Die King’s Singers widmeten sich im Kieler Schloss nicht nur dem „Wiener Blut“

Von Jörg Meyer

Kiel. „Quintessentially“ heißt das Medley, das Joanna und Alexander L’Estrange den King’s Singers zu ihrem 50. Jubiläum auf die Stimmleiber schrieben. Beim SHMF-Konzert im ausverkauften Kieler Schloss könnte der Titel tatsächlich Motto für die stilistische Vielfalt der sechs Jubilare in dritter Generation sein, hieße es mit den Gästen Sabine Meyer (Klarinette), Thomas Fellow (Gitarre) und Knut Erik Sundquist (Kontrabass) als „Schrammeltrio“ nicht „Wiener Blut“.

Sabine Meyer (Foto: Christian Ruvolo)

Wiener Walzer- und Polkaseligkeit stehen allerdings erst in der zweiten Hälfte auf dem Programm. In der ersten reisen die King’s Singers wie in der auf den Punkt gebrachten „Quintessenz“ durch 500 Jahre Vokalmusik von der Renaissance-Motette bis zu swingender Close Harmony und Pop. Ihre besondere Qualität, in der Vielfalt von sechs ganz individuellen Stimmcharakteren (leger: Bass Jonathan Howard, solide: die Baritone Christopher Bruerton und Christopher Gabbitas sowie Tenor Julian Gregory, himmlisch ernsthaft: die Countertenöre Patrick Dunachie und Timothy Wayne-Wright) wie eine Stimme in closest Harmony zu klingen, zeigen die King’s schon in der eröffnenden Motette „The Prayer of King Henry VI“ von Henry Ley mit unglaublicher Sanftheit: A cappella als tröstende Meditation auch in Josef Gabriel Rheinbergers „Abendlied“, Francis Poulencs „Vier Gebeten des Heiligen Franziskus“ oder „And so it goes“ von Billy Joel.

Und fast schon zu perfekt, als dass wir als Zuhörer nicht noch ein bisschen Luft nach oben zum Himmel hätten, wir sind schon mittendrin. Jene Spannung zum ganz Irdischen folgt aber im steten Wechsel zwischen Zeitaltern und Stilen, wenn „Das G’läut zu Speyer“ von Ludwig Senfl flink fugiert durch die Stimmen echot, Toby Hessions „Master of Music“ die Musik als göttliche Gabe lobt, oder Johannes Brahms’ „Vineta“ als Moritat vom Versinken daherkommt.

Knut Erik Sundquist (Foto: SHMF)

Auch Humor ist etwas, welches das Himmlische auf Erden erahnen lässt. Johann Strauß’ (Sohn) Walzer und Polkas wurden schon zu seinen Lebzeiten mit volkstümlichen Texten unterlegt. Bei den King’s Singers, kongenial begleitet vom oben genannten „Schrammeltrio“, wird solche Vintage-Pop-Schraube noch weiter humoristisch angezogen. Da fließt „die Donau so blau durch Tal und Au“, und das „Wiener Blut schmeckt so gut“, dass Bassist Sundquist sich als Quasimodo-Vampir outet. Und wenn am Ende (vor zwei Zugaben) die „Tritsch-Tratsch-“ zur „Herz-Schmerz-Polka“ wird, sind wir alle einig beseelt von solcher Vielfalt, zum Teil in stehenden Ovationen.