Schleswig-Holsteinisches Dekameron: Teil 29

Heinrich Osthus erzählt:

Von Hendrik Eusterbarkey

Bald hinter Bredstedt fährt der Bus von der Geest runter in die weite Marsch. Für einen Moment geht der Blick über die Kööge hinweg in die Ferne, wo in der Morgensonne das Wattenmeer glitzert. Einige Halligen und ihre Warften erscheinen vor dem Horizont. Meine Vorfreude ist groß. Ich bin auf dem Weg zur Hallig Gröde. Nach kaum zwei Minuten, in der Marsch angekommen, ist die Sicht auf die See nicht mehr frei. Die Weite bleibt, aber die Baumgruppen um die großen Höfe und alte und neue Deiche verhindern den Blick auf die See. In einer Viertelstunde werden wir über den vorletzten Deich fahren. Vor mir wird sich der Hauke-Haien-Koog öffnen. Während wir die lange Strecke nach Schlüttsiel am Seedeich entlangfahren, liegen rechts die weiten Wasserflächen, Sandflächen und Salzwiesen mit Tausenden von Seevögeln. Der Bus schwebt über den Deich, und nun habe ich das vertraute Wattenmeer direkt vor mir mit den Halligen Habel, Oland und Langeneß und mittendrin Gröde. Die Fähre von Hallig Hooge kommt angefahren. Im Hafen liegt die „Rungholt“, ein kleines Fahrgastschiff, das mich zur Hallig bringen soll, und ein Krabbenkutter.

Wie oft bin ich schon hier angekommen, um nach Gröde überzusetzen, als Junge mit den Eltern, als Heujunge und später als Feriengast. Aber diesmal war es etwas anderes. An den vielen Tagen in vielen Jahren auf der Hallig war bei mir eine vage Idee, ein Bild entstanden. Eine Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern auf dem Halligland oder eher noch im Watt, die sich in ruhigen Bewegungen zu einer Musik bewegen, die zur Stille und Weite der Landschaft, des Himmels und des Meeres passt. Kann sein, dass mich in in Berlin ein Ballett in den späten Siebzigern dabei angeregt hatte, getanzt in langen Bewegungsbögen zum Köln-Konzert von Keith Jarrett. Vielleicht würde für das Ballett im Watt Musik von Jean-Michel Jarre und Michael Rother fast noch besser passen.

Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Ich war aus dem großen Berlin in eine mittlere, überschaubare Stadt gezogen, wo die Begegnungen manchmal fast einfacher und unkomplizierter waren. Eher durch Zufall sah ich abends im Theaterbistro oft die Menschen vom Theater, vom Orchester, von der Oper und vom Ballett. Nach ein paar Gläsern Wein war es mir dann wohl eines Abends gelungen, meine Vision von dem Ballett im Watt so authentisch rüber zu bringen, dass nach weiteren Überlegungen eine kleine Gruppe das Projekt umsetzen wollte. Die Idee war geboren; natürlich war nun einiges zu planen, zu überlegen und Zustimmungen einzuholen. Als Ort wählten wir das feste Sandwatt vor der Hallig Gröde aus. Das ganze wurde als kleiner Film vorgesehen, da die Infrastruktur für ein Live-Publikum auf der Hallig nicht vorhanden ist. Außerdem darf die Musik bei der Aufnahme nur gerade so laut gespielt werden, dass die Tänzer sie hören können, aber die Natur nicht zu sehr gestört wird.

Nun war es also so weit. Die Balletttruppe sollte morgen nach Hallig Gröde kommen und das Filmteam zwei Tage später.

„Na, mal wieder nach Gröde?“, fragt mich der Kapitän der „Rungholt“.
„Ja“.
„Morgen soll ich da ja eine Ballettgruppe rüber fahren.“
„Ja, die kenne ich, ich will mir das mal angucken. Das soll da auf der Sandbank sein. Hoffentlich geht das gut. Da müssen wir ja vorher durch den Priel, da ist es ja manchmal ganz schön schlickig.“
„Ja, und man weiß ja nicht, wie die Tide läuft.“

Wir hatten zwar für den Dreh die Vollmondnacht vorgesehen, so dass das Wasser gut ablaufen sollte, aber bei starkem Wind aus West oder Südwest kann es dann auch wieder anders sein. Wenn alles klappt, würden wir sogar zu den letzten Akkorden und den letzten Tanzschritten am Schluss des Films die Sonne mit glitzernder Spiegelung auf dem Watt über der Hallig Langeneß untergehen und den Mond zuerst fast rot und dann orange über dem Festland aufgehen sehen.

