Schleswig-Holsteinisches Dekameron: Teil 6

Montage: ögyr (unter Verwendung eines Gemäldes von John William Waterhouse und eines Fotos von falco/pixabay.com)
So wie einst eine Gruppe junger reicher Leute sich vor der Pest in Florenz des Jahres 1348 auf einen Landsitz flüchtete und sich ihre Zeit mit dem Erzählen von Geschichten vertrieb, versucht eine (noch unbestimmte) Anzahl von miteinander befreundeten Menschen fortgeschrittenen Alters und mit gesichertem Einkommen, der Gefahr einer Covid19-Erkrankung zu entkommen. Ein Mann hat von seinem Vater ein Bauernhaus auf einer jetzt unbewohnten Hallig geerbt, auf die sich er und seine Bekannten zurückziehen. Sie vertreiben sich die Zeit mit der Renovierung des Hauses, langen Spaziergängen, Kochen und eben dem Erzählen von Geschichten. Falls genügend Geschichten zusammenkommen, werde ich mich an die Arbeit machen und die Rahmenerzählung schreiben, später dann auch Zwischentexte und auch Kochrezepte nach dem Muster von Simmels „Es muss nicht immer Kaviar sein“. (Hannes Hansen)
Hier die sechste Geschichte, in der Orje M. Iger vom Besuch eines Staatsratsvorsitzenden eines inzwischen untergegangenen Landes in dem Land, das dessen Untergang besiegelte, erzählt.
Orje M. Iger erzählt:
Bonnbury – oder: The Importance of Being Erich
Von Jörg Meyer
Erich währt am längsten! Erichs Mundminuskeln arbeiteten huschend über die Köpfe der anwesenden Journaille hinweg. Er wolle sich nicht „an den Speggulationen der BähErrDäh-Medchen, ja?“, beteiligen, was den endgültigen Abbau der selbstschießenden Grenzwächter betreffe. Dazu sehe er keinerlei Veranlassung. Die Protokollbeamten bebten. Nicht jetzt noch einen Eklat! Das konnten sie nun wirklich als allerletztes gebrauchen. Sie hatten alle Füße und Telefonhörer voll zu tun, den schon jetzt zu Beginn des Besuches völlig aus den Fugen geratenen Zeitplan noch irgendwie wieder ins Lot zu bringen. Auf dem Petersberg wurde das Essen kalt. Drei Köche waren damit beschäftigt, die Platten mit Putenbrust in warme Decken einzuhüllen, damit die schnell verbleichende Wärme sich darin halte. Zwei weitere setzten bereits zum fünften Mal Kartoffeln auf, nachdem sie bereits mehrere Schüsseln gierigen Schweinen zum Fraß vorgeworfen hatten.
Doch Erich ließ nicht locker. Ob es noch weitere Fragen gebe. Und mit einem feinlippigen Lächeln und wachen Augen hinter der für das hagere Gesicht viel zu voluminösen Brille schien er den „Vertretern des Massenmediums Fernsehen“ zuzurufen: „Nur Mut, Klassenfeind! Ich bin auf alles vorbereitet!“ Bundesgrenzschutzbeamte hatten derweil auf einen Wink des Protokollchefs hin bereits damit begonnen, die hintersten Reihen der Bundespressekonferenz aus Anlass des Besuches des Staatsratsvorsitzenden der „so genannten“ DDR zu lichten, indem sie die widerstrebenden Journalisten höflich hinauskomplimentierten, was zum Teil so weit ging, dass sie die sich Weigernden an den Kamerahalsbändern aus dem Saal schleppten. Die solchermaßen Entfernten wanden sich wie Aale unter den Händen der bemühten Grenzbediensteten und einigen gelang es sogar, freilich unter Verlust ihrer Fotoapparate, die sie behände von den Hälsen streiften, in den Saal zurück zu entweichen. Die derart genarrten Beamten standen dann ratlos mit den Kameras da, die sie sich darauf entnervt selbst über die Schultern hängten, worauf manche im Handgemenge versehentlich von noch gehorsameren Kollegen als vermeintliche Fototäter aus der Gefahrenzone gezerrt wurden.
