Schleswig-Holsteinisches Dekameron: Teil 12

Hirsch

Von Ingrid Glienke

Im Wohnzimmer ist es so still, dass ich zum ersten Mal eine Stecknadel fallen höre. Klick! Sie fällt neben meine Füße auf den Küchenstuhl. Tante Hilde zieht sofort die nächste Nadel zwischen den Lippen hervor. In der linken Hand hält sie den umgelegten Kleidersaum, mit der rechten schiebt sie die Nadel in den rosa Nylon-Stoff mit den weißen Pünktchen. Dann noch eine Nadel. Noch eine. Ich sehe mir das bunte Blumenbild mit dem dicken Goldrahmen über dem Sofa an und halte still. Damit es ein schönes Kleid wird.

„Dreh dich, aber langsam“, sagt Tante Hilde. Ganz langsam drehe ich mich auf dem Stuhl ein Stück weiter, bis Tante Hilde HALT sagt. Über der Kommode hängen die Fotos von Tante Hilde und Onkel Richard, als sie jung sind. Ein großes Hochzeitsbild und daneben eins, wo beide auf der Gartenbank sitzen vor ihrem alten Haus. Das Haus gibt es nicht mehr. Über der Wohnzimmertür, eingerahmt und unter Glas, hängt der Hirsch mit dem riesigen Geweih. Onkel Richard hat ihn mit feinen Bleistiftstrichen gemalt und erst heute Morgen aufgehängt. Tante Hilde mag ihn nicht über der Tür. Er soll lieber im Schlafzimmer hängen, weil er so ein prächtiger Gespiele ist. Aber Onkel Richard meint, erstmal wollen auch andere Leute sich über den Hirsch freuen.

Ich muss meinen Kopf drehen, um ihn richtig in den Blick zu bekommen. Und als ich ihn ansehe, schließt er plötzlich seine großen Augen und zwinkert mir zu. Tante Hilde gibt mir einen Klapps aufs Bein und sieht mich kopfschüttelnd an. Sagen kann sie nichts. Dann sind die Nadeln aufgebraucht und sie schneidet eine Grimasse, als sie den Mund öffnet. „Wenn du nicht geradestehst, Mäuschen, dann piek ich dich ins Bein und der Saum wird schief.“ Tante Hilde ist Schneiderin, und mein Kleid soll wunderschön werden, damit ich auch wunderschön aussehe und Paul nicht immer so gemeine Sachen sagt. Heute Morgen im Bus meinte er, dass ich nie im Leben Schauspielerin werden kann, weil ich zu hässlich bin. Wenn ich petze, schimpft Onkel Richard mit Paul. Das macht er, damit aus ihm ein anständiger junger Mann wird, auf den er einmal stolz sein kann. Und Paul sagt, ich erzähle wieder Geschichten.

„Wenn du etwas älter bist, Mäuschen“, sagt Tante Hilde zu mir, „dann bringe ich dir das Schneidern bei, dann kannst du dir selber deine Kleider nähen. Montagskinder können gut Handarbeiten machen. Und du bist ja ein Montagskindchen.“ Dann greift sie wieder in die kleine Dose mit den Stecknadeln, die auf dem Esstisch steht. Ein Stück Saum ist noch übrig. Das Kleid hat einen sehr weiten Rock. Sie hält die Nadeln an den Köpfen, legt einige, mit dem spitzen Ende auf ihre Unterlippe und presst dann beide Lippen zusammen. Ich starre auf ihren Mund, auf die Reihe wippender Nadeln mit kleinen silbernen Köpfen, die sie eine nach der anderen wieder hervorzieht.

Ich drehe mich weiter und stehe jetzt dem Hirsch über der Zimmertür genau gegenüber. Über Tante Hildes Kopf hinweg sieht er mich an. Diesmal schließe ich selbst die Augen, und als ich sie wieder öffne, steht Onkel Richard in der Tür und zwinkert mir zu. Er winkt mit einer Hand voller Bananen. Eigentlich winken die Bananen, denn seine Hand ist unsichtbar. Den Zeigefinger der anderen Hand hat er auf seinen Mund gelegt. Auf Zehenspitzen schleicht er über den Teppich und von hinten an Tante Hilde heran. Er haut ihr auf den Hintern und kitzelt sie. Onkel Richard kann ziemlich gut kitzeln. Dabei hält er ihr die Bananenhand unter die Nase, lacht laut und ruft: „Umba, umba, ihr Montagskinder. Ein Neger kennt keine Montage.“

Tante Hilde prustet, einige Stecknadeln fliegen in hohem Bogen zu Boden, dann verdreht sie plötzlich die Augen, und sinkt keuchend in die Arme von Onkel Richard. Er legt sie auf den Teppich und kniet neben ihr. Ich bin schon vom Stuhl gesprungen.

„Los“, sagt er, „du hast die feineren Finger.“ Während er Tante Hildes Mund geöffnet hält, schiebe ich meine Hand zwischen ihre Lippen.

