Neue Reihe: Schleswig-Holsteinisches Dekameron

Von Hannes Hansen

So wie einst eine Gruppe junger reicher Leute sich vor der Pest im Florenz des Jahres 1348 auf einen Landsitz flüchtete und sich ihre Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertrieb, versucht eine (noch unbestimmte) Anzahl von miteinander befreundeten Menschen höheren Alters und gesicherten Einkommens, auf einer Hallig der Gefahr einer Covid19-Erkrankung zu entkommen. Ein Mann hat von seinem Vater ein Bauernhaus auf einer jetzt unbewohnten Hallig geerbt, auf die sich er und seine Bekannten zurückziehen. Sie vertreiben sich die Zeit mit der Renovierung des Hauses, langen Spaziergängen, Kochen und eben dem Erzählen von Geschichten. Falls genügend Geschichten zusammenkommen, werde ich mich an die Arbeit machen und die Rahmenerzählung schreiben, später dann auch Zwischentexte und auch Kochrezepte nach dem Muster von Simmels „Es muss nicht immer Kaviar sein“.

Ich denke an eine Erstveröffentlichung in unserem Blog, dann auch an eine Buchveröffentlichung.

Hier die erste Geschichte von Kurt Geisler, bekannt als Kieler Krimi-Autor:


Liebe des Lebens

Von Kurt Geisler

Lange Zeit hatte Olli gebraucht, um die wahre Liebe seines Lebens zu finden. In kürzester Zeit hatte ihm Anna alle Sinne geraubt, und jetzt hatte sich alles zum Guten gewendet. Gut, so manches lief noch nicht richtig rund mit ihr. Schließlich hatte sie zwei halbgare Söhne und eine dickliche Tochter im Handgepäck. Olli wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte. Anna bemerkte seine Sorgenfalten sofort und spielte sie mit einer laschen Handbewegung herunter.
„Kinder sind kein Problem für eine Beziehung, Olli. Davon kannst du Hunderte erziehen. Eine Mutter aber nicht. Irgendwann wirst du noch einmal an meine Worte denken.“

Olli verstand nicht, worauf Anna anspielte. Er war auch unsicher, ob er ihre leibliche Mitgift mit allen Konsequenzen anstreben sollte, als er an diesem stillen Sonntagmorgen sein klassisches Mercedes-Cabrio vor dem Altersheim in der Kieler Harmsstraße parkte. Skeptisch betrachtete er sich im Rückspiegel. Reichlich mitgenommen sah er aus. Kein Wunder nach dem Junggesellenabschied gestern Abend. Ordentlich gegossen hatte er sich einen, bis er irgendwann an wohlriechenden Brüsten nahe einer vollgepinkelten Hauswand eingenickt war.

Heute Morgen fiel es ihm schwer, in die Gänge zu kommen. Aber er hatte keine Wahl. Seine Mutter zu versetzen, das konnte er sich beim besten Willen nicht erlauben. So quälte er sich aus seinem Cabrio und wankte ungelenk auf den Hof des Altersheims zu. Die Vorhänge hinter den meisten Fenstern waren zugezogen, während die gläsernen Türen zum Foyer sich einladend von selbst öffneten. Drinnen war es gespenstisch leer wie immer, aber gleich beim ersten Blick in den rechten Flur wedelte ihm fröhlich eine alte weibliche Gestalt mit der Krücke zu.
„Olli, mein geliebter Sohn. Komm in meine Arme.“
In der Folge öffneten sich leise viele Türen auf dem Flur. Zwar nur einen kleinen Spalt, aber Olli konnte sich lebhaft vorstellen, dass dahinter unzählige neugierige Augenpaare das Geschehen verfolgten. Seine Mutter schien das zu genießen, denn achtlos ließ sie ihre Krücken fallen und hakte sich zufrieden bei ihm ein.
„Wenn du mich in den Arm nimmst, mein Junge, dann fühle ich mich gleich 30 Jahre jünger. Was unternehmen wir denn heute?“
Darüber hatte sich Olli noch keine Gedanken gemacht. Was konnte er unternehmen, ohne mit seiner Mutter gesehen zu werden? „Vielleicht zum Nordfriedhof zu Papa?“

Seiner Mutter stand aber der Sinn nach Höherem.
„Papperlapapp. Was soll ich bei dem Schlappschwanz? Der hat immer nur vor dem Fernseher gesessen und gepupst. Ich will mit dir heute noch einmal richtig etwas erleben.“
Das hatte Olli befürchtet, und so zog er zunächst seine Sonnenbrille von der Stirn herunter über die gebeutelten Augen. Eine Denkpause war ihm aber nicht vergönnt, denn seine Mutter begann, ihn zum Ausgang zu zerren. Dabei vergaß sie nicht, in jeden geöffneten Türspalt hinein freundlich zu grüßen.
„Das ist mein Sohn Oliver, ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann.“