Der Protokollchef sah von vorne die Bescherung. Verzweifelt um das Protokoll besorgt, wandte er sich schließlich an ein Mitglied der DDR-Delegation, von dessen steinern enttäuschter Miene er mögliche Unterstützung für sein Unterfangen ablesen zu können glaubte. Was sich jedoch als Irrtum erwies. Denn der bittend Angesprochene, winkte barsch ab. Er war russischer Dolmetscher und nur wegen eines Irrtums des Außenministeriums der DDR bei der Zusammenstellung der Delegation mit nach Bonn geschickt worden, wo man seine Dienste bis jetzt noch nicht ein einziges Mal in Anspruch genommen hatte. Man sprach deutsch. Und so lauerte er im Tross hinter Erich auf eine Gelegenheit, etwa wenn ein TASS-Journalist eine Frage auf russisch an den Staatsratsvorsitzenden richtete. Dann würde er sofort aus dem Glied treten und dem Genossen Staatsratsvorsitzenden übersetzen und wiederum die Worte des Genossen Staatsratsvorsitzenden ins Russische übertragen. Das Warten auf diese Chance ließ ihn die Anfrage des Protokollchefs mit einer wegwischenden Handgeste beantworten, worauf dieser gänzlich hilflos in sich zusammensackte. Was tun? Was, in aller Welt, tun?
Obwohl die Jornaille immer wieder auf denselben Fragen insistierte, mit einer Impertinenz, die den Protokollchef und den Kanzler jetzt zu empören begann, blieb Erich ungerührt, ließ sich vielmehr in seinem staatsmännischen Glanz immer mehr erleuchten, als er die immer gleichen zurückhaltenden Antworten gab, jeweils nach jedem Halbsatz versehen mit einem halb ernsten, halb fragenden „ja?“. Was er von Gorbatschows Politik halte? Erich zögerte einen Moment, dann: In einem Land, in dem der Name des befreundeten Genossen Michail Gorbatschow weniger für dessen Politik als vielmehr für einen wenn auch wohlschmeckenden, so doch nicht aus dem Land der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution stammenden Wodka stehe, ja?, könne sich die verehrte Fragerin wohl selbst denken, was er, Erich und Staatsratsvorsitzender der „Deutschndemogradschenrebublk“, dazu meine. Sichtlich indigniert trat die Fragerin vom Mikrofon zurück und steckte den Notizblock in die Tasche. Der Dolmetscher fuhr seinen Kopf wieder wie eine Schildkröte zwischen die kaukasischen Schultern, nachdem er ihn beim Fallen des Namens Gorbatschow alert gereckt hatte.
Erich saß da, zufrieden mit der Schlagfertigkeit seiner Antwort. Der Kanzler der Bundesrepublik Bonn hingegen verzerrte die Maske und musste stark an sich halten, das Protokoll nicht zu verletzen. Vielleicht würde ja auch noch eine Frage an ihn gerichtet werden, bezüglich seines Alleinvertretungsanspruchs oder so. Derart kühlte er sich und nestelte an seinem Schlips, wissend das „diese, seine“ typische Verlegenheitsgeste die Journaille mehrfach zu Hohn und Spott verleitet hatte. Jedoch tat er dieses Schlipszurechtrücken jetzt durchaus mit Bedacht, denn er wollte nicht zurückstehen hinter dem Staatsratsvorsitzenden der Brüder und Schwestern, der hier in der Disziplin des sich Lächerlichmachens, so dachte der Kanzler, offenbar das Rennen machte, obgleich, nein, gerade weil seine Antworten derart haarsträubend waren.
