Regisseur Pier Francesco Maestrini und sein Team verpassen Verdis „Ein Maskenball“ ein Facelifting
Von Christoph Munk
Kiel. Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei. Heinrich Heine behält recht. In Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ beispielsweise sind’s drei, denen es just passiert: Sopranistin, Tenor und Bariton. Da brechen nicht nur Herzen, sondern auch eine Männerfreundschaft entzwei. Und es ist wirklich eine alte Geschichte, aber man kann sie immer neu erzählen – wollen. Jetzt gerade versucht es der italienische Regisseur Pier Francesco Maestrini zusammen mit seinem Bühnenbildner Juan Guillermo Nova auf Kiels Musiktheaterbühne: ein Opernklassiker als modernistisches Videospiel, inspiriert von Science Fiction und Fantasy. Durchwachsenes Ergebnis: reger Beifall, deutliches Buh-Geschrei nach der Premiere.
Das Beste ist wiedermal die Musik. Denn Daniel Carlberg, Kiels Erster Kapellmeister, animiert das Philharmonische Orchester dazu, Verdis farben- und kontrastreiche Partitur mit Frische, Präzision und Temperament zu beleben: gleichermaßen wuchtig und feinnervig, präsent und zupackend in Momenten höchster Dramatik, sensibel begleitend in lyrischen Passagen. Der von Lam Tran Dinh zuverlässig vorbereitete Opernchor gesellt sich detailgenau dazu.
Auf musikalisch und stimmgestalterisch hohem Niveau agieren auch die Solisten im bis in kleine Rollen ausgewogen besetzten Ensemble. Agnieszka Hauzer gibt eine mit Charme und Sopranglanz begabte Amelia, jubelnd im Liebestaumel, hingebungsvoll leidend in Zweifel und Schmerz. Yoonki Beak beweist als Riccardo mit nuancenreichem Tenor, wie überzeugend er inzwischen das italienische Fach beherrscht. Souveräner aber behauptet sich Tomohiro Takada in der herausfordernden Renato-Partie. Seinen kraftvollen und eleganten Bariton widmet er technisch tadellos und gesanglich betörend allen Charaktereigenschaften der facettenreichen Figur. Wunderbar gegensätzlich erscheinen Tatia Jibladse als geheimnisvoll dunkle, schwerblütige Hellseherin Ulrica und Marcedes Arcuri als leichtfertig quicklebendiger Page Oskar. Matteo Maria Ferretti und Timo Riihonen geben ein komisch angeschrägtes und doch bedrohliches Verschwörer-Duo.
Ein wirkungsvoller technischer Kunstgriff
Die Hauptrolle in der neuen Maskenball-Inszenierung aber beansprucht ein Beamer oben an der Galerie für sich. Mit seiner Hilfe zaubern Maestrini und Juan Guillermo Nova allerhand Linien, Figuren, Zeichen oder Systeme auf eine Folie vor der Bühne. Holografie und 3D-Technik schaffen den Eindruck, als ereigne sich das von Sängern ausgeführte Geschehen in einer Cyber World, in der Matrix-Systeme, Nebel und Schwaden, eine Doppelhelix, Polarlichter, Sternenstaub, Fadenkreuze, Wellen und Blitze eine neue illusionistische Darstellungsebene erzeugen, mal beliebig verspielt, mal illustrierend, oft bedeutungsgeladen.
Der perfekt ausgeführte technische Kunstgriff macht Effekt und sorgt unter den Zuschauern bei der Premiere für kontroverse Diskussion schon zur Pause: „Regt meine Fantasie an.“ – „Meine nicht.“ „Gefällt mir.“ – „Finde das schrecklich.“ Das Erscheinungsbild also ist in jedem Fall Geschmacksache und bringt zweifelhaften Gewinn. Denn obwohl die Figuren von Kostümbildner Alfredo Troisi in Gewänder gesteckt sind, die historisierende Elemente mit futuristischem Touch mischen, fehlt eine überzeugende Vision über die oberflächlich überraschende Ästhetik hinaus. Denn die Akteure bewegen sich nach einer höchst konventionellen Personenführung, aus der keine neue in die Zukunft der handelnden Personen weisende Perspektive erkennbar wird. Gefühlskonflikte und Moralbrüche laufen auch in Maestrinis und Novas Verdi-Interpretation nach dem vorgegebenen Schema ab.
Gewiss, das Regieteam verpasst Verdis „Maskenball“ ein unübliches Outfit und verschafft dem Opernpublikum ein paar an diesem Ort ungewohnte Bilderlebnisse. Doch es bleibt bei Facelifting, ohne die klassische Story um Liebe und Eifersucht, Freundschaft und Verrat gedanklich und in der Tiefe zu verändern. Das Muster erweist sich wieder als so simpel wie unverwüstlich: Der Tenor liebt die Sopranistin und der Bariton stört. Es ist eben eine alte Geschichte. Gar nicht so leicht, sie neu zu erzählen.
Info und Termine: www.theater-kiel.de
28. Januar 2018 um 21:59
Der graue Gazeschleier nimmt jede Farbigkeit der Kostüme, die nach der
Vorstellung zutage treten.
Vielleicht muss ich mal zum Augendoc.
28. Januar 2018 um 22:00
Nachsatz : Vielen Dank für die gute Kritik