Schleswig-Holsteinisches Dekameron: Teil 41

Lukas Scherzinger erzählt:

Von Kurt Geisler

Ermutigend an diesem tristen dunklen Herbstabend in Kiel-Gaarden waren für die Filmproduzentin Rosi Puschner lediglich die drei punktuell ausgeleuchteten Fenster im ersten Stock eines in die Jahre gekommenen Geschäftsgebäudes. Wobei die drei extra dafür von ihr gecharterten Spezialfahrzeuge mit variablen, großdimensionierten Lichtbatterien mächtig an ihrem engen Produktionsetat knabberten, zumal auch noch unter jedem der drei angestrahlten Fenster des tristen Backsteingebäudes Hebebühnen mit weichen Matten bereitgestellt werden mussten.
Noch mehr beunruhigte Rosi allerdings, dass der eigentliche Tatort-Dreh hinter der schnöden Backsteinfront in einem hell ausgeleuchteten ehemaligen Großraumbüro stattfinden sollte. Der für einen Raub von der Thematik her interessanter erscheinende darunterliegende Sultan-Markt im Erdgeschoss lag dagegen völlig im Dunkeln.

Es waren aber nicht nur die hohen Kosten für die geliehenen Spezialfahrzeuge, die Rosi Puschner beunruhigten. Der gesamte Aufnahmestab musste wegen des Mangels an Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Kieler Ostufer auf der anderen Seite der Förde untergebracht werden. Das bedeutete ein kosten- und zeitintensives Hin- und Herpendeln.
So galt es für Rosi, die Anzahl der Drehtage möglichst gering zu halten. Deshalb standen für die Hauptdarsteller in unmittelbarer Nähe des Drehorts in Kiel-Gaarden komfortable Wohnmobile auf einer abgesperrten und gut bewachten Fläche bereit. Heute war der Wagenpark allerdings verwaist, denn an diesem Abend wurde ausschließlich mit Kleindarstellern gedreht.

Die Aufnahmen zogen sich zu ihrem Missvergnügen aber unerwartet in die Länge. Nachdenklich nahm Rosi vor dem tristen Backsteingebäude in der Gardener Elisabethstraße einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Sie war völlig entnervt von ihrer ersten Zusammenarbeit mit dem jungen, aufstrebenden Filmemacher Mark Holthusen. Der galt zwar in der gesamten Branche nicht unbedingt als pflegeleicht, aber sie würde ihm mit Sicherheit irgendwie schon den Zahn ziehen. Genau wie all den anderen Wichtigtuern, mit denen sie in den letzten zwei Jahrzehnten Tatort-Folgen realisiert hatte.

Zwei Zigarettenlängen später erlebte sie allerdings am Drehort den Jungspund in einer Verfassung, welche ihre allerschlimmsten Befürchtungen übertrafen. Händerudernd brach er zum vierten Mal den Dreh mit einem unbeholfenen Kleindarsteller ab.
„Klappe, Klappe! Nein, so geht das nicht. Ja, bin ich denn nur von Dilettanten umgeben? Es kann doch nicht so schwierig sein, einen hell ausgeleuchteten Raum zu durchqueren und durch eines der drei mittleren Fenster auf eine darunterliegende Gummimatte zu springen.“

Rosi hatte früher natürlich schon Regisseure ganz anderen Kalibers erlebt, als die Filmemacherei noch reine Männerdomäne war. Gottesgleich, selbstverliebt und immer auf der Pirsch nach frischem Fleisch. Offenbar hatte Holthusen einige dieser unschönen Attitüden übernommen, denn er plusterte sich jetzt auf wie ein Pfau.
„Ja, gibt es in Kiel denn keine guten Darsteller mehr? Bernhard Minetti, Heinz Reinicke, Uwe Schwenker. Was waren das noch für grandiose Schauspieler!“
Ein Tontechniker warf kurz eine Frage in den Raum. „Uwe Schwenker, war das nicht ein Handballspieler von THW Kiel?“
Wie eine Pistolenkugel schoss der nassforsche Filmemacher die Antwort zurück. „Ja, und? Selbst der konnte auf dem Spielfeld besser schauspielern als dieser Dilettant hier. Am liebsten würde ich den gesamten Dreh sofort abblasen. Pause, halbe Stunde.“

