Schleswig-Holsteinisches Dekameron: Teil 7

Neuton Lorenz erzählt:

Beifall ohne Ende – oder: Der Große Manganelli

Von Reimer Eilers

Ein Trick!“, schrie der Mann in den prasselnden Beifall hinein. „Was soll das denn, hä? Das ist doch bloß ein Trick!”

Noch stand der Magier, getragen von seinem Publikum und unerreichbar für jede Kritik, auf der Bühne im Licht. Eben hatte der Große Manganelli die Dame ohne Unterleib in ihrem kristallenen Sarg zersägt. Ein Kunststück, das gar keines war, wenn man es wörtlich nahm. Denn wo kein Unterleib existierte, konnte auch kein Zauberer etwas zersägen, das folgte aus den Gesetzen der Logik.

Natürlich bezweckte der Große Manganelli mit seinem Kunststück am Ende einzig und allein diesen Beweis des puren Nichts. Er versprach, mit verdeckten Worten seine Gehilfin auf der Bühne derart zu verzaubern, dass sie zeitweilig mittels seiner Magie ohne Unterleib lebte. Und sobald er den Sarg zersägte, bebte das Publikum voller Spannung, ob nicht vielleicht doch mal Blut floss. Der Große Manganelli wusste die rohen Naturen seiner Bewunderer, Männer wie Frauen, richtig einzuschätzen. Nach getaner Arbeit reckte er die blitzende Säge hoch ins Licht, und nun also applaudierte das Varietépublikum dem fehlenden Unterleib der Gehilfin wie toll.

Die Zauberei war eine buntscheckige Kunst, doch die Zuschauer ignorierten die Fülle. Die Bewunderer schwankten nur zwischen weißer und schwarzer Magie. Letztere war selbstverständlich unheilvoll, im Ganzen die Kunst eines Satansbratens, und also gar nicht gewünscht. Weiße Magie dagegen, das war die unausgesprochene Kumpanei von Zauberer und Publikum, gut unterhalten zu werden.

„Alles Schmu!”, schrie der Mann. „Das ist nur ein fauler Trick. Ich will mein Geld zurück!”

Das Geld zurück? Ginge denn das? Wäre das möglich? – Auf den Plätzen in der näheren Umgebung des Zwischenrufers sanken zunehmend mehr Hände in den Schoß. Schließlich wollte hier niemand zu seinem Nachteil klatschen. Ja doch, weiße Magie, wo nix als Tricks die Bühne regierten. Billige Effekte, mit dem Eintritt womöglich überbezahlt. Das Band des Einverständnisses lockerte sich nun.

Endlich bemerkte der Große Manganelli oben auf der Bühne das Loch im Applaus. Mit Adlerblick schaute er quer durch den Saal und dem Störenfried direkt in die Augen.

„Ich habe einmal vierzig Tage gehungert”, schrie der Mann. „Keine Verdauung. Das ist Kunst ohne Unterleib!”

Der Magier klopfte mit seinem Stab einige Male dumpf auf den Sarg. Es klang nach einer unheilvollen Botschaft. Dann trat er ganz nahe an den Bühnenrand, breitete die Arme aus und forderte mit einer herrischen Bewegung: „Ruhe!”

Die folgende Stille war körperlich fühlbar wie eine Beklemmung in der Brust. Die Menge hielt den Atem an, als der Zauberer seinen Kritiker auf die Bühne winkte. Aus einem Spaß war Ernst geworden, man wusste nur noch nicht genau in welcher Weise.

Der Große Manganelli richtete seinen Zauberstab auf den Kristallsarg, der mit einem dunklen Tuch bedeckt war. „Machen Sie auf!”, befahl er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Die Stille im Zuschauerraum wurde noch tiefer, dazwischen hörte man einzelne Atmer und dann ein Stöhnen, als ob die Menge den Druck auf der Brust nicht mehr aushielte. Jeder der Zuschauer wusste plötzlich wieder, dass die Gehilfin doch einen Unterleib besessen hatte. Und trotzdem hatte sie der schwarz befrackte Bühnenmensch vor ihrer aller Augen zersägt.

Der Mann aus dem Publikum schob das Tuch beiseite. Er hob den funkelnden Deckel an. Kälte strömte ihm zu. Da lag die Tote in ihrem weißen Kleid, die Hand in die Falten gekrallt, eben über einem fürchterlich roten Schnitt an der Hüfte. Das Gesicht war von jenseitiger Blässe und die Pupillen fixiert, ein gebrochener Blick.

Der Große Manganelli ließ dem Mann keinen Moment der Besinnung.

„Sehen Sie genau hin, was Sie angerichtet haben”, zischte er seinem Kritiker zu, allen im Saal nur allzu gut vernehmlich. Der Zauberer hob den Stab wie zu einem orakelhaften Urteil. „Aber Sie wollten es ja unbedingt ganz genau wissen.”

Der Fremde stand wie vom Donner gerührt vor dem Sarg, nun schon fast eine Bühnenfigur aus der Show des Meisters. Dies war der eigentlich spannende Moment. Seine Schuld war es, seine übergroße Schuld. Das Publikum las ihm das Urteil vom Gesicht ab.

„Bitte nicht!”, schrie der Mann in den aufbrandenden Applaus hinein. „Das habe ich nicht gewollt.” Er sprang von der Bühne, tauchte ins Halbdunkel des Zuschauerraums und hetzte zum Notausgang.

„In der Magie, mein Freund, wird man beim Wort genommen, nicht beim Wunsch!”, schickte der Zauberer ihm nach.

Das Publikum raste. Minutenlang. Dann verbeugte sich der Meister zum letzten Mal, klopfte mit dem Stab, der auf rätselhafte Weise über Leben und Tod entschied, ein letztes Mal auf den Deckel und schob den Sarg unter frenetischem Applaus langsam von der Bühne.

Nach der Spätvorstellung führte der Magier seine Gehilfin zum Essen aus. Das geschah eher selten, er hielt auf Distinktion. Doch von jeder Regel gab es Ausnahmen. Und an diesem Abend war der Große Manganelli restlos zufrieden. Der alte Johann Wolfgang von Goethe hatte einmal zu Weihnachten für seinen Enkel Walter einen Zauberkasten gekauft. Bei der Gelegenheit hatte der Geheimrat die Zauberei „ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und zur Erlangung einer körperlichen und geistigen Gewandtheit” genannt. Genauso war es, alter Schwede! Der Zauberer verspürte ein magentiefes Gefühl von Dankbarkeit. Er war der Meister über die Köpfe der Menge geblieben. Wenn er eins hasste, dann war es der schnöde Zweifel. Der Zwischenruf aus dem Dunkel des Zuschauerraums. Aber wofür er sein Leben lang alles tun würde, das war der Beifall auf offener Bühne. Beifall ohne Ende.


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