Ein Liederabend unter Corona-Bedingungen: „Balkonien” eröffnet die Spielzeit im Kieler Musiktheater

Von Christoph Munk

Kiel. Kann man aus den Themen Corona-Pandemie und Lockdown ein theatertaugliches Stück entwickeln? Man kann. Das Produktionsteam im Kieler Opernhaus beweist es mit seinem neuen szenisch-musikalischen Unterhaltungsprogramm. Es trägt den beziehungsreichen Titel „Balkonien“ und führt im Untertitel die fast amtliche Bezeichnung „Ein Hinterhof-Liederabend in kontaktbeschränkten Zeiten“. Hygienemäßig soweit alles in Ordnung, allerdings kam im vorschriftsmäßig gelichteten Zuschauerraum nach der Premiere verbreitet kollektive Begeisterung auf.

Gesang auf allen Ebenen: „Balkonien”-Szene aus dem Kieler Opernhaus. (Foto Olaf Struck)

„Hier ist ein Mensch…“ Man singt diesen uralten Peter Alexander-Schlager zur Eröffnung. Man behandelt ihn im Chor als Nachbarschafts-Hymne und zwar wiederholt und immer dann, wenn im Geiste des Refrains ein Gemeinschaftsgefühl hergestellt werden soll. „Kennst du seinen Namen? Seinen Namen kennst du nicht.“ Die Sorge der ersten Verszeilen im Lied muss der Zuschauer  nicht teilen: Das Programmheft  stellt die Beteiligten vor, alle die auf den vier getrennten Balkonen und auf der Veranda im Erdgeschoss siedeln und singen.

„Guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein“ – mit jenem Nana-Mouskouri-Liedchen in glockenhellem Sopran kriegt Heidi Krause (Ks. Heike Wittlieb) vom Parterre aus den ganzen Hinterhof wach. Die (laut Personenliste) „geschiedene Hobby-Heilerin“ spricht ihre Tochter Franziska (Anna Fechner) Hermann van Veen folgend mit „kleiner Fratz“ an und schickt die  Nestflüchterin später mit dem bei Udo Jürgens erlauschten Wunsch „Liebe ohne Leiden“ auf die erste Lebensreise.

Ja, jeder kriegt hier sein Fett ab, bekommt eine (vermutlich im Team) hübsch ausgedachte Biografie verpasst und ein paar Geschichten angedichtet, die den Liedtexten wörtlich entnommen, selten ironisch gebrochen und meist szenisch bebildert werden. Herr Jack (Ks. Jörg Sabrowski), der „penible, pensionierte Pädagoge“ oben links zum Beispiel besingt mit „Mein kleiner grüner Kaktus“ genau so eine Stachelpflanze in seinen Händen. Zu Paolo Contes „Via con me“ (…weg von hier) packt er selbstverständlich seinen Koffer. Und gelegentlich – leider zu simpel und zu oft – besteht er mit Stefan Remmlers NDW-Kracher „Da, da, da! Aha!“  auf Abfallentsorgung im Mülleimer.

Nachbarn im Lied vereint: Szene mit Heike Wittlieb und Jörg Sabrowski. (Foto Olaf Struck)

Jedem Figürchen sein Pläsierchen: Die als „Agenturchefin im Home-Office“ definierte  Jule Stumme (Fenja Schneider) traktiert ihren Laptop mit  Reinhard Meys Schmähgesang auf die Bürokratie „Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“. Genau  gegenüber logiert die „Philosopie und Französisch-Studentin“ Claire Sass (Lisa Schmalz) und schmachtet im Anna Depenbusch-Song „Benjamin“ ihren Nachbarn drüben an. Der aber befreit sich zum Travestiedarsteller „Miss Understood“ (Sander de Jong),  empfängt Tulpen Amsterdam und bekommt sie auch. Außerdem muss er den in solchen Programmen unvermeidlichen Liegestuhl-Slapstick überstehen – kommentiert ausgerechnet durch Mike Krügers „Nippel“-Spaß – absoluter Gipfelpunkt der Witzigkeit

Ja, es passiert eben viel, wenn man eine Menge – mehr als zwei Dutzend –  Lieder in den Abend stopft und deren Texte wörtlich genommen und handlungskonform in Szene setzt. Regisseur Jörg Diekneite leistet da solide Arbeit und lässt kaum mal etwas ins Widersprüchliche, Groteske oder gar Irrwitzige abdriften. Auch der gelegentlich durch den Hof kreuzende Bote (Isaak Thiesen) löst keine Verfremdung oder gar Konflikte aus.  Auch er darf sich als „so ein Mann“ bewundert, also heimisch fühlen: Hier bin ich Mensch… Es geht eben nicht um durch Corona bedingte Einschränkung oder gar Bedrängnis, sondern eher um das wachsende nachbarschaftliche Gemeinschaftsgefühl. Und das verdichtet sich vor allem im Ensemble-Gesang: „Aquarius“ aus „Hair“ wird inbrünstig und unter gemeinsamem Armrudern zelebriert (Choreografie: Christopher Carduck),  Verdis „Brindisi“ darf gefeiert, ein Madrigal von Gesualdo gehaucht und selbst ein Terzettino aus Mozarts „Cosi fan tutte“ kultiviert dargebracht werden.

Nachbarn auf Entfernung: Lisa Schmalz und Sander de Jong. (Foto Olaf Struck)

Das kommt dabei heraus, wenn Dramaturg Ulrich Frey eine „(hoffentlich) unvorhersehbar vielfältige Musikmischung“ als Überraschung verspricht.  Die Musikalische Leiterin Bettina Rohrbeck der Hinterhof-Sangesübung zeigt sich mit ihrer Combo für alle Stile und Genres vorläufig ganz gut präpariert. Sie führt die sechs Solisten souverän durch alle Spielarten des Singens – und durch die Stimmungen, die sich kaum auf die Melancholie des Alleinseins einlassen, sondern in eine versöhnliche Atmosphäre von Solidarität münden.

Doch mit eiserner  Disziplin in „kontaktbeschränkten Zeiten“ scheint man es im „Balkonien“-Umfeld nicht ganz ernst zunehmen. Im Filmschlager „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ wird da ganz ungehorsam vom „Schlendrian, Schlendrian unter den Laternen“ gesungen. Und: „Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück“. Ist damit ein skeptischer oder frivoler Ausblick auf gegenwärtig eher unliebsame Party-Nächte gemeint? Schwamm drüber. „What a Wonderful World“  erklingt zum guten Schluss: Auch damit war ursprünglich ein Aufbegehren  formuliert, allerdings eher tröstlich und ermutigend.

Info und Termine: www.theater-Kiel.de