Kieler Stadtgalerie zeigt Miniaturlandschaften in der zeitgenössischen Fotografie, Kieler Kunst zwischen 1918 und 1945 und Ausstellungsplakate zu Ulrich Behl

Von Hannes Hansen

Kiel. Mit gleich drei Präsentationen macht die Kieler Stadtgalerie seit Freitagabend mächtig etwas her. Im Foyer grüßen den Besucher an die fünfzig Plakate aus ebenso vielen Jahren, die Ausstellungen des Zeichners, Grafikers und Objektkünstlers Ulrich Behl ankündigen. Im Anschluss an die Räume der Heinrich-Ehmsen-Stiftung wird an das Schaffen von Kieler Künstlern nach dem Ersten Weltkrieg erinnert.Und einem ganz speziellen Thema der Fotografie ist die Hauptausstellung gewidmet: „Modell Naturen”.

Man wird sich fragen dürfen, ob aus Anlass des achtzigsten Geburtstags eines Mannes und Kieler Kulturpreisträgers, der seine Kunst immerhin auch international präsentieren durfte, so etwa 1989 in Rotterdam auf einer Konstruktivismus-Konferenz oder 1995 auf der Biennale in Venedig, ob also für einen Mann, dessen Werke einen bedeutend längeren Schatten als die aller anderen Kieler Künstler werfen, das als Ehrung nicht ein bisschen wenig ist. Aber so ist das nun einmal mit den Propheten im eigenen Land.

Friedrich Peter Drömmer, “Kriegerdenkmal”, 1921

Auch die Künstler, die Kurator Ulrich Schulte-Wülfer in der Heinrich-Ehmsen-Stiftung unter dem Titel „Kieler Künstler und Künstler in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“ zeigt, mussten Kiel verlassen, um bekannt und anerkannt zu werden. Oder sie blieben und mussten, wie der ehemalige Direktor des Museumsbergs Flensburg sagt, „teuer dafür zahlen“, wie es geradezu beispielhaft das Schicksal Werner Langes zeigt. Der Maler, der mit seinen Freunden Friedrich Peter Drömmer, Karl Peter Röhl und Adolph Meyer 1919 die Expressionistische Arbeitsgemeinschaft Kiel gegründet hatte und gleich mit deren erster Ausstellung in der Kieler Kunsthalle einen Skandal auslöste, blieb trotz aller Anfeindungen in seiner Heimatstadt. Er kam deshalb, so muss man wohl sagen, über eine gewisse regional begrenzte Bekanntheit nicht hinaus, während Röhl und Drömmer als Mitarbeiter am Dessauer Bauhaus und bei den Junkers-Werken Karriere machten.

Elisabeth Jaspersen, “Apothekenstillleben”

Diese Expressionisten der zweiten Phase zeigt die Ausstellung in der Stadtgalerie ebenso wie Werke von Friedrich Karl Gotsch oder Hans Ralfs, von Heinrich Ehmsen oder Elisabeth Jaspersen, Werke zwischen Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und einem etwas zaghaften Spätexpressionismus. Viele, vielleicht die meisten dieser Künstler hatten während des Nationalsozialismus große Schwierigkeiten, litten unter Malverbot und Existenzangst oder wurden wie Richard Grune im Konzentrationslager zu Tode geqält.

Andere  wie Ingwer Paulsen oder der moralisch wie künstlerisch außerordentlich gelenkige Ernst Vollbehr passten sich an und gaben sich für Propagandakunst her.

Adolph Meyer, “Tänzerin”, 1919

Dominant in der Kieler Kunstszene waren in der Weimarer Republik und darüber hinaus Künstler, die Ulrich Schulte-Wülwer als „Heimatmaler“ bezeichnet. Exemplarisch für ihre Kunst steht Heinrich Blunck. Das Heikendorfer Künstlermuseum, das ehemalige Wohnhaus Bluncks, zeigt Beispiele ihrer eher traditionell verorteten Kunst.

Mit dem als Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte erschienenen Band 3 der Buchreihe „Kieler Künstler“ schließt Ulrich Schulte-Wülwer seine umfassende Darstellung des Kieler Kunstschaffens zwischen 1770 und 1945 mit einem wie seine Vorgänger imponierenden Werk von fast 500 Seiten ab, das keine Wünsche offen lässt.