Noch war kein Ende der Pressekonferenz aus Anlass des Besuches des Staatsratsvorsitzenden der „so genannten“ DDR abzusehen. Schon um drei Stunden war der protokollarische Zeitplan überschritten. Der Kampf der Köche auf dem Petersberg um die Warmhaltung der Putenbrust wurde zunehmend aussichtsloser. Die Chauffeure der Staatskarossen, die bereits vor zwei Stunden vor dem Kanzleramt aufgefahren waren, hatten ebenfalls die Contenance verloren, waren ausgestiegen und lehnten nun Zigaretten rauchend lässig an den Kotflügeln der noblen Wagen. Ein Heer von Fotografen, die nicht mehr in den Saal gekommen, bzw. von den Grenzschützern bereits wieder hinausgeschleppt worden waren, wurden um ihre Mittagspause gebracht. Hungrig nach Bildern und im Magen schlenderten sie vor der Polizeikette auf und ab. Einem Fahrer des Motorradkorsos, zweite Reihe hinten links, der die ganze Zeit mürrisch seine Maschine abfahrbereit hatte tuckern lassen, war das Benzin ausgegangen. Eine Katastrophe! Jetzt wieselte er verzweifelt zwischen den Autos der Journalisten und fragte nach einem Benzinkanister, was diese gelangweilt notierten, um überhaupt etwas zu berichten.
Nach einer Frage über die Rolle des so genannten „Neuen Forums“, das, wie verlautete, sich in der DDR gegründet haben sollte, die Erich mit gespielter Ignoranz ad acta gelegt hatte, dass ihm, ja?, davon „bislang nichts bekannt geworden“ sei, ansonsten freue er sich aber auf jeden konstruktiven Dialog, erhob er sich plötzlich und presste zwischen den feinsinnigen Lippen ein einfaches „Ich dange Ihnen, mein’ Damundherrn“ hervor. Augenblicklich kam Bewegung in die erstarrten Protokollbeamten. Der Kanzler hatte nicht sofort realisiert, was jetzt kam, und stand etwas unglücklich auf, wobei er leicht zu wanken schien. Erich, bereits stehend, fasste ihn am Arm, nicht nur um ihn zu stützen, nein, auch um die fleischige Hand des Riesen zu ergreifen und für diesen nun gänzlich unerwartet heftig zu schütteln, wobei des Kanzlers Verdutztheit beim Blick in die wächserne Freundlichkeit des Genossen, nein, äh, des Staatsratsvorsitzenden der „so genannten“ DDR, in einem Blitzlichtgewitter unterging.
Die Pressekonferenz sei hiermit beendet, brüllte ein Protokollbeamter in das Getöse der sich Erhebenden, etwas zu eilig, denn er stand jetzt vor Erich, der immer noch des Kanzlers Hand schüttelte, und wurde mit heftigem Winken von den seltsame Verrenkungen machenden Fotografen an den Rand des Tisches gefegt. Der Protokollchef hingegen war bereits nicht mehr im Saal. Er war beim ersten Anzeichen, dass sich der Staatsratsvorsitzende erheben wollte, hinausgeeilt, hatte im Laufschritt auf die Uhr gesehen, den Zeitplan innerlich neu organisiert und war zum Telefon im Nebenzimmer gehastet, um mehrere jetzt fällige Gespräche zu führen. Während er noch mit dem Petersberg sprach, von wo er sich herbe Vorwürfe des Chefkochs gefallen lassen musste, dirigierte er das Ballett seiner Beamten mit wedelnden Armen. Die huschten zu weiteren Apparaten, SPD-Parteizentrale, Rau, Prof. Dr. Biedenkopf, alle an die Strippe. Und eine Presseerklärung musste heraus: Freundliche Atmosphäre der Gespräche, ja, und – bei der Vielfalt der Themen unerwartete Verlängerung der Gespräche mit Kanzler und Außenminister. Irgendetwas im Protokoll musste gestrichen werden, bloß was? Auf den Schultern des Protokollchefs ruhte jetzt endlich die lange angestrebte Verantwortung. Hier wurde Geschichte gemacht.