Entnervt ergab sich Olli seinem Schicksal, bis sie es endlich ins Freie geschafft hatten. Erleichtert öffnete er die Beifahrertür und half ihr formvollendet auf den Sitz. Dankbar ergriff sie seine Hand.
„Mein Sohn, lass uns ein letztes Mal an die Ostsee fahren. Egal, wohin. Ich möchte dich gerne einladen. Du kannst alles bestellen, was du möchtest: Rinderfilet, Lachs, Kaviar und meinetwegen auch Champagner. Am besten alles zusammen. Schade, dass ich keine frische Suppe mehr wie früher für dich zubereiten kann. Die hast du immer so gerne gemocht.“

Die wässerige Suppe mit den Fettaugen auf der Oberfläche mochte Olli noch nie, aber seine Mutter hatte sie immer wieder aufgetischt. Mit dem Alter verschieben sich die Gestirne, bemerkte Anna dazu. Olli beschloss, nicht gegenanzumeckern, sondern den Ausflug mit seiner alten Mutter zu seinen Bedingungen zu gestalten. Zunächst war Verdunkelung angesagt. Er eilte zum Heck seines Mercedes, um das Verdeck über das Cabrio zu ziehen. Seine Mutter maulte sogleich.
„Olli, was tust du mir an? Ich war für unseren Ausflug extra beim Friseur und möchte gerne mit dir gesehen werden.“
Genau das wollte Olli nicht. Vermutlich würde sie sogar eine Lungenentzündung in Kauf nehmen, um stolz im offenen Cabrio mit wehenden silbergrauen Haaren an seiner Seite den Urlaubern zuzuwinken. Aber seine Mutter ließ nicht locker.
„Bitte, ich möchte noch ein letztes Mal in meinem Leben nach Grömitz fahren.“

Ein letztes Mal im Leben. Wie oft hatte Olli das schon von ihr gehört? Aber er war kein Sadist, und schließlich war sie seine Mutter. Grömitz als Reiseziel war für ihn okay, zumal vermutlich seit mehr als dreißig Jahren kein Schwein mehr in diesen halb vergessenen Badeort an der Lübecker Bucht fuhr. Dort könnten sie sicherlich Hamburger und Heißgetränke frisch aus irgendeinem Drive-in beziehen. Verzehren würden sie das an einem einsamen Strand mit Blick auf die Ostsee und anschließend schnell mit Mutter zurück nach Kiel.

Aber Olli hatte die Rechnung ohne die Wirtin gemacht.
„Mein Sohn, du hast hoffentlich nicht vergessen, dass ich diesen flotten Flitzer bezahlt habe.“
Natürlich hatte er das nicht. Diesen Mercedes SL, den wollte er schon immer. Selbstlos hatte Olli allerdings auch einen Tausender zu den zwanzig Riesen seiner Mutter beigesteuert. Stumm nickend gab er Gas, und glücklicherweise döste seine Mutter schnell ein.
Beim Anblick des Ortschildes von Grömitz wurde sie aber schlagartig quicklebendig. „Wir sind da, mein Kind. Halt an, ich möchte dich gerne einigen wohlbetuchten Bekannten vorstellen.“

Olli war genervt. „Mutti. Deine Bekannten sind alle längst unter der Erde.“
Natürlich hielt Olli nicht an. Aber als er an einer roten Ampel stoppen musste, stieg sie einfach aus. Jetzt wurde er ungehalten. „Mutti, steig wieder ein!“
Aber seine Mutter verschränkte die Arme und schüttelte resolut den Kopf.
„Nein. Stell den Wagen hier ab. Du bist eingeladen, wie immer.“

Die Ampel sprang auf grün, und sofort wurde hinter Olli kräftig gehupt. Was blieb ihm übrig, als seinen Mercedes am Fahrbahnrand zu parken? Prompt hakte ihn seine Mutter resolut ein und lustwandelte mit ihm zufrieden zur Promenade.
„Lass uns noch einmal in dieses wunderbare Tanzlokal Palmengarten gehen, die haben da immer so schöne Tanzmusik gespielt. Letztes Mal war sogar Gerhard Wendland leibhaftig da.“
Olli stampfte verärgert mit dem Fuß auf. „Mama. Letztes Mal? Das muss vor über 40 Jahren gewesen sein.“
Seine Mutter tat erstaunt. „Ja wirklich? Mein Gott, wie die Zeit vergeht.“

