Szenisch geordnet, musikalisch ausgereift: „Die Frau ohne Schatten” von Richard Strauss in der Kieler Oper

Von Christoph Munk

Kiel. Einen „gewaltigen Menschheitsentwurf“ nennt die Sängerin  und Regisseurin Brigitte Fassbaender „Die Frau ohne Schatten“ jenes monumentale Werk, das der Komponist Richard Strauss und der Dichter Hugo von Hofmannsthal vor rund 100 Jahren auf die Opernbühne gestellt haben. Mit der konzeptionellen Entscheidung, ihre Kieler Inszenierung in der Entstehungszeit anzusiedeln, gibt die Sängerin und Regisseurin auch ein politisches Statement ab, das allerdings in zeitloser Gültigkeit vom  übermächtigen Reichtum der Musik unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor Georg Fritzsch überwölbt wird.

Endlich ein Schatten: Szene mit Agnieszka Hauzer (links) als Kaiserin. (Foto Olaf Struck)

Klare Charakterzeichnung der Personen in diesem zwischen Realität und Traum changierenden Stück und Vertrauen auf das Märchenhafte. So benennt die Regisseurin in einem Beitrag für das Programmheft die Grundsätze ihrer szenischen Umsetzung der vielschichtigen musiktheatralischen Schöpfung, die aus unterschiedlichen Quellen   gespeist ist: Mozarts „Zauberflöte“ etwa, Goethes „Faust“, orientalische Märchen oder  biblische Motive. Klarheit bedeutet für Brigitte Fassbaender sichtbar eine kühle Ordnung auf der Bühne, wo Raumgestalter Helfried Lauckner eine weite Halle errichtet hat, in der zwar der Kaiser residiert, aber offensichtlich von Ferne der Geisterfürst Keikobad unsichtbar regiert. Darunter, gewissermaßen im aufgeräumten Untergeschoss, wohnen die Menschen: der Färber Barack, seine Frau und die drei Brüder. Auf beiden Etagen das gleiche Dilemma: Den Paaren fehlt der Kindersegen.

So säuberlich getrennt die Gebiete auf der Bühne erscheinen, so präzis unterscheidbar werden die Figuren der Handlung durch ihre Kostüme (Julia Scheeler) und ihr Umfeld. Oben, in einer Art Tempel,  waltet uniforme Disziplin. Unten, im nahezu großbürgerlichen Heim, geht es bürgerlich zu: Der Färber bricht mit Aktentasche und Mustermappe auf, die Frau behütet das Haus; gearbeitet wird woanders. Kein Platz für romantisch-poetische Bilder. Die sind weitgehend in den Video-Einspielungen von Julian Jetter und Frank Scheewe untergebracht: Da dräut überirdisches Gewölk, da zieht der rote Falke ungehindert seine Himmelsbahnen.

Zwischen Amme (Irmgard Vilsmaier) und Färberin (Rebecca Nash): die Kaiserin (Agnieszka Hauzer). (Foto Olaf Struck)

Übersichtlich eingepasst in dieses fassbare System bewegen sich die Figuren dieser nun gar nicht mehr so phantastisch anmutenden Oper. Bradley Daley zeigt einen Kaiser in dessen tenoralem Glanz ein von Zwang und Zweifel heimgesuchter Mann erkennbar wird. Agnieszka Hauzer macht mit schmeichelnder Innigkeit deutlich, wie sich die Seele der Kaiserin singend aus ihrer angestammten Enge löst. Tomohiro Takada stattet den Geisterboten  mit kühl dosierter Klangfülle aus. Yoonki Baek löst mit beachtlichem Anstand die heikle Aufgabe als Erscheinung eines Jünglings.

Mit beeindruckender Souveränität wird Irmgard Vilsmaier den weit gespannten Anforderungen der Partie der Amme gerecht. Ihre Gesangsqualität und ihr Rollenspiel lassen alle Facetten eines vielfach gebrochenen Charakters erkennen: Die strenge Gouvernante wird zur raffinierten Drahtzieherin und endlich zur bitter Geschlagenen. Den umgekehrten Weg markiert Rebecca Nash als Färberin, die mit feiner Soprankultur aus der Schärfe der Attacke am Ende lieblich aufblühende Schönheit entwickelt. Mit Thomas Hall steht ihr ein ebenbürtiger Partner zur Seite: Sein Barack offenbart mit männlichem Timbre und zunehmender Intensität menschliche Wärme.

Man mag in Brigitte Fassbaenders vernünftigem Schema und ihrer konventionell angelegten Personenführung Märchenzauber und Phantastik vermissen. Doch Georg Fritzsch gelingt mit dem Philharmonischen Orchester und den Chören des Theaters (Einstudierung: Lam Tran Dinh) mehr als ein Ausgleich. Fritzsch kennt keine Beschränkungen der musikalischen Freiheiten, sondern bringt mit Präzision, dynamischer Delikatesse und Temperament die Klangwunder von Richard Strauss zur Entfaltung: kammermusikalische Feinheiten, ausufernde Exzesse, rhythmische Raffinesse, melodisches Schwelgen, hymnische Gesänge – harmonisch krasse  Herausforderungen begegnen unmittelbar traumverlorener Schwärmerei.

In den Schlussbildern verbinden sich die musikalischen Kontraste zum einvernehmlichen Jubelgesang: zwei Frauen gewinnen ihre Schatten, zwei Paare begegnen sich in Liebe und die Ungeborenen werden Vater und Mutter finden. Da erinnert die Regisseurin noch einmal an das große Thema dieser monumentalen Oper, dem Hans Mayer einst ein weihevolles Etikett verlieh: „Ein Märchenspiel vom Überleben der Menschheit“. Und im Deutungseifer formuliert Brigitte Fassbaender eine mahnende politische Botschaft: Dem Reigen der nun gebärfreudigen Mütter schließt sich die aus der Welt der Geister zu den Menschen verbannte Amme mit eigenem Nachwuchs an. Bald werden, so verheißt das per Video gesendete Signal, die Massen der Hakenkreuzfahne folgen. Das wird im großen Premierenbeifall zur Kenntnis genommen.

Termine und Info: www.theater-Kiel.de