Uraufführung in Kiel: „Das Dschungelbuch” nach Rudyard Kipling als Comic-Oper

Von Christoph Munk

Kiel. Gewiss, Weihnachten ist noch ein bisschen fern, doch das Kieler Musiktheater hält schon jetzt ein festliches Paket für die Unterhaltung der ganzen Familie parat: die Comic-Oper „Das Dschungelbuch“ nach den Geschichten von Rudyard Kipling, komponiert von Giovanni Sollima, in Szene gesetzt von dem Zeichner Joshua Held und dem Regisseur Pier Francesco Maestrini. Ausgepackt am Wochenende – um den Tag der Deutschen Einheit – erweist sich das Geschenk in seiner Uraufführung als kleines musikalisch-szenisches Wunderwerk.

Unter Affen und Makaken: Mengqi Zhang als Mowgli (im Netz) und Samuel Chang als Gurilla. (Fotos: Olaf Struck)

Schlagzeug und Percussion lassen es knacken und knistern als rege sich geheimnisvolles Leben im Unterholz; aus Blütenkelchen entspringen zauberische Bläsertöne; flirrende Streicherklänge erregen die tropische Luft. So lustvoll und gewitzt malt Giovanni Sollimas Musik aus, was das Auge auf der offenen Szene sieht. Und so entsteht gemeinsam mit den raumfüllenden Farben und Formen auf der Bühne die Illusion von Pflanzen und Tieren im Dickicht des Urwalds. Sollima, der Cellist und Komponist aus Italien, entfaltet in idealer Ergänzung zur reichen Bilderwelt einen stilistisch vielfältigen Sound, gespeist aus vielerlei  Einflüssen: exotisch schwellenden Melodien, energischen Rock-Rhythmen, Minimal-Music-Mustern, Klänge von Madrigalen. Und zuweilen flackern sogar Koloratur-Flammen auf.

Vom Kino geprägte Erwartungen werden unterlaufen: Baloos bärigen Song „Versuchs mal mit Gemütlichkeit“ kann man so leicht vergessen wie den zackigen Marsch der Elefanten oder den wilden Swing der Affenbande. So viel Eigenleben wie der Soundtrack aus Walt Disneys „Dschungelbuch“-Film von 1967 beanspruchen Sollimas musikalische Erfindungen an keiner Stelle. Sie schielen nicht nach Pop-Effekten, sondern stützen anspruchsvoll ausgeführten Operngesang, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Und Sergi Roca als Dirigent der Kieler Phiharmoniker sorgt aus dem Hintergrund dafür, dass die Begleitung das szenische Spiel unauffällig prägt und als angenehmer, munterer Begleiter im Ohr bleibt.

Klar erkennbar und wenig üppig ausgeschmückt sind in der Neuschöpfung die wesentlichen Züge aus Kiplings unter indischem Einfluss entstandenen Geschichten erhalten. Das Geschehen konzentriert sich auf die abenteuerlichen Erlebnisse des Menschenjungen Mowgli. Verfolgt von den bösen Tiger Shere Khan wird er von dem Wolf Akela gerettet und findet in dem Bären Baloo und dem schwarzen Panther Bagheera seine Lehrer und ständigen Begleiter, die ihn vor allen Gefahren bewahren. Am Ende verdichtet Pier Francesco Maestrinis Regiekonzept die Handlung auf eine Fabel: Mowgli bringt das Feuer in die Welt der Tiere und mahnt sie zum verantwortungsvollen Umgang mit dessen Segen und Fluch.

Kampf dem bösen Tiger: Michael Müller-Kasztelan in der Haut des Wolfes.

So ernsthaft sich dieses lehrhafte Finale ans Publikum wendet, so ausgelassen und spaßbetont füllen Maestrini und Joshua Held die vorangehenden 60 Minuten der Comic-Oper. Ihr szenisches Arrangement lebt vom raffinierten Wechsel der schwunghaften Animationen auf der ausladenden Projektionsfläche und dem physisch gelenkigen Spiel der Akteure davor. Mit erstaunlichem Geschick eignen sich die tadellos singenden Darsteller lebensgroße Puppen an, mit denen sie virtuos Tiergestalten imitieren – fabelhaft trainiert von dem Figuren-Spieler Marc Schnittger. Hannes Öberg schlüpft in den Bauch des Bären Baloo, Maria Gulik verschmilzt mit Panther Bagheera, Tenor Michael Müller-Kasztelan wechsel zwischen Wolf Akela und Schlange Kaa; Jörg Sabrowski verleiht dem Tiger Shere Khan furchterregende Züge, Samuel Chan gibt gekonnt den Affen Gurilla und die beiden Vertikalartistinnen Clara Brauer und Caroline Klein liefern als Makaken zirzensische Glanznummern.

Maestrini und Held setzten schon bei zwei Rossini-Opern jene bewährte Mischung aus Zeichentrick-Film und Figurenspiel ein. Damit dürfte die Erheiterung der Gemüter auch diesmal generationsübergreifend gesichert sein.  Die Herzen aller Altersgruppen aber erobert in ihrer neuesten Kreation zweifellos die junge chinesische Sopranistin Mengqi Zhang – als Mowgli eine Idealbesetzung. Ihr gelingt die erstaunliche  Balance zwischen kindlich übermütiger Aktion und sängerisch versierter Reife. Ihr gebührt die höchste Bewunderung des Premierenpublikums.

Info und Termine: www-theater-Kiel-de