Nach einer ruhigen Überfahrt legen wir am Westanleger an. Die Austernfischer begrüßen mich mit ihrem Geschrei, wie all die Jahre. Wie jedes Mal holt mich Onkel Hans mit dem Trecker ab. Natürlich ist er nicht mein Onkel, aber so nennen wir hier die Älteren. Wir fahren an der Steinkante entlang, biegen bei der alten Warft nach links ab, an der Kirchwarft vorbei, dann einmal fast um die Knudswarft herum und über den Ringdeich auf die Warft, direkt zur Rückseite des Hauses von Tante Käthe und Onkel Hans. Ich bekomme eine kleine Kammer neben der Küche im Erdgeschoss. Die Gästezimmer im Dachgeschoss werden für die Balletttruppe benötigt. Sie sollen zu zehnt kommen.

Am Nachmittag gehe ich zur Badestelle, die Treppe runter bis auf das Watt. Das Wasser läuft gut ab. Ich gehe durch ein bisschen schlickiges Watt bis zum Priel. Da strömt es noch ordentlich. Jenseits des Priels liegt das höhere Sandwatt schon frei. Der Priel ändert sich Jahr für Jahr ein bisschen. Aber bald finde ich die richtige Stelle. Das Wasser ist dort nur noch knietief, und ich gelange ohne Probleme auf die Sandbank, wie dieses schöne Sandwatt gerne genannt wird. Hier ist man allein und weit weg von allem. Hooge und Langeneß scheinen fast zum Greifen nahe über dem Wasser zu schweben. Und der Mond ist auch schon da. Ich freue mich drauf, dass morgen das Ballett kommt und übermorgen gefilmt wird.

Irgendwann muss ich aber zurück, denn das Wasser steigt dann schnell im Priel mit der Flut. Ich gehe zurück ins Haus, esse zu Abend und schlafe sehr gut.

Am nächsten Morgen schaue ich vorm Frühstück von der Warft rüber zur Sandbank, die noch frei liegt und allmählich vom auflaufenden Wasser überflutet wird. Nach einem kleinen Spaziergang gehe ich zu Tante Käthe in die Küche und helfe ihr. Sie macht heute ein Mittagessen für die Balletttruppe, Fliederbeersuppe mit Grießklößchen. An den anderen Tagen soll die Gruppe oben in der Küche selber kochen.

Dann fahre ich mit Onkel Hans runter zum Anleger, um die Tanzgruppe vom Schiff abzuholen. Wir packen alle mit zu beim Verladen des Gepäcks und fahren zur Warft. Tante Käthe zeigt den Tänzerinnen und Tänzern die Zimmer im Dachgeschoss, wobei sie deutlich erkennen lässt, dass sie die Zweibettzimmer bevorzugt gleichgeschlechtlich belegt wissen würde.

Nach dem leckeren Essen ist Zeit für ein Mittagsschläfchen und eine erste Erkundigung der Hallig. Abends ist das Watt frei. Wir gehen hinüber, bauen die Musikanlage auf ein paar Kästen auf, schauen auf die Abendsonne und stimmen uns auf den weiten Rundumblick ein. Ich ziehe mich etwas zurück, bleibe aber so nah dran, dass ich das Ballett anschauen kann. Es ist ja eine Probe, und es gibt keine Kamera, in deren Bild ich störend auftauchen könnte.

Die Tänzerinnen bilden einen Kreis und schauen nach Innen, einander an. In einigem Abstand bilden die Tänzer den Außenkreis, den Körper nach außen gestreckt, den Blick in die Ferne gerichtet, zur Hallig Langeneß, zur Hallig Hooge, zur Insel Pellworm, zur Hamburger Hallig und zurück zur Hallig Gröde.

Die Musik beginnt. Nach einigen Takten beginnen die Tänzer, den Oberkörper in Richtung Innenkreis zu drehen und vorsichtige Schritte rückwärts zur Mitte zu machen, während die Tänzerinnen sich nach außen drehen. Nun bleiben die Tänzer stehen, und die Tänzerinnen schreiten langsam nach außen, bis fünf Paare entstanden sind, die sich tangential ausrichten. Drei Paare formen je ein Tor. Die Tore gehen den Paaren auf der Kreislinie entgegen, und umgekehrt die Paare den Toren. Nach jedem Durchschreiten verwandeln sich die Tore in Paare und die Paare in Tore.

