Mit neuem Generalmusikdirektor und voller Elan in die Spielzeit 2019/2020 des Kieler Theaters 

Von Christoph Munk

Kiel. Voller Elan, Stolz, Einfallsreichtum und Schaffenskraft stürmt Benjamin Reiners, der neue Generalmusikdirektor des städtischen Kieler Theaters, mit den Plänen in seiner ersten Saison auf seine neue Wirkungsstätte zu. Es scheint,  als wolle er alle Altersgruppen und Orte musikalisch erobern und mit seinem Konzertprogramm umarmen.  Nicht zufällig überließ ihm darum Generalintendant Daniel Karasek bei der Vorstellung des Programms für die Spielzeit 2019/2020 die erste Position.

Daniel Karasek hört mit Gelassenheit den Plänen seines neuen Generalmusikdirektors Benjamin Reiners zu. (Fotos Ehr)

Wer zählt die Spielstätten? Selbstverständlich steht traditionell das Kieler Schloss für die neun Philharmonischen Konzerte bereit, die künftig montags um 19.30 Uhr beginnen und die Reiners geradezu programmatisch mit „Serenade to music“ von Ralph Vaughan Williams eröffnet – einer Hymne an die Musik nach einem Text aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ für Chor und Orchester. Weiter enthält dieses erste Konzertprogramm neben Sinfonien von Haydn und Brahms die Uraufführung eines Auftragswerkes von SJ Hanke und als Zugaben zwei Neuerungen: Die Gesprächsrunden „Das Musikalische Quartett“ als Auftakt und den „Philharmonischen Absacker“ zum Ausklang.

Neben Reiners selbst und seinem Stellvertreter Daniel Carlberg werden Konrad Junghänel, Stefan Blunier und Joseph Bastian die Dirigate übernehmen; zu den Solisten zählen Frank-Peter Zimmermann (mit Alban Bergs „Violinkonzert“ im März), Ödön Rácz (Kontrabass), Andreas Hering (Klavier), Marie-Elisabeth Hecker (Cello) und Hendrik Vornhusen (Viola). Das Programm im Dezember mit Werken von Ligeti und Schostakowitsch entstand auf Wunsch des Orchesters; im Juni 2020 kann das Publikum selbst seine Auswahl zusammenstellen. Die drei Con Spirito-Ereignisse sind ebenso im Schloss geplant wie das Weihnachtliche Mitsingen und das Neujahrkonzert, diesmal mit Überraschungen unter dem Titel „Freude ohne Götterfunken“.

Ansonsten ergeben sich Streifzüge durch die Stadt: in die Kirche St. Nikolai (Mozart-Konzerte), zu Kammermusikalischen Matineen zu St. Ansgar, in die Gelehrtenschule und die Kunsthalle, zu Familienkonzerten ins Opernhaus, zu Afterwork Meetings in  den Schankraum der lille-Brauerei, zu Gastspielen in den Landtag und ins Computermuseum, auf den Rathausplatz zur Kieler Woche und schließlich in die Elbphilharmonie (24. Juni 2020). Gewinnen will Reiners mit diesen Ausflügen Publikumsschichten aller Arten und Altersgruppen. Mit Schul- und „Küstenkidskonzerten“ hat er besonders des Nachwuchs im Blick.

Musiktheater: Gute Bekannte und neue Begegnungen

Das große „Chefstück“ präsentiert das Kieler Musiktheater schon in der Vorphase der Spielzeit als Open Air Spektakel auf dem Rathausplatz: Wenn Verdis „Aida (ab 24. August) über die Bühne geht, wird Benjamin Reiners sein Saison-Debüt als Operndirigent geben und sich szenisch auf das bewährte Team Daniel Karasek (Regie), Lars Peter (Bühne) und Claudia Spielmann (Kostüme) verlassen können. In ähnlich zuverlässigen Händen liegt ein aus dem Kino bekanntes Stück, das erstmals in deutscher Sprache gegeben wird: George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ (Premiere: 28. September) wird von der Musical-Fachkraft Ricarda Regina Ludigkeit inszeniert; Daniel Carlberg steht am Pult.

Erstmals in Kiel führt Luise Kautz am Kieler Musiktheater Regie. Und das in einem Werk, das hier seit den 1990-Jahren in der Inszenierung von Claes Fellbom Kultstatus genießt: Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ hat unter der Musikalischen Leitung von Benjamin Reiners am 13. Oktober Premiere. Nur wenige Opernfreunde dürften sich dagegen an die letzte Produktion von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ erinnern, deren Neuinszenierung von Paris Mexis (Regie und Ausstattung) ab 7. Dezember zu sehen ist. Ein guter, alter Bekannter, immer wieder gern gesehen, kommt mit „Die Fledermaus“ von Johann Strauß ab 25. Januar 2020 ins Repertoire (Dirigent: Daniel Carlberg, Regie:  Olaf Strieb).

