„Harold un Maude“ an der Niederdeutschen Bühne

Von Hannes Hansen

Kiel. Hal Ashbys Film „Harold und Maude“ nach einem Drehbuch des Filmstudenten Colin Higgins fiel bei seiner Premiere im Jahre 1971 bei Publikum und Kritik zunächst durch. Doch schon bald danach entwickelte sich die bittersüße schwarze Komödie zum wahren Kultfilm, griff sie doch zwei Tabuthemen auf, die Liebe eines sehr viel jüngeren Mannes zu einer alten Frau und den selbstbestimmten Selbstmord. Dazu kam die Atmosphäre der Zeit: Flower Power und Vietnamkrieg, psychedelischer Rock, Haschisch und LSD, eine Hinwendung zu Meditation und drogengestützten (LSD = „Instant Yoga“), mystisch kolorierten Welten.

Diese Atmosphäre eines zukunftsgewissen gesellschaftlichen Aufbruchs ist heutigen Tags nur schwer wiederholbar, und deshalb versucht es Arnold Preuß’ niederdeutsche Übersetzung der bald nach dem Film erschienenen Bühnenfassung von Colin Higgins’ Drehbuch auch erst gar nicht. Er versetzt die Szene irgendwohin ins plattdeutsche Norddeutschland, macht aus Maude eine deutsche Gräfin und aus Harolds Onkel Viktor einen Bundeswehrgeneral.

Dieser Vorlage folgt Regisseur Christoph Munk in seiner Inszenierung von „Harold un Maude“ an der Niederdeutschen Bühne Kiel. Er verschiebt – vor allem im ersten Teil des Stücks – dabei die psychologisch und soziologisch fein austarierte Filmkomödie entschlossen in Richtung krachledernen Schwanks und ersetzt Cat Stevens’ energiegeladenen Soundtrack durch den gefühligen Ohrwurm „Qué será“.

Auf Rainer Kühns multifunktionaler Bühne, die kleinbürgerliches Heim, mit Erinnerungsstücken exzentrisch ausstaffierte, rumpelkammerähnlich Wohnung und Platz am Meer zugleich ist, dürfen die Akteure munter agieren, den Möglichkeiten der Niederdeutschen Bühne geschickt angepasst kräftig chargieren und gestisch und stimmlich viel Aufwand betreiben.

Gisela Siebert als Maude in „Harold un Maude“ (Foto: Niederdeutsche Bühne Kiel)

Nur gelegentlich macht Gisela Siebert als Maude Ausflüge ins Charakterfach und lässt, vor allem im zweiten Teil des Stücks, nachdenkliche, anrührende Töne anklingen. Thore Baumgartens todessüchtiger Harold, der mit fünfzehn fingierten Selbstmordversuchen, mit denen er vor allem die Liebe seiner Mutter Fro Jepsen (zwischen Herrschsucht und Ratlosigkeit wechselnd Britta Kabus) erringen will, gibt zumeist den eher stillen und schüchternen, von seinen Todesphantasien beherrschten Antihelden. Heraus aus sich geht er nur selten. Etwa in einer saukomischen Szene, in der er seinem Onkel-General (in einer Doppelrolle auch als katholischer Pater auf der Bühne), der, in eine Operettenuniform gewandet, die Karikatur eines preußischen Offiziers abliefert, kräftig Paroli bietet, indem er auf einen Schelm anderthalbe setzt und dessen kriegslüsterne Suada auf die Spitze treibt. Vor allem aber, als er, von der lebensfrohen und -klugen Maude ins Leben geholt, seiner aufgestauten psychischen Energie in einem emotional aufgeladene Liebesbekenntnis freien Lauf lässt.

Michèle Minnie dagegen liefert lupenreine, dabei je nach Rollenvorgabe durchaus differenzierte Karikaturen der drei, von Harolds Mutter in der Hoffnung, ihren unwilligen Sohn ins Leben zu schubsen, herbeizitierten Heiratskandidatinnen ab.

Fazit: Die Wahl des Regisseurs für die niederdeutsche Version der romantischen schwarzen Komödie der Vorlage überzeugt nur streckenweise in dem Versuch, die historisch und lokal eindeutig verortbare Situation in eine ernüchterte Welt zu übertragen. Fraglich bleibt zudem, ob sie nicht die darstellerischen Fähigkeiten einer reinen Liebhaberbühne überfordert.

Infos und Termine: www.niederdeutschebuehne-kiel.de