Üppig lustig, musikalisch brillant:  Rossinis „Il Barbiere di Seviglia” als Comic im Kieler Opernhaus

Von Christoph Munk

Kiel. Kann man Gioachino Rossinis heiterste „opera buffa“ über das unbeschwerte szenische Spiel hinaus noch komischer machen? Man kann. Zumindest nach der Auffassung des Filmanimateurs Joshua Held und des Regisseurs Pier Francesco Maestrini. Sie lassen in ihrer Inszenierung der Musik-Komödie „Il Barbiere di Seviglia“ belebte Comic-Figuren in munterem Miteinander lustig auf Leinwand und Bühne los. Die größte Lust an dieser hoch bejubelten Produktion aber bereitet Kiels Erster Kapellmeister Daniel Carlberg, der das Sängerensemble und das Philharmonische Orchester zu einer brillanten musikalischen Höchstleistung animiert.

Oben witzig, unten kollektiv komisch: Szene aus Rossinis „Il Barbiere di Seviglia” in der Kieler Oper. (Foto Olaf Struck)

Hoch oben thront er in seinem possierlichen Bett. Rechts die Notenblätter, links den Rotwein, ab und zu ein Griff zum gebratenen Geflügel. Komponieren, Trinken, Essen in genießerisch trägem Wechsel. Schon während es seine Plätze einnimmt, kann das Publikum den dicken Rossini als Animationsfigur in Endlosschleife bewundern. Wenn’s los gehen soll allerdings, ist’s mit seiner Behaglichkeit vorbei, denn der Dirigent fordert dem Maestro die fehlenden Orchesternoten ab. Und später, während die Ouvertüre schnurrt, verkündet ein Vorspann wie im Kino, dass der Komponist persönlich ins Geschehen einstiegen und selbst alle Rollen übernehmen wird.

Der hübsche Einfall hat Folgen. Denn dank dieses Besetzungstricks sind alle  Figuren der Handlung von kollektiver Korpulenz befallen. Alle nehmen die Gestalt des dicken Gioachino an, nicht nur oben auf der Projektionswand. Auch auf der realen Ebene herrscht allgemeine Fettleibigkeit: Der alte Bartolo steckt ebenso in einem wuchtigen Bauch wie der verliebte Graf Almaviva oder der kränkelnde Basilio. Selbst der umtriebige Figaro trippelt als Kugel durchs Geschehen. Immerhin: Das begehrte Fräulein Rosina zeigt erkennbar frauliche Linien und kommt nur mäßig rund gewickelt daher, passt sich aber vorzüglich ein in die Leibesübung der insgesamt adipösen Truppe. Die vollführt – drastisch formuliert – den Tanz der männlichen Dampfnudeln um den einen weiblichen Rollmops.

Das Arrangement von Joshua Held und Pier Francesco Maestrini treibt die Personen der Handlung theatergeschichtlich gesehen ein Stück zurück in die Nähe der Commedia dell’arte und ihren stereotypen Mustern. Individualität geht verloren, Charaktertiefe auch. Aber die Lustspielerei wirkt altmodisch, aber dafür saukomisch und korrespondiert in seiner gestelzten Komik mit den bewegten Comic-Zutaten in den Filmprojektionen. Auch da geht es auffallend lustig zu. Da kommt etwa der als Musiklehrer verkleidete Almaviva als Kopie eines einst weltbekannten Tenoristen, genannt Pavaroto, daher. Oder die im Duett beschworene Friedenstaube verwandelt sich in ein flatterndes Brathähnchen. Unabsehbar üppig wird Witz verteilt, reichlich und fett. Man kann das mögen. Geschmacksache.

Üppig besetzte Musikstunde mit Jörg tabrowski als Bartolo (links), Tania Jibladze als Rosina und Anton Rositzkiy als Almaviva. (Foto Olaf Struck)

Umso erstaunlicher klingt es, wie schlank die Sänger des homogenen Ensembles ihre musikalischen Partien herausarbeiten und mit ihrem Gesang den krassen Karikaturen Anmut zurück gewinnen. Tatia Jibladze verführt als Rosina mit locker leicht perlenden Mezzo-Koloraturen. Anton Rositzkiy gibt seinem Almaviva einen bis zum Finale hell glühenden Tenorglanz. Tomohiro Takada beweist in der Figaro-Rolle, wie elegant und markant sein Bariton einsetzbar ist. Jörg Sabrowski kostet mit solidem und äußerst beweglichem Bass die komödiantischen Möglichkeiten des Bartolo aus. Ivan Scherbatyh lässt seinen Basilio in den schönsten Tiefen grollen. Und in der Höhe zwitschert Julia Bachmanns Berta virtuos.

Über allem aber legt Daniel Carlbergs einen wunderbar fein polierten Rossini-Glanz. Nichts an seiner musikalischen Vorgabe wirkt dick oder forciert. Kiels stellvertretender Generalmusikdirektor entlockt vielmehr der Barbier-Partitur die feinsten Nuancen. Und das Philharmonische Orchester und der Herrenchor (Einstudierung: Lam Tran Dinh) folgen ihm aufmerksam bis in die subtilsten Winkel. Carlbergs Dirigat fegt nicht nur fordernd voran und zündet scharfsinnig Rossinis gewohnte Stretta-Feuer, sondern lässt kleine und kostbare Klanggebilde leuchten. Musikalisches Glück triumphiert am Ende über satten Augenschmaus.  Viel Beifall. So oder so.

Info und Termine: www.theater-kiel.de