Genuss ohne Reue: Annette Pullen inszeniert „Die Dreigroschenoper” am Kieler Schauspielhaus

Von Christoph Munk

Kiel. „Man hätte ein solches Machwerk, das aus dem geistigen Sumpfboden Berlins entsprossen ist, ruhig und neidlos Berlin überlassen sollen“, wetterte 1930 der Rezensent der Kieler Neuesten Nachrichten, als Brechts „Dreigroschenoper“ erstmals in Kiel aufgeführt wurde. „Mit solchen Erzeugnissen verschone man uns in Zukunft,“ forderte er energisch. In der Erfolgsgeschichte des Bühnenschlagers blieb das eine Randnotiz aus der Provinz, an die ich mich erinnert fühle, weil wieder zu erleben ist, wie sich die Sehgewohnheiten auch hierzulande verändert haben: In der neuesten Kieler Inszenierung zeigt sich die politische Schärfe des Stücks wieder durch seine kulinarische Raffinesse gemildert. Das Premierenpublikum offenbarte durch großen Beifall seine Bereitschaft zum Genuss.

Alte Kameraden: Macke Messer (Marko Gebbert, rechts) und Tiger Brown (Christian Kämpfer). Und im Hintergrund trällert Polly (Jennifer Böhm). (Foto: Olaf Struck)

An Kurt Weills Musik liegt es nicht, dass Milde waltet. Moritz Caffier sägt und knirscht an der Spitze der authentisch besetzten Live-Band unbarmherzig durch die Dissonanzen und Kanten der Ouvertüre und bleibt später in der Liedbegleitung nichts an schräger Präzision schuldig. Aber Annette Pullens szenische Erzählung schmiegt sich in ein behagliches Tempo. Gut, den Mackie-Messer-Song lässt sie von Rudi Hindenburg in schrill steilem Outfit vortragen. Aber dann bringt sie die Kraftprobe zwischen Bettlerkönig und Gangsterboss in klare Strukturen und präsentiert ein moderates Konversationsstück, zu dem die Londoner Unterwelt eine saubere Kulisse bietet (Bühne: Iris Kraft): eine im Hintergrund vergatterte Mixtur aus weitem Loft und tristem Hinterhof. Wenn sie Mr. Peachums Kleiderkammer beherbergen soll, fahren Kleiderstangen herunter, sonst bestimmen Plakatfetzen und Spruchbänder das Flair.

Die Personen der Handlung erscheinen irgendwie so aufgebrezelt (Kostüme: Barbara Aigner) als sperrten sie sich gegen Zeitkolorit und Milieu – eher seltsam als aufschlussreich. Peachum, Ausbeuter der Stadtstreicher, etwa gönnt sich unterm schwarzen Rock gerüschten Fummel und trägt sein Lockenblond offen. Und doch pegelt ihn Zacharias Preen recht gemütlich zwischen Kleinunternehmer und Wanderprediger ein. Yvonne Rupprecht passt sich als seine Gattin in vielen Nuancen an und bewegt sich ein Stückchen in Richtung aufgebrachtes, besorgtes Huhn.

Es fällt schwer, Preens geschwätzigen Peachum als gefährlichen, kalten Kapitalisten zu sehen. Und in Annette Pullens Fassung der „Dreigroschenoper“ fehlt ihm erstaunlicherweise ein hitzig gewitzter Gauner als potenter Kontrahent. Denn der ist mit Marko Gebbert zwar hoch besetzt, verschleudert aber seine Energie ein bisschen neben der Haifisch-Erwartung der Macheath-Rolle. Der Kieler Kulturpreisträger agiert mit Kraft statt mit Schläue. Gewissermaßen lässt Gebbert seinen uneleganten Schurken gegen Wände laufen, statt ihn gewitzt durch Schlupfwinkel zu steuern. Er schwitzt statt zu beißen. Er endet hilflos und gebrochen im Klageton. Aber Mitleid mit Mackie Messer? Die Retter sind nah – wir wissen es doch.

Polly (Jenniffer Böhm, rechts), Lucy (Olga von Luckwald) und ihr Teddy. (Foto: Olaf Struck)

Was ist interessant an der Aufführung? Es wird anständig und stilbewusst gesungen. Und es lohnt sich, Jennifer Böhm zuzusehen. Sie flattert als Polly leichtsinnig, gut bei Stimme, körperbeherrscht und selbstbewusst  durch die Aufführung. Olga von Luckwald agiert als Lucy fast wie eine ebenbürtige Partnerin, leider ein bisschen zu kindlich, unnötig klein im Format.

Und immer, wenn der Vorhang gefallen ist, kommt die Frage: Warum die „Dreigroschenoper“ heute? Starke Sprüche unüberhörbar: „Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank? – Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. – Der Mensch lebt nur durch Missetat allein“ etc. Wahr sind diese Sätze des Bertolt Brecht. Schön verpackt – und wirkungslos, wie wir in 90 Jahren Aufführungsgeschichte erfahren mussten. In Erinnerung an Annette Pullens sonst an Raffinesse armen Inszenierung bleibt immerhin Pollys und Lucys Kampf um den gefangenen Mackie unter Einbeziehung des an ihn geketteten Konstabler Miller. Das war richtig lustig.

Termine und Info: www.theater-kiel.de