Hannes Hansen schildert in seinem neuen Roman das Potsdam der Wendezeit

Von Kai U. Jürgens

Hannes Hansen (Foto: Leo Hansen-Ordóñez)

„Er wird sich schon wieder melden.“ Dies geht Silvia durch den Kopf, als ihr mit Antiquitäten handelnder Mann Georg nach einer Messefahrt in den frühen 1990er Jahren nicht nach Hause kommt. Doch Georgs Verschwinden hat tiefere Beweggründe; er fühlt einen unbestimmbaren Verlust, der keinen Aufschub duldet. Also kehrt er als knapp Fünfzigjähriger in seine Heimatstadt Potsdam zurück – mit unabsehbaren Konsequenzen.

Buch-Cover (Foto: Grabener Verlag)

Tatsächlich hatte Georg schon öfter von dem „schweren satten Gelb“ seiner Kindheit gesprochen, das charakteristisch für die Bauten der nunmehrigen Landeshauptstadt ist. Doch Potsdam hat sich verändert. Straßen und Gebäude sind nicht mehr dieselben, während in den Schaufenstern die Insignien des neuen Wohlstands locken. Ist dies noch seine Heimat? Oder sucht Georg die Heimat dort, wo er noch nie gewesen ist? Zufällig trifft er seine Jugendliebe Friederike wieder, eine Pharmakologin, die unterdessen geschieden ist. Beide nehmen ihre Beziehung wieder auf, treiben mit einem Boot durch die Gegend und durch die gemeinsame Vergangenheit. Georg stößt sich vor allem an den unentwegten Modernisierungsmaßnahmen, die historische Substanz vernichten. Schließlich kommt ihm die Idee, ein Antiquariat für DDR-Literatur aufzumachen. Die Eröffnungsfeier gerät zum Ereignis, und anfangs laufen auch die Geschäfte prächtig – bis das Interesse einbricht.

Potsdamer Gelb (Foto: Leo Hansen-Ordóñez)

Der Schriftsteller und Übersetzer Hannes Hansen hat zuletzt Reisebücher über Schleswig-Holstein und Frankreich vorgelegt; darüber ist weitgehend in Vergessenheit geraten, was für ein großartiger Erzähler er ist. Jenes volle satte Gelb“, ein „zeitgeschichtlicher Roman aus der Wendezeit“, handelt von einem Mann, dem die Vergangenheit zu einem Labyrinth wird, aus dem er nicht mehr hinauszufinden droht. Der in Potsdam gebürtige Hansen hat damit seiner Heimatstadt ein durchaus kritisches Porträt gewidmet, das ebenso von der Schönheit der Stadt kündet wie von den Fehlern, die nach dem Untergang der DDR gemacht worden sind: „Draußen hatte sich die Zeit beschleunigt und war ein hungriger Wolf geworden, der die Ereignisse hetzte und vorwärts trieb, bis er sie in den Fängen hielt und zerfleischte.“ Es ist aber auch ein zutiefst humanistisches Buch über eine zunehmend abgründigere Selbstsuche, die über die Buchdeckel hinaus weiterläuft, nachdem noch einmal alles anders geworden ist.

Hansen erzählt lakonisch, einfühlsam und bilderreich; dazu kommt ein untrüglicher Eindruck für erzählerische Ökonomie: Manch Kollege hat auf erheblich mehr Seiten erheblich weniger gesagt. Derzeit arbeitet Hansen an einem Sachbuch über Rum; es dürfte spannend werden, was er daraus macht.

Hannes Hansen: Jenses volle satte Gelb. Ein zeitgeschichtlicher Roman aus der Wendezeit. Edition Grabener, 141 S., 16,10 €

Lesung von Hannes Hansen aus dem Roman am Literaturtelefon Kiel