Zwei Wasserbecken werden zum „Kleinen Kiel Kanal“

Von Helmut Schulzeck

Kiel. Zwei im Bau befindliche isolierte Wasserbecken aus Stahlbeton an der Kieler Holstenbrücke, deren Wasserversorgung durch Rohrleitungen vom Kleinen Kiel sichergestellt werden soll, werden als „Kleiner Kiel Kanal“ tituliert. Manche versteigen sich sogar zu der pseudoromantischen Bezeichnung „Holstenfleet“. Das geschieht nunmehr unisono schon seit Beginn der jahrelangen Planung und wird beständig von der Stadt Kiel und den örtlichen Medien propagiert. Dabei kann von einem Kanal, womöglich noch mit fließenden Wasser, überhaupt keine Rede sein.

Es wird, wie gesagt, nur zwei Wasserbecken geben und keine „Wiederherstellung der Wasserverbindung zwischen Bootshafen und Kleinem Kiel“, von dem unter anderen die Website www.Kleiner-Kiel-Kanal.de spricht, bewusst die Leute in die Irre führend. Aber das scheint beim Förderkreis Kieler Altstadt e.V., der auf der genannten Webseite von der vermeintlichen „Wiederherstellung“ spricht, ja schon auf einer traditionellen Verkennung der Tatsachen zu beruhen, fußt doch schon der Vereinsname auf einer ebenso euphemistischen, ja irrealen Behauptung. Denn eine Altstadt gibt es bekanntlich seit dem Zweiten Weltkrieg in Kiel nicht mehr.

Schon im Bau ein Etikettenschwindel: Der „Kleine Kiel Kanal“ (Foto: Helmut Schulzeck)

Nun ist es in der Fördestadt nicht unbedingt leicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Gerne wird dann im Eifer bürgerlichen Entrüstung mit den allgemeinen Konsens suchenden Behauptungen („Warum beteiligen Sie sich nicht lieber konstruktiv an der Zukunft unserer schönen Stadt, als Kiel … madig machen zu wollen?“) versucht, den Abweichler abstrafend in die Tadelecke zu stellen. Als vermeintlicher Nestbeschmutzer wird man selbst von honorigen Menschen, wie z.B. einem bekannten Kieler Buchhändler, facebook-öffentlich als „negativer Mensch“ beschimpft. Dabei finden sich bei ein klein wenig gutem Willen und minimaler Recherche schnell die Fakten im Internet. Dort antwortet „Kiel. Sailing. City“ auf die Frage „Warum kann keine durchgängige Wasserverbindung zwischen dem Kleinen Kiel und dem Bootshafen realisiert werden?“ unter anderem mit Folgendem:

„Die Wasserqualitäten im Kleinen Kiel und im Bootshafen sowie die innerstädtische Situation lassen eine reine Wiederherstellung der historischen Situation als durchgängige Wasserverbindung nicht zu.

In beiden Gewässern besteht eine hohe Nährstoffkonzentration, die bei einer Verbindung zu einer sehr hohen, nicht zu kontrollierenden Algenproduktion führen würde. Die Massenentwicklung von Algen sowie Sauerstoffmangel-Situationen mit starker Geruchsentwicklung wären die Folge. (…)

Darüber hinaus würde der Bau von Brücken in den Bereichen Bootshafen / Andreas-Gayk-Straße / Wall sowie Martensdamm / Rathausstraße um eine durchgängige Wasserverbindung herzustellen, insbesondere wegen der dann notwendig werdenden Leitungsverlegungen, zu erheblichen baulichen und damit auch finanziellen Mehraufwendungen führen.“ (Quelle)

Soweit die Fakten. Wozu dann aber dieser fortwährende Etikettenschwindel? Nun, die Vermutung liegt nahe, dass es sich einmal mehr bei solch einem Vorhaben auch ums liebe Geld drehen könnte und dass man das nicht so gerne zugeben möchte, obwohl man es an anderer Stelle gezwungener Maßen dann doch tut, und Geldsparen ja doch löblich ist. Und richtig, die Stadt mag scheinbar nicht allzu deutlich zugeben, dass sich für dieses Vorhaben im besonderen Maße ein finanzielles Argument ins Feld führen lässt, neben dem der Stadtverschönerung als Attraktivitätssteigerung der Innenstadt zum allgemeinen Wohle der Geschäftswelt, seiner potentiellen Kunden und all denen, die sich in der City wohlfühlen wollen.

Lästermäuler sprechen sogar schon vom „Kollateralnutzen“. Die Kosten für die reine Wiederherstellung bzw. Renovierung der Holstenbrücke in unveränderter Gestalt betragen ca. 2,3 Millionen Euro. Die Stadt müsste sie neben den Anliegern begleichen. Die Betonbecken-Variante mit einem Baupreis in Höhe von 11 Millionen wird größtenteils durch Fördermittel von Land und Bund finanziert. Nur 3 bis 3,5 Millionen Euro muss durch die „Segelstadt“ aufgebracht werden. Die Anlieger sind bei dieser Ausführung von der Beteiligung an der Bezahlung freigestellt (es fehlen in diesem Fall die gesetzlichen Grundlagen dafür). Man bekommt also den erhofften Einkauf und Freizeit fördernden Mehrwert durch die mit gewaltigen Vorschußlorbeeren gepriesenen Betonbecken zu einem Schnäppchenpreis.

Der Schluss liegt nahe, dass man dennoch befürchtete, dass die Akzeptanz für das Vorhaben nicht im erforderlichen Maße in der Bevölkerung vorhanden sei. Und der anfängliche Widerstand war dann auch so groß, dass man die versprochene Bürgerbefragung mir-nix-dir-nix in eine ungefährlichere, so genannte „Bürgerbeteiligung“ „umwidmete“. Im Zuge dieser (gesteuerten?) Diskussion, die eine Ablehnung des Vorhabens gar nicht mehr zulässt, was man dann gerne auch von politischer Seite mit dem Begriff „Zugehen auf die Bevölkerung” verschleiert, kam es einfach viel besser an, von „Wiederherstellung der Verbindung zwischen Bootshafen und Kleinem Kiel” zu fantasieren, somit nostalgische Erinnerungen an das alte Kiel zu nähren und zugleich mit dem Begriff „Kleiner Kiel Kanal“ an den Stolz der Bürger auf den zu assoziierenden Nord-Ostsee-Kanal (international: „Kiel Canal“) appellierend einen ähnlichen Erfolg für die urbanen Wasserspiele in der City zu prophezeien.

Ob die Rechnung aufgeht, ist abzuwarten. Auf einen erfolgeichen Ausgang dieses Abenteuers bleibt zu hoffen. Alles andere wäre eine Katastrophe für die Kieler Innenstadt.