Während auf dem Petersberg eine heftige Geschäftigkeit beim Umbruch des Menüplans ausbrach, kürzere Vorspeise, den zweiten Gang ganz entfallen lassen, entschloss sich der Chefredakteur der Rhein-Main-Zeitung, den Andruck um eine weitere Stunde zu verschieben. Der Bericht des Bonner Korrespondenten, den man jetzt hektisch ans Telefon zu bekommen versuchte, war noch nicht eingegangen. Der ungeduldige Motorradkorsofahrer hatte beim Einsatzleiter seinen Ausfall melden müssen, worauf dieser ihn anschrie, dass es ja wohl nicht sein könne, dass jetzt nur wegen fehlenden Benzins der Korso unvollständig sei, und sofort geistesgegenwärtig Benzinübernahme von einem anderen Motorrad befahl. Mit einem Schlauch führten zwei Beamte die dienstliche Anordnung aus, während Erich, der jetzt offenbar ungeduldig eilig war, bereits zusammen mit dem Kanzler den ersten Wagen der Kolonne bestieg. Die Journalisten, die eben noch im Saal der Bundespressekonferenz aus Anlass des Besuches des Staatsratsvorsitzenden der „so genannten“ DDR gesessen hatten, strömten jetzt heraus und drängelten zu den Parkplätzen oder zu den Telefonen. In dem Durcheinander des Aufbruchs hatte der russische Dolmetscher seinen Schal im Saal vergessen und begehrte nun wieder Einlass gegen die herausquellende Masse der Fotografen. Die Grenzschützer wussten nicht, um wen es sich handelte, und hielten ihn zurück. Der Dolmetscher ließ darob im Eifer des Gefechts um den Schal, der ein Geschenk von einem lieben Genossen sei, gegen die Uniformierten einen Schwall antiimperialistischer Verwünschungen branden. Allerdings auf Russisch, so dass es die Beamten nicht schwer hatten, die eingeübte Ruhe gegenüber derartigen Provokationen zu bewahren.
Im Wagen an der Spitze der abfahrbereiten Kolonne saß Erich. Er hatte den Panamahut wieder aufgesetzt und blickte nun, ebenfalls abfahrbereit und sicher, einen guten Auftritt bei der Pressekonferenz aus Anlass seines Besuches gehabt zu haben, durch das grünlich getönte Panzerglas hinaus. Seine Lippen hatten wieder dieses wächserne Lächeln aufgesetzt, das sich immer gleich den großmäuligen Teleobjektiven hinter der Absperrung aus rotweißgestreiftem Plasteband zuwandte. Er konnte die Kameraverschlüsse schnappen hören. Hinter dem Spalier der Kameraleute sah er gelegentlich ein Transparent hervortauchen. Er brauchte es nicht zu lesen, es war die übliche Hetzpropaganda der bestellten Claqueure des Weltimperialismus. Der Glanz der Gewissheit durchwob ihn für einen Augenblick. Er, Erich, der ehemalige Insasse eines KZs in diesem Land, der jetzt Staatsratsvorsitzender an der Spitze des ersten sozialistischen Staates auf dem Boden eben dieses Landes war, der oft schon von den Journalisten, denen er eben so perfekt Paroli geboten hatte, per Zeitungskolumne mit ihren erbärmlichen 30 Anschlägen pro Zeile abgewählt und totgesagt worden war, der aber dennoch geblieben war, standhaft an der Seite der Arbeiterklasse, nicht einen Millimeter weichend. Er, Erich, sah noch einmal im Anfahren des Wagens gemäß Protokoll, das er, wie im ZK besprochen, erfolgreich und mit großem Feingefühl durcheinander gebracht hatte, das Transparent hinter den Kameraaugen hochschnellen. Und ein Mitleid überkam ihn, ein Mitleid ohne jede Feindschaft, in der er sonst geübt war, ein Mitleid mit denen, die aus Unwissenheit um seine historische Mission sich zum Schwenken dieser unsinnigen Anschuldigungen hatten verleiten lassen. Die würde er eines Tages befreien können, hin zu der wahren Erkenntnis der Klassiker. Dann würden die ihr Transparent einfalten. Und er würde milde zu ihnen lächeln und ihre schwieligen Arbeiterhände ergreifen und sie in den Reihen der Genossen und Genossinnen begrüßen. Das dachte Erich, als jetzt der Konvoi sich langsam an den Kameras vorbeischob. Und er, der kleinwüchsige, aufrechte Mann, der Vorsitzende der deutschen Arbeiterklasse, hob, wissend, wie und warum jetzt die Kameras wie Furien klickten und klapperten und die Telefone mit Eilt-Nachrichten heiß liefen und die Protokollbeamten erbleichten und man ihm im ZK Vorwürfe machen würde – hob zum Gruß – die Arbeiterfaust.
Homepage des Autors: www.schwungkunst.de/wordpress
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