Johannes von Matuschka legt eine unterhaltsame Version von Max Frischs „Andorra” im Kieler Schauspielhaus vor

Von Christoph Munk

Kiel. Parabel! Modell, Lehrstück! Von wegen. Max Frischs 1961 uraufgeführter Bühnentext „Andorra“ taugt zu mehr als einem schulmäßig exerzierten Unterrichtsstoff. Daraus lässt sich auch ein sinnlich saftiges Bühnenspektakel gewinnen. Gastregisseur Johannes von Matuschka führt das mit seiner Inszenierung für das Kieler Schauspiel effektvoll vor. Ob sich das mit höherer Erkenntnis zum Themenkreis Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verbinden lässt, mag jeder der animiert applaudierenden Premierenbesucher für sich entscheiden.

Gestörtes Familienbild: Szene mit (v.li.) Yvonne Ruprecht, Olga von Luckwald, Imanuel Humm und Jasper Diederichsen. (Fotos: Olaf Struck)

Auf offener Szenerie hat Bühnenbildner Christoph Rufer ein weitläufiges Podium errichtet. Drumherum haben auf Stühlen schon die Spieler Platz genommen. Zwei von ihnen machen sich vorher noch mit Satzfetzen ans Publikum heran. Alles ist deutlich auf Zurschaustellung ausgerichtet. Andri, die Hauptperson, schiebt sich viel früher und viel weniger bescheiden als vom Autor vorgesehen ins Bild. Als entschlossener Träumer will er über die Welt gleiten, einem Engel gleich. Mit dem Stückchen lyrischer Prosa aus Frischs Tagebuch erhebt sich ein voller, schwärmerischer Klang auf der Bühne, anders als der trocken bedeutungsvolle Lehrmeisterton.

Generell dagegen pflegt man in Andorra – womit ja bekanntlich Frisch nicht den Kleinstaat in den Pyrenäen meint – eine derbe, deutliche Umgangssprache. Und lebhaft geht es zu in den schmucken Kostümen von Tanja Liebermann. Nichts bleibt von der lauernden, ahnungsvollen Statik der Szenen und Gespräche. Stattdessen treibt der Regisseur seine Akteure in eine pralle, demonstrative Dynamik. Schnelle Wechsel sind beabsichtigt. Zweckmäßigerweise übernehmen Marius Borghoff und Marko Gebbert, gekennzeichnet durch typische Accessoires, mehrere Rollen: Wirt, Geselle, Pater, Doktor verschmelzen in Borghoffs nölig gutmütiger Gemütlichkeit; Soldat Tischler, jemande sind durchschossen von Gebberts stets fordernd forscher Spielkraft. Nichts deutet darauf hin, dass jede Figur, jeder Auftritt einen neuen Versuch wert wäre. Alles ist vom ersten Augenblick an fertig.

Johannes von Matuschka strebt eben nach einem flott unterhaltenden Erzählmodus, charakterisiert durch Vermeidung von Lehrhaftigkeit und Scheu vor Stillstand. Stattdessen Kaskaden von Einfällen: oft glücklich, manchmal symbolträchtig, gelegentlich rätselhaft, zuweilen überflüssig. Und immer wieder bloß schmückendes Beiwerk: Wenn zum Beispiel der Lehrer und Senora ihr Wiedersehen im gespreizten Balztanz zelebrieren. Oder Andri und Barblin im scheuen Liebesgeplänkel wie zwei junge Kätzchen balgen. Alles sehr hübsch, alles gut gemeint und gut gekonnt. Auch wie Yvonne Ruprecht beide Mutter-Rollen resolut realisiert. Und Imanuel Humm den Lehrer mit ein bisschen zu viel Öl geschmeidig macht und dabei fast die Dimension einer tragischen Figur verpasst.

Liebesspiel wie junge Katzen: Olga von Luckwald und Jasper Diederichsen

Klar, unter der ganzen Theaterei bleibt die Struktur der Handlung erkennbar: die Zwitterexistenz von Andri, der von seinem Vater, dem Lehrer, mit einer Fremden, der Senora, gezeugt wurde, aber als Judenkind ausgegeben und fortan als Außenseiter behandelt wird. Und auch das Grundthema schimmert durch die imposante Spiellaune: die Veränderung Andris, der konfrontiert mit allen Ressentiments, seine Rolle annimmt und sich schließlich selbst nur noch im Bild eines Juden zu erkennen glaubt. Und Rührung und Anteilnahme verschafft sich eindrucksvoll Olga von Luckwald, weil sie der hilflos von Hoffnung in Verzweiflung getriebenen Barblin eine mädchenhafte Stärke gibt.

Von wirkungsmächtiger Energie durchdrungen erscheint auch Jasper Diedrichsen. Denn seinem Andri gelingt es, den Spieß umzudrehen: Opfer wird Täter, seltsam verkehrte Verhältnisse: Andri ist es am Ende, der in der Judenschau Andorras Gesellschaft kritisch mustert und sie vor ihren Spiegel zerrt. Natürlich endet Andris Machtanwandlung unter den Rutenschlägen einer merkwürdig jugendlich ausstaffierten Schergengarde tödlich. Aber vorher muss Diedrichsen die krasse Karikatur eines Juden geben: eine Spur Tevje, ein bisschen Shylock und dazu alle brauchbaren Klischees. Manchem mag das Bild imposant vorkommen. Mir zeigt es zu viel Fratze.

Info und Termine: www.theater-kiel.de