Während der Kleindarsteller sich geknickt ins Treppenhaus verzog, vergrub die Produzentin das Gesicht in den Händen und drehte sich angewidert weg. Unbemerkt zog sie das Handy aus der Tasche und wählte eine vertraute Nummer der Sendeanstalt.
„Ah, unsere verehrte Frau Puschner. Wieder einmal in Nöten bei einem Tatort-Dreh?
„Ja, Dr. Trutz. Aber dieses Mal müssen Sie vom Sender her einschreiten. Dieser Holthusen versaut hier alles. Der muss auf der Stelle weg.“
Der Justiziar der Sendeanstalt blieb formell. „Hören Sie gut zu, liebe Frau Puschner. Zwei schriftliche Abmahnungen in angemessenem Abstand, erst dann kann es einen möglichen Kündigungsgrund geben. Das ist deutsches Arbeitsrecht.“
Rosi war schier am Verzweifeln. „Aber so kann es hier nicht weitergehen. Der vergeigt mit seinen endlosen Wiederholungen unseren gesamten Produktionsetat.“
Der Justiziar blieb ruhig. „Werte Frau Puschner: Nehmen Sie sich den Jungspund einfach einmal vor die Brust und spuren Sie ihn tüchtig ein.“
Rosi war verzweifelt. „Wie soll mir das denn ohne Ihre Hilfe gelingen, Dr. Trutz?“
Der Justiziar blieb sachlich: „Mein unbedeutender Rat: Am besten klappt das Einspuren von Unwilligen meinen einschlägigen fachjuristischen Erfahrungen nach anscheinend immer noch im Liegen. Also horizontal. Das soll bisher immer geholfen haben bei Jungspünden in anderen Produktionen. Notfalls können Sie ihm hinterher immer noch mit Vertragsbruch drohen, aber bitte nichts schriftlich oder vor Zeugen. Wiederhören.“

Wie immer vom Sender allein gelassen blieb Rosi nichts anderes übrig, als den jungen Regisseur mit ihrer altbewährten Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche zur Vernunft zu bringen.
„Mark, du weißt genau, dass unser Tatort-Budget lediglich knappe eineinhalb Millionen sind. Es gibt nicht viele Aufsteiger wie dich, die beim ersten bedeutenden Dreh gleich mit großem Spielzeug belohnt werden. Wir hätten alles weitaus kostengünstiger mit weniger Drehtagen und besseren Arbeitsbedingungen im Studio Hamburg abdrehen können.“

Verständnislos schüttelte der Jungspund den Kopf. „Rosi, das kannst du nicht verstehen. In diesem Stadtteil bin ich groß geworden. Dieses Backsteingebäude war früher GeKa, das Gaardener Kaufhaus. An der linken Hauswand kannst du noch die Bohrlöcher der ehemaligen Beschriftung erkennen. Mein Opa hat meinem Vater dort seine erste Spielzeugeisenbahn gekauft, und Großmutter hat gleich nebenan am Vinetaplatz bei Stahl&Stiller Garne und Stoffe für die Schnitte aus den Modeheften gekauft.“
Rosi war genervt. „Das ist alles Schnee von gestern, Mark.“
Der Jungspund begehrte auf. „Nein, denn das gesamte Kieler Ostufer ist ein wahrlich historischer Ort. Immerhin ging von hier der Matrosenaufstand nach dem Kriegsende 1918 aus.“
Die Produzentin winkte ab. „Das interessiert heute kein Schwein mehr, Mark. Während meiner Schulzeit sind wir übrigens sowieso nur bis Napoleon gekommen.“
Jetzt ereiferte sich ihr Regisseur. „Rosi, nach Ausrufung der Weimarer Republik musste der deutsche Kaiser abdanken und sich nach Holland absetzen. Das ist Weltgeschichte.“
Die Produzentin hatte ein anderes Weltbild. „Wobei die junge Republik wenig später vom nächsten Despoten in Diktatur, Holocaust und Krieg gestürzt wurde. Mark, was hat das alles mit unserem Dreh zu tun?“