Olli fühlte, dass am heutigen Tag jeglicher Widerstand zwecklos sein würde. Andererseits war der Tanzschuppen vielleicht keine schlechte Wahl, denn der wird in den letzten Jahrzehnten wie der gesamte Ort vermutlich reichlich heruntergekommen sein. Auf der gut besuchten Promenade geriet er allerdings ins Staunen über die gelungene Runderneuerung des ehemals hässlichen alten Plattenweges. Insgesamt präsentierte sich das Ostseebad von seiner besten Seite.
Auch das Tanzlokal Palmengarten, aus dem Live-Musik dröhnte, präsentierte sich im Gegensatz zu den meisten seiner Gäste in allerbestem Zustand. Aber Zeit fand er nicht, das Etablissement näher zu inspizieren, denn seine Mutter zog ihn ungefragt auf die Tanzfläche und begann, sich rhythmisch nach den Klängen ihres Lieblingsliedes zu bewegen.
„Tanze mit mir in den Morgen, Olli.“
Schon als Kind hatte es Olli gehasst, mit seiner Mutter tanzen zu müssen. „Das muss nun wirklich nicht sein, Mama.“
Sie ließ sich aber nicht beirren. „Nur einen Tanz mit deiner alten Mutter. Wer weiß, wie lange ich noch lebe. Bitte.“

Notgedrungen ergab er sich seinem Schicksal. Die Stimme der Sängerin klang ein wenig blechern und die Begleitung auf der Hammond-Orgel war monoton, aber das kam Olli durchaus entgegen. Dennoch führte ihn seine Mutter trotz ihrer Gebrechen mit hoch angewinkelten Armen schneidig über die Tanzfläche. Kaum war die Musik verklungen, da wurde von einem der Tische an der Tanzfläche laut Beifall geklatscht. Ungefragt zog ihn seine Mutter dorthin und eröffnete ein Gespräch.
„Vielen Dank. Darf ich vorstellen: Das ist mein Sohn Oliver, ein erfolgreicher Geschäftsmann und zugleich begnadeter Tänzer.“

Sie erntete Riesengelächter. Vorsichtig lugte Olli hinter dem Rücken seiner Mutter zu den Personen am Tisch. Mit Erschrecken musste er feststellen, dass es sich um Geschäftspartner von ihm handelte. Darunter auch die geheimnisvolle dunkelhaarige Maklerin, der er schon seit längerem nachstellte. Miriam. Wenn es mit Anna nichts werden würde, dann könnte er sich in seinen kühnsten Träumen mit Miriam eigentlich alles vorstellen.

Seine Mutter griff derweil schmerzfrei in ihre Handtasche und zog ein vergilbtes kleines Passfoto hervor, das sie den staunenden Personen am Tisch präsentierte.
„Schauen Sie einmal, dieses Foto von mir ist von 1970. Ich habe nicht immer so ausgesehen wie jetzt.“
Im Raunen der fröhlichen Tischrunde stand Miriam unerwartet auf und bewegte sich auf Ollis Mutter zu.
„Wirklich? Ein sehr schönes Foto von Ihnen. Sicherlich hat die Männerwelt Ihnen zeitlebens zu Füßen gelegen. Darf man fragen, wo Sie jetzt ihr Domizil haben?“
Die alte Dame fühlte sich geschmeichelt.
„Sicherlich. In der Seniorenresidenz in der Kieler Harmsstraße. Aber nur vorübergehend. Ich suche nach etwas Ruhigerem im Grünen. Am liebsten zusammen mit meinem Sohn.“

Ohnmächtige Wut stieg in Olli hoch, zumal vorübergehend bei seiner alten Mutter nur bis zu ihrem Begräbnis bedeuten konnte. Die Maklerin behielt erstaunlicherweise die Ruhe und nickte freundlich.
„Das ist verständlich. Wir alle sehnen uns nach Ruhe und Geborgenheit. Sie haben sicherlich nichts dagegen, wenn ich Ihren Sohn für einen Tanz entführe.“
Ollis Mutter zeigte sich unwillig, aber die Maklerin ergriff seine Hand und zog ihn forsch auf die Tanzfläche.
„Kneifen gilt nicht, Kleiner. Mich wirst du so schnell nicht mehr los.“