In der Musik gibt es einen Wechsel der Tonart, des Taktes vielleicht auch, so genau kann ich das nicht erkennen. Nun lösen sich die Paare und Tore auf, und es beginnt eine freiere Phase des Tanzes. Die Phantasie würde vielleicht eine wildere Phase erwarten, hier im Watt sind die Bewegungen verlangsamt und dadurch sogar intensiver. Die Bewegungen erinnern etwas an Tai Chi, aber es vollführen nicht alle die gleiche Form in der gleichen Ausrichtung, sondern unterschiedliche Figuren in verschiedenen Richtungen, in einem großen Puls sich einander annähernd und von einander entfernend, wobei die ganze Gruppe sich wie in einer Atembewegung ausdehnt und zusammenzieht.

Der Abendhimmel wird langsam golden und rötlich, noch ist die Sonne da und spiegelt sich im Wasser des großen Priels und auf den feuchten Sandbänken und Wattflächen. Der Mond, fast voll, geht rot über Habel auf. Wie kriegt man das hin, dass morgen beim Filmen so ein Zusammenklang zwischen Natur, Licht, Musik und Tanz eingefangen werden kann?

Am Ende, als die Sonne den Horizont berührt, hocken sich alle hin, wieder im Kreis. Noch ein paar schöne Akkorde, der Abschluss.

Nein, nicht ganz. Wir sind ja nicht im Kino, sondern auf einer Hallig. Und hier draußen im Wattenmeer ist bei aller Ruhe manchmal Schnelligkeit erforderlich. Das Licht geht weg, die Flut kommt, es ist noch ein Stück bis zur Halligkante. Wir machen uns auf den Rückweg. Der Priel zieht schon stark, aber es passt noch gerade alles. Sicher auf der Hallig angekommen, gehen wir den verschlungenen Pfad zwischen Gräben und einzelnen Schafen und Lämmern hindurch zurück zur Warft.

Am nächsten Tag sehen wir das Watt noch gerade beim Frühstück. Die Flut kommt schnell, und bald sehen wir da, wo die Sandbank zu sehen war, Wasser, Wellen und erste Schaumkronen. Der Wind hat zugenommen. Geprobt wird auf einer Salzwiesenfläche nahe der Badestelle. Die Fläche ist schmal zwischen der Steinkante und den vielen Gräben und Schlenken, die es aber sind, die mit ihrer abwechslungsreichen Vegetation das Halligland so interessant machen. Das Originalballett findet hier auf der Salzwiese nicht genug Platz. Es werden einzelne Sequenzen und Figuren geprobt. Die Kolonien von Möwen und Seeschwalben haben sich ein Stück weiter auf dem Halligland an der Steinkante niedergelassen, in respektvollem Abstand, aber doch scheinbar interessiert. Der Wind pfeift und verweht die Musik. Dazu rauschen die Wellen, die an die Steinkante schlagen. Ich sitze abseits und lausche und schaue zu. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach der „Rungholt“, denn heute soll das Filmteam anreisen.

Wenn ich aufstehe, kann ich Schlüttsiel sehen. Ein weißer Punkt löst sich vom Hafen, die „Rungholt“? Nein, eher ein größeres Schiff. Bald kommt es auf uns zu. Jetzt ändert es den Kurs wieder nach links, von hier aus gesehen. Und dahinter ist noch ein kleiner weißer Punkt. Das muss die „Rungholt“ sein. Sie folgt nicht der Biegung des Priels, sondern kommt auf Gröde zu. Wird sie nach rechts rüber ziehen und zum Ostanleger gehen? Ein Blick zurück auf die Wellen zeigt mir, dass die inzwischen recht stark sind und von Westen kommen, also nicht gut zum Anlegen am Westanleger für ein kleines Schiff. Die „Rungholt“ driftet etwas nach Süd und dann dreht sie nach rechts ab und fährt hinter Gröde entlang. Also Ostanleger!

Das schätzen Markus und Onkel Hans wohl auch so ein, denn schon sehe ich sie mit ihren Treckern den langen Plattenweg entlang zum Ostanleger fahren. Die Trecker mit Anhänger, die, oft zu zweit oder zu dritt zum Anleger fahren, um Gäste und Gepäck oder Ware vom Kaufmann abzuholen, das ist für mich in den vielen Jahren so ein Inbegriff von Halligleben geworden und ist auch ein eigenes Symbol von Willkommen und Gastfreundschaft. Oft saß ich dann selber auf mit auf dem Anhänger, mit dem Gefühl des Angekommenseins oder des Abschiedes.