„Nicht so zaghaft“, ruft Onkel Richard, und meine Hand rutscht fast ganz in den dunklen Mund. Als ich etwas Hartes, Kantiges taste, zucke ich zurück und weiß, das sind sie, die Backenzähne. Ich traue mich, etwas an ihnen zu rütteln. Tante Hilde gibt merkwürdige Laute von sich. Ihr Daumen und Zeigefinger kommen mir in die Quere. Trotzdem taste ich mich weiter vor, an der weichen Haut entlang, schiebe meine Finger über die raue Zunge, meine Finger sind Wanderer geworden und plötzlich stoßen sie ans Ende der Welt. Tante Hilde keucht.

„Konzentrier’ dich“, schreit Onkel Richard mich an. Tante Hilde würgt. Dann fühle ich etwas zwischen meinen Fingern, ziehe es vorsichtig aus ihrem Mund. Auch alle ihre Zähne rutschen jetzt zwischen den Lippen hervor. Aber sie können mir nichts mehr antun. Meine Hand hat die dunkle Höhle längst verlassen und meine Finger halten eine spitze silberne Stecknadel, an der ein roter Tropfen hängt.

„Du kannst ja mal Chirurg werden“, sagt Onkel Richard und klopft mir auf die Schulter. „Oder vielleicht eher Hebamme.“

Tante Hilde hat Tränen in den Augen. Sie sitzt ganz still und befühlt ihren Hals. Dann schiebt sie die Zähne zurück in den Mund und kaut einen Moment auf ihnen herum. „Das war schlimmer als im Krieg“, sagt sie.

„Gut, dass ich gerade nach Hause kam“, sagt der Onkel.

„Du hast mich fast umgebracht“, sagt die Tante und wischt sich noch eine Träne ab. „Fahr doch zu deinen Negern und ernte Bananen.“

„Vergebung, Vergebung“, ruft Onkel Richard und trommelt sich mit den Fäusten auf die Brust. Dann setzt er sich in seinen Lieblingssessel und liest die Zeitung. Tante Hilde lässt mich noch einmal auf den Stuhl steigen und schiebt sich einige Stecknadeln zwischen die Lippen. Aber dann ist sie fertig.

„Und wenn Paul dich nachher abholt, erzählst du ihm nicht gleich etwas von deinem neuen Kleid“, ermahnt sie mich.

Als Tante Hilde in die Küche geht, um das Mittagessen zu kochen, kümmert Onkel Richard sich um mich. Er steht aus seinem Sessel auf, reicht mir die Hand und von ihm geführt steige ich wieder auf den Küchenstuhl, der immer noch im Wohnzimmer steht, und dann auf den Esstisch.

Er fängt an, eine Banane zu schälen und reicht sie mir mit den herabhängenden Schalenstreifen. Er selbst nimmt sich auch eine. Ich mag Bananen immer sehr gern. Aber nicht, wenn Paul da ist, der nennt mich dann Bananenfresser.

„Wenn ich nach Afrika fahre, dann mache ich Urlaub. Urlaub im Urwald”, sagt Onkel Richard und stellt sich vor mir auf.

„Dann geh’ ich im Urwald für mich hin … Wie schön, dass ich im Urwald bin: ein Urbaum steht neben dem andern. Und an den Bäumen, Blatt für Blatt, hängt Urlaub. Schön …“

„… wenn man ihn hätte“, ruft Tante Hilde aus der Küche.

„Du kannst nicht zitiiieren.“ Onkel Richard schüttelt den Kopf. „Du kennst deine Klassiker nicht …“

„Ich kenne das wiiirkliche Leben“, ruft Tante Hilde und steckt kurz den Kopf zur Tür hinein. Mich sieht sie nicht auf dem Tisch.

„Komm“, sagt Onkel Richard dann zu mir, „jetzt machen wir Krach.“

Er legt eine Schallplatte auf. Nicht die von Rotkäppchen. Es ist Musik, wilde Musik. Er trampelt dazu auf dem Teppich und singt. Und ich trample dazu auf dem Tisch und singe. Wir tanzen. Mit unseren Bananen in der Hand. Der Lampenschirm mit den Fransen schaukelt hin und her über dem Tisch. Onkel Richard gibt ihm noch einen extra Stoß. Er segelt durch die Luft, gerade als Tante Hilde hereinkommt. Das Tablett rutscht ihr aus der Hand. Klirrend landen Gläser und Teller auf dem Boden, und der Hirsch über der Tür schwingt sein Geweih, so dass der Bilderrahmen plötzlich schief hängt. Die kleine Dose auf dem Esstisch mit den Stecknadeln, macht einen Satz. Alle silbernen Nadeln verteilen sich auf dem Teppich. Diesmal höre ich keine fallen. Für einen Moment ist es ganz still. Aber dann tönt plötzlich Tante Hildes Stimme durchs Wohnzimmer. „Manchmal hilft nur: Zähne …“, sie guckt Onkel Richard an, „… hoch und den Kopf zusammenbeißen.“


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