Theaterhandwerk mit Goldenem Boden: Victor Hugos „Die Elenden” für das Kieler Schauspiel dramatisiert

Von Christoph Munk

Kiel. Als Roman ist Victor Hugos „Die Elenden“ ein dicker Brocken. Auf weit über tausend Seiten entsteht ein historische Panorama aus dem 19. Jahrhundert. Und der Held der Erzählung durchläuft darin den Weg einer inneren Läuterung. Wie unterhaltend dieses epische, oft als Film und auch als Musical verwertete Werk als Drama auf die Bühne zu wuchten ist, zeigt jetzt die Theaterversion von Malte Kreutzfeldt und Jens Paulsen  im Kieler Schauspiel.

Nur noch gute Taten:  Imanuel Humm als Valjean mit Agnes Richter. (Foto Olaf Struck)

Ein düsteres Szenenbild macht den Anfang zu einem Versprechen: Ein betonschweres Plateau hängt tief vom Bühnenhimmel, hinter hellen Öffnungen im Hintergrund  huschen schwarze Gestalten. Was wird hier geschehen? Vorerst als Prolog das Gespräch des Bischofs mit dem Greis. Der sagt: „Man hat mich verjagt, gehetzt, verfolgt und verleumdet. Nun werde ich sterben“. Das klingt wie eine vorweg genommene Bilanz am Ende des Lebens von Jean Valjean. Was still und minimal belebt beginnt, wird eine wild bewegte Nacherzählung ohne den großen, laut belehrenden Anspruch.

Schnell wird es dramatisch: Mit wenigen Handstreichen strebt eine Takelage in die Höhe. An der Spitze einer Leiter lauert der Galeerensträfling Valjean auf seine Chance zur Flucht. Er stürzt, fällt weiter und entkommt. Das Haus des Bischofs wird seine erste Zuflucht und der Ort seiner inneren Umkehr. Er will den Silberleuchter seines Gastgebers stehlen, doch der schenkt ihn ihm. Moral des Schenkens bricht das Recht am Eigentum. Das Grundmotiv der theatralischen Erzählung ist angeschlagen. Ein Mann nimmt seine Lehre mit ins Leben. „Er ging weiter“, berichtet der Bischof. Und fragt: „Würden wir den Heiland erkennen, wenn wir ihm auf der Straße begegneten?“

Fortan, nach seiner blitzartigen Läuterung, wandelt Jean Valjean wie ein Segensbote durch seine Stadt. Alles, was ihn leitet, heißt Güte, Barmherzigkeit, Vergebung. Und Imanuel Humm umgibt diese Gestalt mit der rätselhaften Aura kraftvoller Unnahbarkeit. Hinter seinem stoischen, kaum erschütterbaren Ton, hinter seiner sparsam kalkulierten Gestik und hinter seinem reduzierten Körperspiel steckt mehr als die Absicht, die Vergangenheit des Sträflings hinter einer Maske zu verstecken. Hier erhebt sich ein gerechter Fremder über den verkommenen, elenden Alltag seiner Zeitgenossen. Humm macht den Heiligen unter den Sündern sofort erkennbar.

Trügerische Harmonie bei den Thénadiers (v.li.): Marko Gebbert, Anne Rohde, Yvonne Ruprecht und Olga von Luckwald. (Foto Olaf Struck)

Die Gegensätze erscheinen umso drastischer als Regisseur Malte Kreutzfeldt seine mit dem Dramaturgen Jens Paulsen aus Hugos Mammut-Roman destillierte Theaterfassung mit Schwung und Schmiss über drei Stunden Spielzeit steuert. Er nutzt seinen selbst entwickelten Bühnenraum und die markanten, in Schwarz- und Weißvarianten gehaltenen Kostüme von Christine Hielscher zu einer schnell wechselnden Szenenfolge mit bewundernswert gleitenden Übergängen. Aus dem episch vorgegebenen Rhythmus der Stationenchronologie gewinnt er einen erregt pulsierenden Fluss, weil er die Grenzen zwischen betrachtender Erzählung und direkter Aktion immer wieder spielerisch aufhebt; weil er Töne, Geräusche und stilistisch wild gewürfelte Musik zu  einen betörenden Soundtrack mischt; und weil er mit lockerer Hand Bilderträume beschwört und wieder vergehen lässt.

Was Malte Kreutzfeldt aufbietet, gehört zur Marke „Theaterhandwerk mit goldenem Boden“. In dieser Rubrik bewegen sich auch die kundig geführten Schauspieler mit ihren effektvollen, durchaus an Klischees orientierten Figurenzeichnungen. Dazu gehören vor allem Agnes Richters mit ergreifender Opferbereitschaft erfüllte Fantine und Olga von Luckwalds anrührende Kindfrau Cosette. Oliver E. Schönfeld gibt Valjeans Gegenspieler Javert als feisten Sturkopf, Felix Zimmer den verliebten Revoluzzer Marius als wankelmütigen Schwärmer. Die abgründige Gemeinheit der Familie Thénadier findet ihren fulminanten Ausdruck: heftig auftrumpfend Marko Gebbert, ätzend fies agierend Yvonne Rupprecht  und messerscharf eifernd Anne Rohde.

Der missionarische Eifer des Romanciers Victor Hugo bleibt im forcierten Gang durch die Handlung ebenso auf der Strecke, wie das historische Panorama hinter der Erzählung eher Staffage bleibt. Malte Kreutzfeldts Inszenierung sieht sich eher der volkstümlichen Unterhaltung verpflichtet als der sozialkritischen Belehrung. Obwohl hier ein Gutmensch gegen die Gesellschaft gestellt ist und womöglich an ihr leidet, führt der Regisseur keine Passionsgeschichte vor. Er erzählt lieber das bunte Märchen von einem, der auszog nur noch Gutes zu tun. Das findet allerseits Gefallen, obwohl sich (bei der B-Premeire) ein paar Reihen lichteten.

Termine und Info: www.theater-kiel.de