Und wie schön dieses Bild, stilles Halligland, nur das Gras, wo es etwas länger ist, zittert im Wind, und einige Seevögel segeln hier und da über das weite Land, wo die beiden Trecker ihre Bahn ziehen, begleitet von der Musik von Jean-Michel Jarre, filmreif, dachte ich, das muss mit in den Film!

Es ist zu spät, um noch zum Ostanleger zu rennen und beim Verladen des Gepäcks und des Filmequipments vom Schiff auf die Anhänger zu helfen, also gehe ich lieber gleich den kurzen Weg zur Warft. Heute Nachmittag soll eigentlich schon so eine Art Generalprobe mit Filmaufnahmen im Watt stattfinden, aber ob das Wasser bei dem Wind gut abläuft?

Ja, am Abend passt es dann gut mit dem Watt. Und sogar der Wind ist beinahe eingeschlafen. Einige Gerätschaften müssen geschultert werden und durch den Priel rüber zur Sandbank getragen werden, dann kann es losgehen. Es gibt ja viele Möglichkeiten, die ausprobiert werden sollen, welche Position die Kameras einnehmen, wie sie geschwenkt werden und so weiter, um die Ruhe des Tanzes und der Landschaft einzufangen. Ich habe mich aus dem Tanzbereich und dem Kamerabereich zurückgezogen und gehe an der östlichen Kante der Sandbank auf und ab und beobachte den Wasserstand. Sobald dort das Wasser anfängt zu steigen, ist es Zeit zum Abbauen und Aufbrechen.

Meistens aber schaue rüber zum Ballett. Die Tänzerinnen und Tänzer haben sich schon gut auf den Wattboden eingestellt, und aus der anfänglichen Schwere ist eine bezaubernde Leichtigkeit geworden. Sie scheinen im Abendglanz über dem Wattboden zu schweben. Es sollte am liebsten gar nicht aufhören, aber die Flut kommt, und wir müssen zurück zur Hallig. Bis weit über die Knie strömt schon das Wasser, als die letzten den Priel durchqueren.

Das Filmteam wohnt im Nachbarhaus. Dort ist im Dachgeschoss eine Diele, von der die Zimmer abgehen, wo sich eine größere Gruppe treffen kann, etwas eng, aber gemütlich. Dorthin gehen wir nach dem Abendessen durch den schönen schmalen Blumengarten am Fething entlang. Die technischen Dinge waren schon am Nachmittag geklärt worden. So war Zeit zum Erzählen.

Eine Balletttänzerin, die aus Griechenland kam, erzählt, dass der vorsichtige, langsame, behutsame Tanz im Watt sie an eines ihrer ersten Projekte in der Zeit der Ausbildung erinnert.