Selten realisiert und in Kiel bisher noch nicht auf der Bühne ist Hector Berlioz’ monumentale Grand Opera „Die Trojaner“, mit der sich Alexandra Liedtke erstmals als Regisseurin in Kiel vorstellt (Premiere: 7. März). Generalintendant Daniel Karasek hat sich mit Mozarts Frühwerk „Die Gärtnerin aus Liebe“ ein verzwicktes Liebes- und Verwirrstück als Regisseur vorgenommen; GMD Benjamin Reiners legt sich dabei eine als „faszinierend farbenreich“ gekennzeichnete Prager Bearbeitung von 1796 aufs Pult. Die Premiere ist für den 25. April 2020 geplant. Ein paar Tage vorher (12. April) kommt mit „Honk! – Anders als der Rest“ von Georg Stiles im Werftpark-Theater unter der Beteiligung des Kinder- und Jugendchors ein Überraschungs-Erfolg des Musical-Genres heraus.

Pläne mit Puschkin: Ballettchef  Ivanenko

Zwei große Premieren und einen Abend der jungen Choreografen (28. Mai) bereitet das Kieler Ballett vor. Puschkins Versroman „Eugen Onegin“ gibt die Vorlage für Yaroslav Ivanenkos gleichnamige Choreografie (Premiere: 2. November), die zwar unter anderem Kompositionen von Tschaikowski verwendet, nicht aber Musik aus dessen bekannter Oper. Mit Can Arslan und Antoine Jully teilt sich Kiels Ballettchef die Verantwortung für die Produktion „Drei Choreografen“, die ab 28. März drei verschiedene Stücke und Tanzsprachen vorstellt.

Schauspiel: Mut zu großen Formaten

Gleich zu Beginn der Saison begibt sich das Kieler Schauspiel auf die große, ewige Suche nach dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“: Goethes Drama „Faust“ steht in der Inszenierung von Annette Pullen ab 20./21. September auf dem Programm. Kaum weniger gewichtig dürfte die Bühnenbearbeitung des Romans „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck ausfallen, ein Schlüsselwerk der US-amerikanischen Literatur, das nicht nur wegen der Themen Arbeitslosigkeit und Flucht aktuell erscheint und von Malte Kreutzfeldt inszeniert wird (Premiere: 5./6. Oktober). Daniel Karasek nimmt sich eines selten gespielten Ibsen-Stückes an: „Rosmersholm“ kommt am 15./16. November im Haus an der Holtenauer Straße heraus.

Eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund religiöser Gegensätze und der Realität des israelisch-arabischen Konflikts erzählt das Schauspiel „Vögel“ des aus dem Libanon“ stammenden Autors, Schauspielers und Regisseurs Wajdi Mouawad. Mit dieser Produktion (Premiere 17.18. Januar (2020) stellt sich Michael Wallner erstmals als Regisseur in Kiel vor. Lisa Gappel, deren Inszenierung von Tschechows „Die Möwe“ am 17./18. April Premiere feiert, hat sich dagegen schon mit einigen Regiearbeiten (Weihnachtsmärchen, „Novecento“) bewährt; ebenso Mona Kraushaar (mit „Spieltrieb“), die am 6./7. Juni Simon Stephens’ neuestes Werk „Maria“ herausbringt.

Gegenwartsnahe Themen, aktuelle Stücke sind im Spielplan des Schauspiel-Studios vorgesehen: „Amsterdam“ von Maya Arad Yasur (Regie: Josua Rösing; Premiere: 22. September), „Oleanna“ von David Mamet (Regie: Jule Gröning; Premiere 19. Januar); „Everything Belongs To The Future“ von Laurie Penny (Regie: Sarah Kohrs; Premiere: 1. März).

Junges Theater im Werftpark: Alle Altersgruppen im Fokus

Angebote für die Stadt und alle Altersstufen: Kiels neuer GMD Benjamin Reiners und Werftpark-Theater-Chefin Astrid Großgasteiger

Thematisch weit gefächert und ausgerichtet auf alle Altersstufen im Theaternachwuchs hat Astrid Großgasteiger, Leiterin des Jungen Theaters im Werftpark, ihr Angebot gestaltet. Schon die ganz jungen Zuschauer ab zwei Jahren soll eine spielpädagogische Stückentwicklung mit dem Arbeitstitel „Klangküche“ anlocken. Märchenstoffe wie Wilhelm Hauffs „Zwerg Nase“, ein Phantasiespiel wie „Die Reise auf den Planeten Röboterlinge“, die Jungen-Geschichte „Winterbacken“ oder Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ dürften Kinder von drei bis sechs oder acht Jahren interessieren. Mit „Der Hitlerjunge Salomon“, der Abenteuerstory „Beach“ und Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer“ können sich Jugendlich oder sogar Erwachsene angesprochen fühlen. Da trifft sich die Absicht des Theaters im Werftpark mit der stürmischen Umarmungsgeste für die ganze Stadt, die der neue Generalmusikdirektors im Sinn hat.

Alle Titel, Namen und Premieren siehe „Tipps & Termine“