Nun zeigte der Jungspund endlich erstmals diesen erstaunten Blick, den Rosi so liebte. Offenbar war er mit seinem Latein am Ende, und so zog sie fester die Zügel an.
„Du, Mark. Wir drehen hier keine Weltliteratur, sondern produzieren Spannung für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, also für die gesamte Bevölkerung. Denkst du wirklich, dass dein Thema die Menschen in Ostdeutschland interessiert?“

Der junge Regisseur sah sie verwundert an. „Wieso denn nicht? Haben die denn keinerlei Lehren aus ihrer Geschichte gezogen?“
Die Produzentin nahm ihm schnell den Wind aus den Segeln. „Mark, was interessiert die Menschen in Ostdeutschland ein marodes Gaardener Geschäftsgebäude aus den späten 1950er Jahren, in dem jetzt in den Verkaufsräumen im Erdgeschoss ein Türke seine Waren feilbietet. Über uns viele beengte Sozialwohnungen mit kleinen Räumen. Sollen das etwa die Fernsehzuschauer in Angermünde, Bautzen oder Chemnitz gut finden?“

Der Filmemacher zeigte sich uneinsichtig. „Was gehen mich die Leute in Ostdeutschland an? Hier geht es um meine Heimat.“
Jetzt zeigte die Produzentin erstmals ihr böses Gesicht. „Heimat, was soll das, Mark? Das ist klebriger Schmalz. Beim Fernsehen geht es zunächst um die Quote, und davon hängt für uns das Geldverdienen ab.“

Der junge Regisseur widersprach nicht, und so konnte Rosi endlich nachlegen. „Klare Ansage von mir, Mark, damit wir uns richtig verstehen: Du lässt jetzt den Komparsen noch einmal von unten aus dem Ladengeschäft mit dem geklauten Geld in die erste Etage sprinten und aus einem der drei beleuchteten Fenster hüpfen, unter denen die teuren Hebebühnen mit den weichen Matten platziert sind. Du musst ihn aber auch wenigstens einmal springen lassen, bevor du die Aufnahme wieder abbrichst.“
Der Filmemacher empörte sich. „Rosi, unser Kleindarsteller ist so etwas von unglaubwürdig, da wäre mir ehrlich gesagt der Dreh ohne Hebebühnen fast lieber. Der Dilettant würde dann wegen ausgesprochen schlechter künstlerischen Leistungen vom lieben Gott direkt seiner gerechten Strafe zugeführt werden.“

Rosi überging den Einwurf. „Mark, warum müssen wir eigentlich diesen heruntergekommenen Drehort für teures Geld von innen und außen beleuchten? Kein Ladendieb auf der ganzen Welt würde durch helle Räume flüchten und sich aus einem angestrahlten Fenster stürzen. Er würde sich schnellstmöglich in der Dunkelheit verpieseln, gerade hier abends in Gaarden.“

Jetzt trumpfte der Jungspund auf. „Ganz einfach, Rosi. Damit deine Fernsehzuschauer in Angermünde, Bautzen oder Chemnitz dem Idioten bei seiner Flucht ins Auge sehen können. Aber wenn der Komparse völlig talentfrei ist …“
Jetzt sprach die Produzentin ein Machtwort. „Genug, Mark. Egal, was passiert, du lässt den Kleindarsteller jetzt durchlaufen bis zu seinem Abgang durchs Fenster. Notfalls können wir die Szene in der Nachproduktion umarbeiten. Zeitraffer, Zeitlupe, Verfremdungseffekte oder Schwarz-Weiß. Nun komm schon, 30 Sekunden Dreh sind schließlich keine Ewigkeit.“
Der Filmemacher wirkte sichtlich frustriert, bequemte sich aber zu seinem Regiestuhl und hob genervt die Hand. „Okay, Take 24/12 noch einmal. Wir lassen das jetzt einfach durchlaufen. Ganz egal, wie beschissen der Dreh wird.“

