„Max und Moritz” ganz nach Wilhelm Busch als Liederabend im Kieler Schauspiel

Von Christoph Munk

Kiel. Jetzt aber: Attacke! Wochenlang lähmte die Corona-Pandemie den Theaterbetrieb: totaler Lockdown zuerst, dann penible Hygienekonzepte, Abstandsregeln, strenger noch auf der Bühne als im Leben. Da hatten sich erkennbar Frust und Energie angestaut, im Ensemble des Kieler Schauspiels. Das musste jetzt raus – mit Macht. Und so widmet sich die erste Produktion der vorzeitig begonnenen neue Spielzeit zwei Typen mit Protestpotenzial: Max und Moritz. Und ihr Auftritt war geprägt von Spielfreude, Lautstärke und Tempobolzerei.

Treu nach Wilhelm Busch getanzt: „Ihrer Hühner waren drei und ein stolzer Hahn dabei.“ (Fotos Olaf Struck

Wilhelm Busch, der zeichnende Dichter aus dem 19. Jahrhundert, der „Urvater des modernen Comic“, verfasste „Max und Moritz“ nach eigenem Bekunden „zu Nutz und eigenem Pläsier“, sicherlich jedoch auch mit einem satirisch zwinkernden Seitenblick auf eine dörflich idyllische Gemeinschaft, der die beiden bösen Buben mit ihren Streichen den  Frieden stehlen. Doch der Liederabend im Schauspielhaus erhält mit dem Untertitel „Wir wollen immer artig sein“ eine schärfere Note. Denn die Zeile entstammt einem Song der DDR-Punkband „Feeling B“ und jault und mault vor motziger Ironie.

Damit ließe sich einiges an subversiver Sprengkraft freisetzen. Das passiert aber nicht. Immerhin lässt sich so die Stimmung anheizen. Marko Gebbert und Zacharias Preen,  vitale Schauspieler, versierte Instrumentalisten und beseelte Ideengeber für den Soundtrack des musikalischen Dauerfeuers, geben mit ihrer Auswahl einen rasanten Takt vor. Das ergibt ein pulsierendes Medley aus scharf gerapptem Text und hart gerockten Songs. Passt irgendwie zum Busch-Rhythmus: „Einszweidrei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit“, schrieb er in „Julchen“. „Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich“, heißt hier seine Tempovorgabe.

„Übelstes Spektakel ab 12 Jahren…“ gibt das Programmheft als Stückbezeichnung vor. Sollte dies als Verspechen gemeint sein, wird es durch die nette Szenenfolge nur mäßig erfüllt. Es fehlen gewitzte Raffinesse und bissige Bosheit. Daniel Karasek, der Generalintendant, lässt sich am Regiepult gehorsam auf die Dynamik und Tempovorgaben des musikalischen Konzepts ein: Nur keine Zeit verlieren. Eine Fülle eigener Ideen steht ihm beim straffen Durchmarsch kaum im Wege. So wie Wilhelm Busch seine pfiffigen Verse mit spitzer Feder bebildert, illustriert Karasek den Comic in simpler szenischer Umsetzung. Und so bravourös der Zeichner Volker Sponholz mit Stift und Folie auch agiert, gelingen können (und sollen?) ihm in diesem Arrangement nichts anderes als Busch-Imitate. Ein feiner Effekt, aber keine Eröffnung einer zusätzlichen Erzählebene.

Ein leichtgewichtiges Bubenpaar: Eva Kewer und Gustavs Gailus (links)

Ja, wenn die teilweise clever ausgesuchte Musik nicht wäre, bliebe vom Spektakel nichts als weiter als eine kindgerecht inszenierte Bildergeschichte, zu der Claudia Spielmann Kostüme und Nina Sievers Bühnenräume  gestalten wie sie im Buche stehen. Viele der von Axel Riemann an den Tasten angespielten Songs sorgen für eigene Farben, zum Beispiel „Major Tom” für den herumstaksenden Schneider oder der Beatles-Hit „Come Together” für den letzten Streich. Doch meist verstärken sie die   Handlung eher, etwa wenn „Fire Water Burn“ (Bloodhound Gang) die Explosion der Lehrer-Pfeife begleitet oder ein Brahms-Abendlied die wiedergewonnene Ruhe von Onkel Fritz kommentiert. Doch reicht der Soundtrack zu wenig über  reine akustische Illustration hinaus, selten liefert er Kontraste oder Überraschungsmomente und entwickelt so eine weitere sinnliche Dimension.

Immerhin: Das Ensemble ist zu loben, denn es widmet sich mit Verve seinen Aufgaben: Gesang, Tanz und die messerscharfe Ausgestaltung von Karikaturen nach Wilhelm Buschs Mustern:  Herausragend natürlich Preen und Gebbert als Max und Moritz, flankiert von einem zweiten, leichtgewichtigen Böse-Buben.Paar: Gustavs Gailus und Eva Kewer. Ebenso markant und genregerecht agieren Yvonne Ruprecht, Anne Rohde, Jennifer Böhm, Christian Kämpfer und Tony Marossek jeweils in wechselnden Rollen. Die ganze Mannschaft wirft sich sichtlich spielfreudig ins Zeug –  vehement und trotzig über die Rampe stürmend, als gelte es den ganzen Corona-Frust vergessen zu lassen. Belohnung und Trost nach der lang erzwungenen Pause und nun kurzen Spieldauer von gut 50 Minuten: herzhafter Premieren-Applaus. Dafür bedankt sich Volker Sponholz locker mit der Zugabe eines flott hingehuschten „Hans Huckebein”.

Info und Termine: www.theater-kiel.de