Das schwedische Ensemble Lipparella schlug beim Provinzlärm Brücken über Zeiten und Klänge

Von Jörg Meyer

Eckernförde. Das auf historischen Instrumenten musizierende schwedische Ensemble Lipparella war nicht nur repräsentativer Gast im Länderschwerpunkt des diesjährigen Neue-Musik-Festivals Provinzlärm. Es bewies im Konzert am Sonnabend in der St. Nicolai-Kirche auch, wie eng die Neue Musik mit der alten aus Renaissance und Barock verbunden ist, und wies damit Wege aus den Vergangenheiten in die Zukunft.

Countertenor Mikael Bellini, Anna Lindal (Barock-Violine), Kerstin Frödin (Blöckflöten), Louise Agnani (Viola da Gamba) und Peter Söderberg (Theorbe) locken aus ihren Renaissance-Instrumenten Klänge, die mit Flageoletts und Glissandi ganz „neumusikalisch“ klingen. Das wirkt zunächst wie ein ständiger Zeitsprung, zeigt aber, dass Musik letztlich unabhängig vom (über-) zeitlichen Kontext ist. Denn ihre Inspirationen kehren immer wieder.

So beschwört der polnische Dichter Czeslaw Milosz mit „Campo di Fiori“ die „Scheiterhaufen“ im Warschauer Ghetto und den Giordano Brunos, der 1600 als Ketzer verbrannt wurde. Den schwedischen Komponisten Chrichan Larson faszinierte in „Czarne Latawce“ solche Parallelität des eigentlich nicht Begreif- und Sagbaren der Gewalt von Mensch zu Mensch und schuf aus dem von Mikael Bellini oft nur rezitierten Gedicht einen dramatisierten Klagegesang oder auch Requiem, für das die brüchigen und bewusst „schrägen“ Klänge der Neuen Musik den passenden Ton finden.

Der (neben Beatrix Wagner) künstlerische Leiter des Festivals, Gerald Eckert, moderierte das Konzert. (Foto: ögyr)

Auch Kent Olofsson beschäftigt sich in „Champs d’étoiles“ mit den Übergängen vom Augenblick zu Ewigkeit. Mikael Bellini singt und sagt Gedichte von Rilke aus dem „Stundenbuch“ und den „Duineser Elegien“. Rilkes „hoher“ Ton wird darin wie im Kunstlied des 19. Jahrhunderts umgesetzt, konterkariert dieses dennoch, wenn aus dem inneren Monolog des lyrischen Ichs mit einer elektronischen Zuspielung am Ende etwas brüchig Sphärisches entsteht: da, wo statt des Klangs der großen Worte nur noch der bleibt, der darin in ewiger Augenblicklichkeit nachhallt.

Um „magische“ Augenblicke, die im gegenwärtigen Ereignis ewig werden, geht es ebenso Lisa Streich in „Fikonträdet“ (Feigenbaum)“. Inspiration für sie war Inger Christensens episches Gedicht „Alphabet“. Es wird hier nur insofern rezitiert, als Mikael Bellini sich die Hand als Erstaunens- oder auch Erschreckensgeste rhythmisch über den Mund wirft, als müsse er sich solchen verbieten. Es bleiben nur die Silben, das explosive Ein- und Ausatmen – unbedingt beeindruckend in seiner menschlich-brüchigen Kraft.