Dann wirbelte die Maklerin schon mit ihm nach den Klängen eines Foxtrotts über das glatte Parkett. Dabei flüsterte sie ihm liebevoll ins Ohr.
„Olli, du Schlawiner. Ich dachte immer, dass du ein Nichttänzer bist. Kannst du mich vor deiner Mutter küssen?“
Das mit dem Nichttänzer stimmte. Aber ein Kuss vor seiner Mutter? Er wusste nicht so recht. Bevor ihm eine passende Antwort einfiel, hörte er ein energisches Händeklatschen neben sich. Verblüfft nahm er zur Kenntnis, dass ihn seine Mutter für den nächsten Tanz abklatschen wollte. Während sich vom Tisch stürmisches Gejohle erhob, nickte Olli der Maklerin einen stummen Dank zu und flüchtete an die Bar in den Nebenraum. Wie konnte ihn seine Mutter vor Miriam nur so lächerlich machen? Er orderte einen Whisky, den er in einem Zug hinuntergoss.

Als er zur Tanzfläche schielte, bemerkte er, dass sich seine Mutter jetzt an den Tisch mit seinen Geschäftspartnern gesetzt hatte. Bald wurde dort geschunkelt nach den wechselnden Rhythmen der Combo, und in der Folge schmiss seine Mutter offenbar eine Runde nach der anderen. Olli war jetzt alles egal, zumal er sich die Sache mit Miriam vermutlich abschminken konnte. Das Räuspern des Bartenders schreckte ihn aus seinen Gedanken.
„Mein Herr, ich muss Sie leider stören. Ihre werte Frau Mutter verlangt dringend nach Ihnen.“

Mürrisch legte Olli einen Zehner auf den Tresen. Nun war es an der Zeit, die alte Dame  einzusammeln und nach Hause zu bringen. Aber kaum hatte er den Tanzsaal erneut betreten, da wurde von der Combo ein neues Lied intoniert. Das Gejohle am Tisch brandete wieder auf, und die darin einfallende kräftige Stimme kannte er nur zu gut: Es war die seiner Mutter. Stimmlich nicht immer treffsicher zur Begleitung der wimmernden Hammondorgel, aber fordernd.
„Hast du deiner Mutter denn schon Blumen gebracht, hast du sie vergessen, sogar am Muttertag?“
Mist, Muttertag. Daran hatte Olli überhaupt nicht mehr gedacht, obwohl ihm seine Mutter seit fast zwanzig Jahren zu ihrem Ehrentag dieses grauenhafte Lied vorgedudelt hatte. Das brachte das Fass bei ihm zum Überlaufen. Unwirsch wartete er ab, bis ihr schauriger Gesang beendet war. Dann ging er mit festem Schritt auf sie zu und nahm sie an die Hand.
„Mutti, Abmarsch. Sofort.“

Offenbar war ihr Ollis ungnädiger Blick nicht unbemerkt geblieben, denn sie fügte sich ohne Aufmucken ihrem Schicksal. Der Ober nahte schnurstracks mit der Rechnung und präsentierte sie seiner Mutter, die säuerlich an ihren Sohn verwies. Zähneknirschend zückte Olli seine Brieftasche und beglich fluchend die dreistellige Zeche.
Seine Mutter zeigte sich beleidigt. „Kannst du mich nicht ein einziges Mal ohne Murren einladen?“

Olli blieb ihr die Antwort schuldig und führte sie kurzerhand zu seinem Mercedes. Sie wartete geduldig ab, bis er ihr die Beifahrertür öffnete. Erst dann quälte sie sich unter spitzen Schreien auf ihren Sitz. Als Olli mit Kavalierstart anfuhr, schloss sie wie von Ohnmacht übermannt ihre Augen. Kurz hinter dem Bungsberg war allerdings ein zufriedenes leichtes Schnarchen zu vernehmen. Die weitere Rückfahrt nach Kiel verlief glücklicherweise unspektakulär.

Aussteigen bei dem Altersheim konnte sie schnell wie ein junger Hase. Vermutlich wollte sie brandheiß über ihr heutiges Abenteuer berichten. Olli winkte ihr ein letztes Mal zu, bevor er anfuhr. Endlich, es war geschafft. Mission erfüllt.

Anna hatte Recht behalten: Einhundert Kinder kann man großziehen, aber keine Mutter. Mit Anna würde schon alles gut gehen. Bald würde er sie anrufen. Morgen früh vielleicht schon.

Dann erfassten die Lichtkegel seines Mercedes auf der Gegenspur einen schnittigen Maserati. Die Anhalterin, die sich lasziv auf dem vorderen Kotflügel ihres Sportwagens mit erhobenen Daumen räkelte, erkannte er sofort. Es war Miriam, die dunkelhaarige Maklerin. Was würde ihn heute noch erwarten?


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