„Das Tanzprojekt fand auf Kreta statt, in Matala, in der berühmten Felswand, wo noch vor kurzem viele Hippies und Rockmusiker in den Höhlen gelebt hatten. Es war als Filmprojekt vorgesehen, denn Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten für eine größere Zahl von Zuschauern gab es damals in Matala nicht. Allein die Anreise war schon spannend, mit der Fähre von Athen nach Heraklion, dann auf Kreta mit dem Bus über die Berge nach Mires, das in der Messara-Ebene liegt. Wir fuhren in einem nagelneuen Bus von der Firma Magirus-Deutz in Schilfgrün und Sandgelb. So etwas interessiert mich eigentlich nicht. Aber der Stellios, einer unserer Tänzer, war ein Omnibus-Enthusiast und wusste alles über Busse und erzählte mir mehr darüber, als ich wissen wollte. Was mag er gewollt haben? In einer Nacht am Strand von Matala zeigte er mir die Sterne. Das fand ich ganz schön. Mit welchen Bussen wir auf der Rückfahrt gefahren sind, weiß ich nicht.
Auf der Hinfahrt jedenfalls erreichten wir in Mires noch den letzten Bus nach Matala. Unsere Organisatorin vor Ort hatte das alles gut geplant und vorbereitet. Es war ein uralter Mercedes-Benz, ebenfalls in Schilfgrün und Sandgelb, mit Dachgepäckträger; Stellios war begeistert. Auf dem Dach wurde das Gepäck von etlichen Rucksacktouristen, wenigen Einheimischen und von uns verstaut. Von der Messara-Ebene ging es noch mal ziemlich steil hoch, in ein paar Serpentinen, zu den minoischen Ruinen von Festos, dann wieder runter auf holperigen Pisten zu einem Dorf namens Pitsidia. Als der Bus auf dem Dorfplatz ankam, liefen Einheimische und ein paar Touristen zusammen. Einige begrüßten herzlich Ankommende. Andere Einheimische boten den Rucksacktouristen Zimmer an, „room, room“. Die Rucksacktouristen aber machten sich zum Teil lieber auf zu einem nahegelegenen Strand, um dort zu übernachten.
Die Strecke wurde immer holperiger, und endlich kamen wir nach Matala. Auch da wurden wir mit „room, room“ empfangen, aber unsere Zimmer waren ja schon vorbestellt und unser Abendessen glücklicherweise auch.Wir saßen leicht erhöht an der zauberhaften Strandbucht in einer einfachen Taverne. Ich habe wohl nie wieder in meinem Leben mit so viel Appetit so leckeren frischen Fisch gegessen und so leckeren örtlichen Wein getrunken wie damals.
Am nächsten Tag ging es los mit dem Erkunden und Ertanzen der Felswand. Wir mussten uns ganz vorsichtig und ruhig auf den Vorsprüngen der Felsen bewegen, langsam, Schritt für Schritt, wie hier im Watt, wie in einer Atembewegung, wie ein langer ruhiger Puls, uns einander annähern und voneinander entfernen und uns strecken und zusammenkauern. Die Felsschichten bestimmten unsere Bewegungsrichtung. Wir waren fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer, und die Grundform waren drei Sterne, Felsensterne, rock stars, die sich in der Form veränderten und aufeinander zu tanzten und sich wieder trennten. Das war schon ähnlich dem, was wir hier im Watt machen, nur halt in der Senkrechten statt in der Waagerechten.
An einem dunstigen Morgen durften wir dann doch in der Waagerechten tanzen. Wir fuhren nach Festos und tanzten auf den Plätzen der minoischen Ruinenstätte. Auch dort konnten wir aber die schnelleren Bewegungen des klassischen Balletts nicht umsetzen. Rau, rissig und etwas uneben war der Boden.“

Sie erklärte es dann genauer, mit vielen Fachbegriffen. Ich verstand es nicht genau, war aber zugleich dankbar, mit so einer ganz besonderen Gruppe den Abend teilen zu dürfen, und voller Bewunderung für die Arbeit und Kreativität der Künstler. Und auch die Filmleute fragten sehr genau nach dem Konzept und den Details, wie diese diese besondere Darstellungssituation auf den Filmstreifen gebannt wurde.

„Ja, es wurde ein recht schöner Film“, sagte sie. „Leider wurde der Film kaum öffentlich gezeigt. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für so einen Film.“
„Aber mit dir und dem Stellios, ist da was draus geworden?“, fragte jemand.
„Ja und nein, aber das ist eine andere Geschichte.“

Es war spät geworden. Wir gingen zurück zu unserem Haus. Es war windstill. Unten im Fething spiegelte sich der volle Mond. Eine Ente war aufgeschreckt und quakte zwei-, dreimal kurz. Draußen über dem Halligland schrie ein Seevogel. Das wird ein schöner Tag morgen, dachte ich.

Am nächsten Morgen erwachte ich vom Wind. Von dem Pfeifen des Windes am Reetdach, an den Schornsteinen und den Fenstern, das ich so nur von der Hallig gewöhnt bin. Ein wohliges Gefühl eigentlich, dann im warmen Bett zu liegen oder am Fenster einen Tee zu trinken. Aber für den heutigen Tag bedeutete es nichts Gutes.

Die Sandbank ist schon vom Wasser bedeckt, Schaumkronen dort, wo gestern im weiten Watt getanzt wurde. Starker Wind, der aber das Filmteam nicht abhält, mit dem Gerät an die Kante zu gehen und die heranrauschenden Wellen zu filmen. Auch die Ballettleute sind mit unterwegs. Bald schlagen die Wellen über die Kante, erste kleine Rinnsale laufen von der Kante in Richtung des flacheren inneren Halliglandes. Schaumflocken verteilen sich über die Salzwiesen. Das Wasser steigt. Das wird ein richtiges Landunter werden.

