückt, indem er die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Ein seliger Wiener Walzer ist das freilich nicht, eher ein Breakdance. Und damit ist die Literatur, die Christopher Ecker schreibt, dort angekommen, wo sie hingehört, im Hier und Heute.

Christopher Ecker, „Andere Häfen“, 236 S., gebunden, 16,95 Euro. Vom 2. bis 15. Oktober ist Christopher Ecker mit einer Erzählung aus „Andere Häfen“ am Literaturtelefon Kiel zu hören: Tel.: 0431/901-8888, www.literaturtelefon-online.de.