Während die Produzentin erleichtert durchatmete, wurde die verschlossene Tür zum Treppenhaus taghell ausgeleuchtet. Sie wurde aber nicht behutsam geöffnet, wie im Drehbuch vorgesehen, sondern brachial aufgebrochen. Ein anderer Komparse stürmte in den Drehort und schaute sich wegen der vielen Mitarbeiter des Filmteams erschrocken um. Sonderlich erfahren wirkte er nicht, aber deutlich glaubhafter als sein Vorgänger. Mit seiner kräftigen, gedrungenen Gestalt und einer derben, ungehobelten Ausstrahlung versprühte er Angst und Schrecken. Die hamsterartig unter dem Arm eingeklemmten Zigarettenstangen machten die Szene glaubwürdiger, und die Geldscheine in seinen Händen wirkten richtig echt.
Weichgespült nickte der junge Filmemacher seiner Produzentin zu, der sich die Szene vermutlich genauso vorgestellt hatte. Allerdings verharrte der Komparse zu lange auf der Stelle, und so wischte ihn der junge Filmemacher mit einer knappen Handbewegung weg.
„Husch, husch. Nun aber schnell zum Fenster hin und ab an die frische Luft. Ist ja alles mit weichen Matten gesichert.“

Verunsichert blickte sich der schwitzende Komparse noch einmal um, bevor er auf die Fensterfront zueilte. Allerdings schien er höllischen Respekt vor den drei hell ausgeleuchteten mittleren Fenstern zu haben. So wich er in letzter Sekunde zu einem der im Dunkeln liegenden Außenfenster ab und suchte mit einem mutigen Hechtsprung das Weite. Das hässliche Geräusch beim Aufklatschen des Körpers auf den Bürgersteig war allerdings nicht zu überhören.

„Cut, cut, cut.“ Mit dramatischer Geste beendete der junge Regisseur den Dreh und eilte besorgt zum unbeleuchteten Fenster. Rosi folgte ihm, aber der Anblick des begnadeten Kleindarstellers auf dem unwirtlichen Steinpflaster vor dem Backsteingebäude in einer großen Blutlache war nicht sonderlich schön.

Völlig unerwartet schritt jetzt aus der gewaltsam aufgebrochenen Tür aus dem Treppenhaus mit einem blauen Auge und blutiger Stirn der ursprünglich eingesetzte Kleindarsteller.
„Habt ihr den fiesen Ladendieb fassen können? So ein brutaler Hund. Ich kann nicht weiter drehen, muss ab sofort ins Krankenhaus. Tut mir leid.“
Rosi und Mark waren sich mit Augenkontakt allerdings schnell einig, dass die letzte Aufnahme mit dem verunglückten Ladendieb mit Abstand die beste war. Klar, sein Abgang war natürlich weniger erfreulich, aber das lag zum Glück außerhalb von ihrer Verantwortlichkeiten für die Dreharbeiten.

Trotz des Rauchverbots zündete sich Rosi genüsslich eine Zigarette an und blickte ihrem verunsicherten Jungspund tief in die Augen. „Drehschluss für heute, Mark. Wenn es am Schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören.“
Ihr Regisseur wirkte völlig verunsichert. „Und der tote Ladendieb?“

Rosi ließ Routine walten. „Einzelschicksal. Irgendwas ist ja immer, Mark. Wenn alle Formalitäten erledigt sind, dann versaufen wir den Toten gleich nebenan in der kleinen Kneipe. Man muss schließlich auch vergessen können.“

Das begehrliche Lächeln der Produzentin entging dem jungen Filmemacher allerdings nicht.


Homepage des Autors: kurtgeisler.de


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