Auf ganz andere Weise faszinierend ist eine Schau, die Kuratorin Marie Christine Jádi in Kooperation mit der Alfred-Ehrhardt-Stiftung und den Museen München Ismaning und Saarlouis konzipiert hat. Unter dem Titel „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“ zeigt sie Werke von neunzehn Künstlerinnen und Künstlern, die  in kleinem Maßstab natürliche Landschaften nachbauen und diese dann auf eine Weise fotografieren, die den Betrachter zweifeln lässt, was hier Wirklichkeit, was Fake, was Spaß oder was philosophische Befragung nach der Realität des Realen und seiner Inszenierung als Vexierspiel ist.

James Casebere, “Sea of Ice”

So zeigt der Amerikaner James Casebere mit „Sea of Ice“ eine ins Kalte und Tote gewendete Version von Caspar David Friedrichs romantisch erhabenem „Eismeer“, was man durchaus als künstlerischen Kommentar zur gegenwärtigen Verwüstung der Natur lesen kann.

Frank Kuneret, “Flugsteig”

Der Deutsche Frank Kunert konstruiert und fotografiert einen absurden „Flugsteig“. Eine hohe Säule durchstößt eine Wolkendecke und trägt eine mit klassischen Bahnsteigaccessoires bestückte Plattform. Wieder muss man schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass das Ganze ein inszeniertes Modell ist und das Absurde erweist sich als Spielform des Banalen.

Mariele Neudecker; “Another-Million-Days-and-Nights-Go-by”

In England lebt und arbeitet die Deutsche Mariele Neudecker. Sie schafft, was Marie Christine Jádi eine „sublime Landschaft“ nennt, wobei unter „sublim“ im Sinne von Edmund Burke eher das „Erhabene“ als das raffiniert Verfeinerte zu verstehen ist. Die gewaltigen Alpenlandschaften, die Ehrfurcht einflößenden schneebedeckten Berge sind nichts anderes als die Abbilder raffiniert fotografierter etwa fünfzig Zentimeter hoher Modelle, die alles andere als erhaben sind, sondern eher an die niedlichen Landschaften von Eisenbahnmodell-Freunden erinnern. Die Gegenüberstellung von Modell und Abbild lässt uns schon an unseren Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten zweifeln.

David LaChapelle, “Gas Shell”

Unter fünf Kategorien subsumiert Marie Christine Jádi in Kiel geezeigten Werke. Auf „Trompe-Lœil“ folgen „Sublime Landschaften“ und „Surreale Landschaften“, „Urbane“ sind zugleich „Unheimliche Landschaften“ und „Konstruierte und Historische Landschaften“ gelten der Kuratorin als Beispiele für „Ironie und Tragik.“

Fazit: Geht staunend durch die Ausstellung, Leute, und betrachtet sie mit den Augen eines Kindes, das seinen Teddy auseinander nimmt, um zu sehen, was drin ist. Das alte philosophische Gegensatzpaar von Schönheit und Erhabenheit feiert in der Kieler Ausstellung als Lachen und Staunen seine Wiedergeburt.

Stadtgalerie Kiel, Miniaturlandschaften in der zeitgenössischen Fotografie, Kieler Kunst zwischen 1918 und 1945 und Ausstellungsplakate zu Ulrich Behl, 14.9. – 24.11. Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr. 10 – 17 Uhr, Do 10 -19 Uhr, Sa, So 11 – 17 Uhr. Führungen Do 17 Uhr sowie nach Vereinbarung für Gruppen. Telefon (0431) 901 3411, für Schulklassen und Kunstaktionen (0431 901 3409.

Die Ausstellung der Kieler Künstler ergänzt Band 3 der „Kieler Künstler“ von Ulrich Schulte-Wülwer (480 Seiten, 34 €). Zu den Miniaturlandschaften erscheint das im Michael Imhof Verlag erschienene Buch „Miniaturlandschaften in der zeitgenössischen Fotografie“ von Marie Christine Jádi und Christiane Stahl“ (19,95 €).