Nun schlägt schon jede Welle über die Kante und das Wasser füllt in Sturzbächen zuerst alle Priele und dann das Innere der Hallig. Auch der Plattenweg zur Steinkante ist schon teilweise überflutet. Wieder kommt mir die Rolle des Vorsichtigen zu, und ich muss den Halligunerfahrenen ein bisschen den Spaß verderben und sie zur Rückkehr auf die Warft überreden. Von dort schauen wir uns das Schauspiel an. Bald ist rundherum fast alles von Wasser bedeckt. Es scheint eine leichte Beruhigung des Windes und des Wassers zu geben, und, etwas vor der eigentlichen Hochwasserzeit hört auch das Wasser auf zu steigen, so sieht es aus. Und das vermittelt uns ein beruhigendes Gefühl für einen kleinen Mittagsschlaf.

Aber nicht zu lange. Jetzt kommt nochmal großes Kino. Die Sonne steht schon niedriger und dramatische Wolkentürme kommen schnell von Westen herangezogen, dazwischen die Wolkenlücken, durch die gleißende Lichtbänder scheinen und einen Strahlenkranz bilden, der auf die Wasserfläche zwischen Hallig Gröde und Hallig Langeneß hinabfällt. Von dort blendet es silbrig herüber. Weiter vorn beobachten wir, wie das Wasser ganz langsam wieder von der Hallig abläuft und sich die gewundenen Priele und einige gerade Gräben von den freigelaufenen Bereichen abzeichnen und ein Muster auf dem Halligland zeichnen. Die stillen Wasserflächen glänzen in Gold, Perlmuttfarben und Orangerot.

Die Filmleute legen sich noch einmal voll ins Zeug und machen spontane Aufnahmen, die Ballettleute improvisieren dazu auf dem Ringdeich. Das Watt bleibt an diesem Abend mit Wasser bedeckt, die Wege im Halligland zu großen Teilen noch überflutet. Bald sind alle erschöpft und ein bisschen durchgekühlt, und schließlich sitzen wir alle im Aufenthaltsraum des vorderen Hauses und genießen den Blick nach Westen mit einem heißen Getränk am Fenster.

Morgen ist Abreise. Andere Verpflichtungen warten in einer anderen Welt.

„Unser eigentliches Projekt ist gescheitert“, sagte der Aufnahmeleiter.
„Aber habt ihr jemals etwas so schön scheitern sehen?“, fragte die griechische Tänzerin.

Es ist auf Gröde üblich, dass abreisende Gäste von den bleibenden Gästen am Anleger verabschiedet werden. Schließlich hat man einige Tage auf ziemlich engem Raum zusammen gelebt und sich ein bisschen kennengelernt. So war ich dann mit zum Schiff gekommen, um die Balletttruppe und die Filmleute zu verabschieden. Die „Rungholt“ lag schon am Anleger. Der Kapitän führte gerade seine Tagesgäste durch die Halligkirche und erklärte die Warft, die Hallighäuser, die Wasserversorgung und den Fething. Wir hatten noch etwas Zeit.

„Diese kleinen Halligschiffe sind Traditionsschiffe. liebevoll gepflegt. Die ,Rungholt’ wurde vor 22 Jahren als ,Adler’ gebaut, fuhr später für einige Zeit als ,Palucca’ von Sylt aus, bevor sie hierher kam“, erklärte ich.
„Wen interessiert das jetzt?“ Das glaubte ich einem fast spöttischen Lächeln der griechischen Tänzerin zu entnehmen.

Schließlich wurde es Zeit, an Bord zu gehen. Dann wurden die Leinen los geworfen, und die „Rungholt“ zog sanft rückwärts. Der Kapitän ließ die „Rungholt“ ausgleiten, einen Moment lang war alles still, dann drehte er das in der Sonne weiß strahlende Schiff mühelos in den Tidestrom und nahm behutsam Fahrt auf in Richtung Schlüttsiel. Das müsste mit in den Film, dachte ich. Vom Oberdeck aus winkte mir die griechische Tänzerin noch lange zu.

Auf der Fahrt nach Schlüttsiel ergab sich wohl, so erfuhr ich später, im Gespräch mit dem Kapitän noch die Idee, das Ballett in dem festeren Sandwatt zwischen Hallig Oland und Dagebüll zu machen. Das ist auch besser vom Festland zu erreichen. Tatsächlich wurde der Film dort im nächsten Sommer fertig gedreht. Viele schöne Aufnahmen von den Tagen auf Gröde flossen als Rahmengeschichte mit ein. Es wurde ein sehr schöner Film, der leider kaum öffentlich gezeigt wurde. Vielleicht war die Zeit nicht reif für solch einen Film.


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