Kristin Trosits inszeniert Felicia Zellers „Kaspar Häuser Meer“ im Studio des Kieler Schauspiels

Von Christoph Munk

Kiel. Am Anfang, wenn sich die Bühnennebel im Studio des Kieler Schauspielhauses allmählich lichten, sieht alles noch recht leichtgängig aus: Drei Frauen nähern sich dem Publikum mit lockeren Grußbotschaften über die Rampe hinweg. Eher beiläufig befassen sie sich mit den Geräten, die auf einer Stufenlandschaft stehen. Nach und nach erst entwickelt sich aus ihrer heiter anmutenden Tätigkeit ernsthafte Pflicht. Aus Spiel wird Stress. Und aus den formalisierten Texten von Felicia Zeller schält sich immer deutlicher ein brisantes Thema heraus: In „Kaspar Häuser Meer“ geht es um soziale Verelendung, um Kindesvernachlässigung, um Familienfürsorge, um Schutz vor Misshandlungen. Und vor allem um die Folgen, die jene damit verbundenen Aufgaben bei den Mitarbeitern der Behörden anrichten.

Untergang im Papier: Ellen Dorn und Pina Bergemann (hinten). (Foto: Olaf Struck)

Bei den Mülheimer Theatertagen 2008 holte sich die Autorin mit ihrem experimentellen Stück den Publikumspreis. Die Auszeichnung galt damals einem dramatischen Versuch, der alles andere liefert als eine blanke Sozialreportage. Er präsentiert seine drei Protagonistinnen in einer vielfach gebrochenen, verschachtelten Spielanordnung. Der reale Hintergrund von verwahrlosten Wohnungen, gewaltbereiten Vätern, überforderten Müttern und gefährdetem Kindeswohl bildet nur die Folie für eine Textübung, an der sich die Darstellerinnen abarbeiten: abgebrochene Sätze, herausgehobene Zitate, chorisch arrangierte Passagen, sprudelnde Wortkaskaden, bedeutungsvolle Anspielungen. Die sprachliche Nähe des Titels „Kaspar Häuser Meer“ zum psychologischen Fachbegriff „Kaspar Hauser Syndrom“ ist kein Zufall. Und so trägt auch der Kollege, der im Amt durch seinen Abgang Burn-Out Symptome auslöst, sprachspielerisch absichtsvoll den Namen Björn.

Felicia Zeller spickt ihren der Realität abgelauschten, aber hoch artifiziell verdichteten Text mit strikten Spielvorgaben, denen jedoch die junge Kiele Regisseurin Kristin Trosits weitgehend ihren Gehorsam verweigert. Sie schlägt sich lieber eigene und eigenwillige Schneisen durch das Dickicht der Vorlage und findet ihre persönlich geprägte, gleichwohl strenge Ordnung. Vor allem aber schafft sie zusammen mit ihrer Ausstatterin Nina Sievers einen äußerst reizvoll bespielbaren Bühnenraum. Am einfachsten könnte man ihn ein Räderwerk nennen. Denn die drei Akteurinnen bewegen sich in einer Art Werkstatt, deren Instrumetarium ein Fülle von Assoziationen auslösen könnte: Von Hamsterrad über Glücksscheibe bis zu „unter die Räder kommen“ oder „am großen Rad drehen“. Und in der Ferne scheinen Bilder aus der Maschinenwelt von Chaplins „Modern Times“ auf.

Im Räderwerk (von links): Claudia Friebel, Pina Bergemann und Ellen Dorn. (Foto: Olaf Struck)

Produziert wird dort allerdings vor allem Papier. Als ließe sich das menschliche Leben und seine sozialen Probleme auf Papier bannen. Zettel, Akten, Vermerke, Ordner, Berichte, Bilanzen, Anträge, Eingaben, Gutachten – alles Papier, auf dem Einzelschicksale verzeichnet sind und doch verschwinden. Denn in dieser Amtsstube, die sich allmählich in eine zwingende Versuchsanordnung verwandelt, arbeiten sich die Figuren an papiernen Bögen und Bahnen ab, verzetteln sich und gehen schließlich in Schwaden von Papier unter. Regisseurin Kristin Trosits hat so einen fabelhaften Ausdruck für die ins Sinnlose driftende, sich ewig drehende Mühle im bürokratischen Alltag gefunden.

Wo Klienten, die Hilfsbedürftigen und Randexistenzen, als Individuen allmählich in der Flut der Vorkommnisse im Papiermüll untergehen, entfalten sich im Fortgang der theatralischen Übung immer konkreter die drei Protagonistinnen als greifbare Persönlichkeiten: Barbara (Ellen Dorn), die Erfahrene, erreicht das Ende ihres Durchhaltevermögens. Silvia (Claudia Friebel), die Eifrige, sucht den Anforderungen mit Hilfe von Alkohol standzuhalten. Anika (Pina Bergemann), die junge Mutter, gerät wegen ihrer kleinen Tochter selbst ins Visier der Obrigkeit. Im diszipliniert vorgeführten Spiel bewegen sich drei Frauen an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Sie führen ein Team von Sozialarbeiterinnen vor, die in ihrem eigenen Tätigkeitsfeld selbst zu Opfern wird. Eine traurige Geschichte. Doch Kristin Trosits erzählt sie bis zum bitteren Ende mit lapidarer Distanz. Viel Beifall.

Info und Termine: www.theater-kiel.de