Unzerstörbar: Die Komödie „Was ihr wollt” als Musical Open Air auf dem Kieler MFG-5-Gelände

Von Christoph Munk

Kiel. Als schließlich der Vollmond hoch und bleich über die Förde stieg, wurde klar: Auch er schien präpariert für dieses Großereignis da unten auf dem ehemaligen Helikopter-Landeplatz gleich hinter Holtenau. Raffiniertes Happy End, tobende Schlussbilder, launiger Kehraus, grelles Feuerwerk – alles nicht genug. Der Himmelskörper setzte den finalen Effekt hinter ein Event: Unter dem Markennamen „sommertheaterKIEL“ wurde Open Air die Uraufführung eines Musicals gefeiert, zu dem der Theaterpoet William Shakespeare vor über 400 Jahren mit seiner Komödie „Was ihr wollt“ das unzerstörbare Material lieferte.

Ankunft im fremden Land Illyrien: Viola (Olga von Luckwald) und ihr Kapitän (Werner Klockow). (Fotos: Olaf Struck)

Ein Mädchen, nach einem Schiffbruch glücklich in der Fremde gelandet, dient sich einem ortsansässigen Herzog an. Allein die Tatsache, dass sie in die Kleidung ihres verschollenen Bruders schlüpft und so aus Viola Cesario werden lässt, reicht, um gehörig Verwirrung zu stiften. Denn Herzog Orsino schwimmt im Tränenmeer seiner unerwiderten Passion für die benachbarte Gräfin Olivia. Die wiederum gibt sich absichtsvoll hartherzig ausschließlich der Trauer um ihren verstorbenen Bruder hin. Violas Erscheinen aber lockert unbeabsichtigt und immer erfolgreicher die emotionalen Blockaden beider Parteien. Und verursacht so neue Irritationen. Schließlich steckt in den Männerkleidern eine aufblühende Frau und das löst allerseits ungeahnte Gefühle aus. Bei Shakespeare läuft das alles leicht, heiter und sanft melancholisch. Zur Abwechslung aber purzeln aus der burlesken Ecke ein paar Hanswurst-Figuren hervor und bringen das elegische Geplänkel ins Stolpern. Dann wird’s krachend lustig, gewitzt und saukomisch.

Eine Komödie wird zum großen Entertainment

Ein kluges, raffiniert gefügtes Lustspiel über die Irrtümer unglücklicher Verliebter, gepfeffert mit Spottlust und Ironie – aber auch eine bittere Komödie über das Leiden an unerfüllbarer Liebe. Das mag William Shakespeares Plan gewesen sein. Generalintendant Daniel Karasek und die Dramaturgin Kerstin Daiber aber haben mit dem Umbau des leichtgewichtigen Meisterwerks in ein Musical anderes im Sinn: lärmendes Spektakel, breit angelegte Tableaus, ausgereizte Effekte: großformatiges Entertainment eben.

Und womöglich ist das gut so und dem Ort, der Zeit und den Erwartungen des Publikums angemessen. Wer ein paar tausend Zuschauer ins abgelegene, leicht angeranzte MFG-5-Gelände locken will, muss Aufwand treiben: Werbung überall, Medienpräsenz bis an die Grenze journalistischer Seriosität, vollmundige Versprechungen, Erfolgsgarantien durch Premiumpartner – was die Provinz hergibt: die ganze Palette.

Drei gewitzte Komiker (.v.li.): Bleichenwang Christian Kämpfer, Maria (Jennifer Böhm), Toby Rülp (Zacharias Preen).

Klotzen, nicht kleckern. Was nicht auf Lager ist, wird bestellt. Musik zum Beispiel. Martin Tingvall, der schwedische Jazzpianist, ließ sich animieren, ins Theater-Fach zu schnuppern, und komponierte die von Ture Rückwardts Band fachgerecht realisierten Songs. Regy Clasen, Hamburger Songwriterin, lieferte die Liedtexte. Und was wäre ein Musical ohne Tanz? Steppen ist – warum auch immer? – angesagt. Die Choreografin Ela Steiner trimmt darin acht Spezialisten und dazu das gesamte Schauspiel-Ensemble. Und: Geht’s noch ohne Videos? Keineswegs: Kay Ottos und Aron Krauses Kreationen füllen beständig zwei protzige Screens. Ohne Frage: It’s Showtime!

Den Platz dafür schafft Bühnenbildner Lars Peter mit einer gestuften, weit ausgebreiteten und im Grundriss einer Wolke nachgebildeten Spielfläche. Alles blau wie das Wasser dahinter und der Himmel drüber, wenn er mitspielt. Wenig Farbkontraste also. Erst spät nach der Pause (etwa 22 Uhr), wenn  die Sonne nicht mehr heller scheint als tausend Scheinwerfer, gewinnt die Szene ihre gewünschte Leuchtkraft. Claudia Spielmanns Kostüme, seltsam changierend zwischen Historie und Heute, setzen dann erst gewisse  Akzente.

Schauspieler verloren in der Weite des Raums

In der Weite des Raums arbeitet das Schauspielensemble an der Herausforderung, markante Rollen auszufüllen. Allen voran: Olga von Luckwald. Ihre Viola erobert sich tapfer und kämpferisch das Zentrum des Geschehens. Darin haben die Grobiane leichtes Spiel: Toby Rülps (Zacharias Preen), Bleichenwang (Christian Kämpfer), die durchtriebene Drahtzieherin Maria (Jennifer Böhm), der bös gerupfte Malvolio (Imanuel Humm) und der auftrumpfende Narr (Marko Gebbert). Sie kommen mit drastisch eingesetzten Darstellungsmitteln aus. Yvonne Ruprecht (Olivia) und Rudi Hindenburg (Orsino) dagegen reicht das Demonstrative zur Charakterzeichnung nicht aus. Also werden zwei Verlorene auf der Suche nach Gefühlsausdruck sichtbar, weitgehend reduziert auf ihre Songs. Da zeigen sie sich zwar getragen von Martin Tingvalls einfallsreichen Rhythmen und Melodien und doch nur unvollkommen gestützt durch Texte von  poetischer Finesse in der Qualitätsstufe deutschsprachige Liedermacherei.

Am Ende finden dank Shakespeares  fabelhafter Verwechslungskonstruktion mindestens zwei Paare zusammen. Das Klickerdiklacker der Stepptanzerei findet irgendwann ein Ende, das Publikum sieht sich in Partystimmung zur großen Versöhnlichkeitsgeste mit sich und der Welt animiert, und der Narr gießt seinen Segen aus. Zufriedenheit allerseits, großer Beifall. Bleibt nur die Frage, ob die Akteure vollkommen glücklich sind, wenn der Applaus für den Zauber ihres Spiels von pyrotechnischen Effekten verscheucht wird. Egal. Der Mond stand zur Uraufführung am Himmel. Blass, aber beinahe noch voll.

Info und Termine: www.theater-kiel.de