Der russische Regisseur Artjom Terjochin freut sich auf die Theaterpartnerschaft zwischen Tilsit und Kiel

Von Christoph Munk

Kiel. Kann man Schauspieler mit russischer Tradition und Ausbildung zusammen mit deutschen Akteuren in einem Theaterstück auf die Bühne bringen? Trotz der sprachlichen Gegensätze? Man kann, meint der russische Regisseur Artjom Terjochin. Er ist überzeugt, „das ist ein wichtiges Experiment und eine spannende Erfahrung. Für alle. Zunächst für uns als Theatermacher, aber dann auch für die Zuschauer“. Terjochin ist nach Kiel gekommen, um konkrete Details zur Realisierung der Partnerschaft zu besprechen, die die Kieler Komödianten mit dem Theater Tilsit in Sovetsk im Oktober beschlossen haben.

Gesprächspartner mit gemeinsamen Plänen: Artjom Terjochin und Christoph Munk.

Im Gespräch mit mir – zunächst nur als Partner im Dialog, später vielleicht in der Zusammearbeit – zeigt sich der Regisseur voller Erwartungen. „Man kann es sich so vorstellen, dass wir uns zunächst auf ein gemeinsames Stück, ein gemeinsames Thema, oder vielleicht nur auf eine gemeinsame Idee einigen und dann getrennt daran arbeiten.“ Wenn beide Teile in etwa fertig sind, in Tilsit wie in Kiel, könnten die beiden Ensembles zusammenkommen und ein gemeinsames Produkt auf die Bühne bringen. „Das ist nicht nur ein interessanter Prozess, auch die Zuschauer dürfen ein aufregendes Resultat erwarten“, sagt Terjochin voraus. Denn es werde sich herausstellen, dass sich die Schauspieler auf der Bühne über die Sprachgrenze hinweg verstehen. Und dieses Gefühl könne sich ohne weiteres auf die Zuschauer übertragen.

Artjom Terjochin möchte sein Publikum eben über das Herz erreichen. Das ist einer der Grundsätze, mit denen er als Theatermacher antritt. „Mit unserem Spiel können wir Gefühle erzeugen“, sagt er. Sein Ziel sei es, die Zuschauer nicht nur oberflächlich zu unterhalten, sondern mit ihnen in einen tiefgreifenden Dialog zu kommen. Darum wähle er für seine Arbeit Stücke aus, zu denen er einen konkreten, persönlichen Bezug habe.

Vertragsunterzeichnung in Sovetsk: Anna Kulijewa, Intendantin des Theaters Tilsit, und Komödianten-Direktor Markus Dentler.

Am Theater Tilsit, dessen künstlerischer Leiter er seit einem Jahr ist, hat Terjochin ein Ensemble von rund 20 Schauspielerinnen und Schauspielern zur Verfügung. „Ich möchte deren Möglichkeiten optimal nutzen“, so formuliert er ein zweites Kriterium bei der Auswahl seiner Stücke und Stoffe. Darum greift er nicht nur nach den russischen Klassikern. Er möchte seine Truppe ständig im Training halten. Dazu gehöre es auch, dass sich die Akteure im Singen und Tanzen üben und möglichst ein Musikinstrument spielen.

Mit diesem Personal und Potenzial möchte Artjom Terjochin ein Repertoire gestalten, „das Aktualität für die Stadt hat“. Damit benennt er ein weiteres Prinzip seiner Arbeit. „Wir agieren in Sovetsk, also in einer relativ kleinen Stadt, und die Zahl unserer ständigen Zuschauer ist überschaubar.“ Da brauche man ein großes, oft wechselndes Angebot an Inszenierungen, russische Klassik, aber auch Weltliteratur. Fünf verschiedene Produktionen sollten es schon zur gleichen Zeit sein, demnächst sogar sechs; gespielt wird vorwiegend an den Wochenenden. Für die Kosten des Spielbetriebes kommt das russische Kulturministerium auf, die Geschäftsführung obliegt gegenwärtig der Intendantin Anna Kulijewa, die künstlerische Verantwortung trägt Artjom Terjochin. Er führt damit, wie er es nennt „ein großartiges Erbe fort“.

Das Theater Tilsit in Sovetsk ist momentan eine feste Station auf dem Theaterweg des Regisseurs – vorläufig. Terjochin wurde vor 33 Jahren in Kasachstan geboren, begann dort in der Hauptstadt Astana seine Ausbildung und wechselte dann zur Theaterakademie nach Moskau. Anschließend suchte er in Sibirien eine neue Herausforderung, einem Motto des großen Peter Brook folgend: „Du musst dahin gehen, wo Theater unmöglich ist.“ Zwischen drei Flüssen und großen Wäldern arbeitete er als Regisseur für ein Publikum, das hauptsächlich aus Holzfällern bestand: „Das war meine beste Theatererfahrung.“ Sie machte ihn reif für ein paar Jahre als freier, selbstständiger Regisseur, bis er sich nun in Sovesk niederließ.

In einer solchen von Unruhe und Neugier bestimmten Karriere wachsen Abenteuerlust und Experimentierfreude. Darum bekennt sich Artjom Terjochin im Gespräch mit sichtlich wachsender Begeisterung zu den Verlockungen eines internationalen Austauschs über die Sprachgrenzen hinweg. „Ich stelle mir das keinesfalls als Wettbewerb vor“, sagt er. „Ich bin sicher, wir einigen uns über den Stoff oder auf ein Stück. Und dann bin ich gespannt, wie wir das zusammen machen.“