Muster statt Raffinesse:  Harold Pinters Einakter „Der Liebhaber” im Kieler Schauspiel-Studio

Von Christoph Munk

Kiel. Was ist wahr, was nicht? Was existiert in Wirklichkeit, was scheint nur so? Der englische Dramatiker Harold Pinter hat sich mit Vorliebe solchen Fragen gewidmet. Und auf der Bühne, wo sich Wahrheit und Behauptung, Wirklichkeit und Täuschung direkt und – weil alles nur gespielt ist – ununterscheidbar begegnen, könnte sich daraus ein reizvolles Vexierspiel ergeben. Davon lebt Pinters früher Einakter „Der Liebhaber“, den Kiels Generalintendant Daniel Karasek als kleine Theaterübung im Schauspielstudio inszeniert hat.

Lügen oder Betrügen: Szene aus „Der Liebhaber” mit Isabel Baumert und Zacharias Preen (Foto Olaf Struck)

Vorn rauscht unüberhörbar der Verkehrslärm einer Durchgangsstraße. Hinten, so heißt es, stehen im Garten die Stockrosen und abends zeigt sich der  Sonnenuntergang. Dazwischen, so illustriert es Nadine Baskes Szenenbild, liegt eine etwas dürftig möblierte Einraumwohnung: enges Sofa, ausladender Esstisch, knappes Bett, winziges Tischchen für Flaschen und Gläser. Alles, was man so braucht, um die vorgeschriebene Szene zu absolvieren – üblich sparsame Ausstattung eben.

Wie gewohnt die Situation am Alltagsmorgen: Sie ordnet und wischt im hübschen Kleidchen, er bricht zur Arbeit auf, steckt im braven Büroanzug, nimmt Hut und Aktentasche. Küsschen auf die Wange, beiderseitiges Lächeln. Und dann fällt er erste Satz in die bodenlosen Durchschnittsehe: „Kommt dein Liebhaber heute?“ Pinter schreibt dazu die Anweisung „freundlich“ in Richards Rollenbuch. Und Sarah reagiert eher gleichgültig, gelassen. Eifersucht und Treuebruch könnten Abgründe in dieser Beziehung aufreißen. Aber Pinter will es anders. Er kettet ohne Umschweife das Paar in ein Arrangement, das einen Ausweg aus einer Krise zeigen, sich aber bald auch als Falle erweisen könnte.

Empfängt Sarah im trauten Heim am Nachmittag tatsächlich einen Liebhaber? Besucht Richard zum Ausgleich regelmäßig in der Stadt seine gewohnte Hure? Beide scheinen offen darüber zu sprechen. Aber haben sich Gefühle in dieser Ehe nach zehn Jahren so abgekühlt, dass sich beide Partner mit den Verhältnissen abgefunden haben? Offene Zweierbeziehung – ja oder nein? Wird wirklich betrogen oder nur gelogen? Das Spiel von Isabel Baumert und Zacharias Preen gibt keinen Aufschluss. Zu grob, zu wenig differenziert klingen die Töne ihres Dialogs, zu ungenau werden Blicke, Gesten und Wendungen gesetzt. Zu starr ist Daniel Karaseks Personenführung jenen einfachen Mustern verhaftet, die in gewöhnlichen, schnell fabrizierten Soaps verwendet werden.

Wozu Bongo? Isabel Baumert, Zacharias Preen. (Foto Struck)

Doch die Situation wird eindeutig: Der Liebhaber kommt. Isabel Baumerts Sarah verwandelt sich dafür in eine neckische Dame auf hohen Hacken. Und Zacharias Preens Richard markiert den dicken Max und gibt mit Lederjacke und ohne Schlips den halbstarken Eroberer. Doch aus dem Rollenwechsel entwickelt sich trotz Bongo-Einsatz kein knisterndes Spiel mit dem Feuer, eher eine verklemmt gesteuerte sexuelle Anmache nach Vorbildern aus dem  Beate-Uhse-Katalog. Augenblicke beglückender Erotik sollten anders aussehen, raffinierter komponiert sein.

Natürlich gibt es ein Wiedersehen danach. Der alte Trott, die gewohnte Leier? Rückfall ins eingeübte Ritual mit seinen vorgetäuschten Affären? Oder vielleicht doch Entdeckung neuer Leidenschaften. Kaum vorstellbar nach Sarahs eher trist absolviertem Intermezzo mit Max. Bei Harold Pinter entwickelt sich ein mit Feingefühl austariertes Finale, in dem aus Innehalten, Stille und Flüstern labile Zärtlichkeit entspringt. Nichts davon im Duett des Mittelmaß-Paares. So kultiviert geht’s nicht zu im nüchternen Musterhaus zwischen Hauptverkehrsstraße und Stockrosen-Garten.

Termine und Info: www.theater-kiel.de