Regisseur Artjom Terjochin arbeitet bei den Kieler Komödianten an Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“

Von Christoph Munk

Kiel. „Es war ein Glücksfall,“ sagt Artjom Terjochin. „Als Markus Dentler mir bei meinem ersten Besuch in Kiel anbot, im Theater Die Komödianten Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ zu inszenieren, war mir sofort klar: Eine bessere Wahl hätte ich selbst nicht treffen können.“ Franz Kafka – seit der Jugend ein Lieblingsautor des Regisseurs; der Text – schon während der Schauspielausbildung ein Objekt intensiver geistiger Auseinandersetzung. Jetzt ist es ihm wichtig, die Geschichte, in der ein Affe berichtet, wie er in Gefangenschaft an seiner Menschwerdung gearbeitet hat, dem Publikum nahe zu bringen.

Terjochin sieht darin vor allem einen Dialog zwischen Autor und Schauspielerin. Darum stellt er die Arbeit der Akteurin Anke Pfletschinger in den Mittelpunkt. Die Regie soll dahinter zurücktreten: keine aufdringlichen szenischen Ideen, nicht zu viele auffällige Einfälle.Was für ein Zufall! Auch Anke Pfletschinger verbindet mit dem Kafka-Text ein frühes Schlüsselerlebnis: „Ich habe ihn am Theater in Darmstadt als 16-Jährige auf der Bühne gesehen. Das löste bei mir endgültig den Entschluss aus, Schauspielerin zu werden.“ Jetzt darf sie ihn selbst spielen und sieht darin viele moderne Probleme gespiegelt, vor allem in der Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft: Einsamkeit, Ausgrenzung und eine gewisse Genderproblematik – nicht ganz überraschend, denn das Geschlecht des Affen ist bei Kafka nicht ausdrücklich definiert, doch seine Bezeichnung wird im Russischen grundsätzlich in weiblicher Form genannt.

Wie funktioniert die Verständigung über einen deutschen Text zwischen einer Schauspielerin, die nicht russisch spricht, und einem russisch-sprachigen Regisseur, der die deutsche Fassung nicht versteht? „Zunächst war es wichtig“, erklärt Artjom Terjochin, „dass ich die russische Version quasi auswendig kannte“. Als erster Schritt der Zusammenarbeit in englischer Probensprache sei der Text dann bis ins Detail gegliedert worden, so dass man sich gegenseitig orientieren konnte. „Und allmählich konnte ich den deutsch gesprochenen Text wie Musik über den Klang erkennen“, beschreibt Terjochin die nächste Stufe der Verständigung. Am Ende habe ihm eine Videoaufnahme Klarheit über alle Details verschafft.

Reden, Hören, Ausprobieren: Anke Pfletschinger…

…und Regisseur Artjom Terjochin bei ihrer intensiven Probenarbeit. (Foto Komödianten)

Große Differenzen über die Interpretation des Textes dürfte es zwischen Schauspielerin und Regisseur ohnehin kaum gegeben haben. Denn auch für Artjom Terjochin erzählt Kafka in seinem „Bericht“ vor allem von der Beziehung zwischen den Menschen, „im Untergrund geht es um Einsamkeit“. Zwar werde in Russland Franz Kafka vor allem in der Nische der Absurden eingeordnet, „für mich aber ist er ein lyrischer Autor“, beschreibt Terjochin seine Auffassung, „Für mich schildert er sehr lebendig und verständlich menschliche Zustände und einen Prozess“. Anke Pfletschinger werde auf der Bühne eine Person zeigen, die sich verändert: nicht mehr Affe, aber noch kein Mensch. Dabei soll das Spiel der Akteurin im Zentrum bleiben. Dazu fügt der Regisseur Videoprojektionenvon Anna Gantimorowa und Musik von Yevgenija Terjochina. „Es sind nur Ergänzungen, Hilfsmittel für die Schauspielerin, Unterstützung in ihrem Dialog mit dem Zuschauer“.

Noch liegen vor dem kleinen Team ein paar Tage bis zur den öffentlichen Proben am Montag, 16. April, und Dienstag, 17. April, jeweils 19 Uhr, sowie Mittwoch, 18. April, 11 Uhr – Anmeldung erbeten. Mit der Premiere am Donnerstag, 19. April, um 20 Uhr erreicht dann der vom Land-Schleswig-Holstein und der Stadt Kiel unterstützte Kulturaustausch zwischen dem Tilsit-Theater Sovetsk und den Kieler Komödianten einen neuen Höhepunkt. Nachdem Artjom Terjochin, künstlerischer Direktor des Tilsit-Theaters, in Kiel inszeniert hat, ist es geplant, dass Ivan Dentler zum Beginn der kommenden Spielzeit in Sovetsk als Regisseur arbeitet.

Termine und Info: www.komoedianten.com