Lukas Scherzinger erzählt:

Von Kurt Geisler

Bisher dachte ich immer, dass die blutigsten Schlachten der Weltgeschichte in den beiden letzten Weltkriegen stattgefunden haben. Bis ich vor einigen Jahren Mitte Oktober am Rand der Landstraße von Bordesholm nach Kiel Kürbisse eines Bauern entdeckte, die sich vorzüglich für Halloween-Schnitzereien eigneten. Sofort hielt ich an und nahm einen dieser wunderbaren Kürbisse, der allerdings am Kopf zugenäht schien und trotz der freundlichen Farbgebung irgendwie an Frankenstein erinnerte, in die Hand. Er war ungewöhnlich schwer, und ich machte mir ernsthaft Gedanken, mit welchem Werkzeug ich ihn bei unseren alljährlichen Schnitzereien bearbeiten sollte.

Als ich erwartungsfroh zur Bezahlung die Glocke am Bauernhaus läutete, entwendete mir die Bäuerin sofort entsetzt den Kürbis und rief hilfesuchend nach ihrem Mann. Der grobschlächtige Kerl füllte wenig später die gesamte Hoftür aus, entriss den Kürbis kurzerhand seiner Frau und brachte ihn schnell zurück an die Landstraße. Dann kehrte er zurück und nahm mich vertraulich an den Arm.
„Kommen Sie mit, ich habe Besseres für Sie.“
Er führte mich zu einem baufälligen Stall, der ungewöhnlich gut gesichert war. Nach dem Aufschließen schweifte mein Blick über Hunderte von goldgelben, wohlgeformten Kürbissen, einer prächtiger als der andere. Offenbar hatte der Bauer an diesem unscheinbaren Ort seine besten Exemplare gehortet. „Das ist meine kleine Schatzkammer, die allerbesten Kürbisse von meinem Acker. Vermutlich sogar von ganz Holstein. Jeder einzelne kostet zwanzig Euro. Also bar, dafür ohne Mehrwertsteuer.“
Das ‚ohne Mehrwertsteuer‘ konnte ich noch nachvollziehen, denn Holsteiner Bauern machen gerne einmal Geschäfte, bei denen der Fiskus nicht mit der Lupe draufschauen konnte. Eigentlich hatte es mir aber dieser Frankenstein-Kürbis angetan. „Für die Schnitzereien mit meinen Kindern hätte mir der Kürbis gereicht, den Sie an die Straße gestellt haben. Kann ich den nicht haben?“
Der Landwirt lachte sich halb schimmelig. „Seit wann bezahlen Sie denn Geld für Scheiße?“
Verständnislos musterte ich den Bauern, der grienend antwortete: „Was meinen Sie denn, was der Unterschied zwischen dem Kürbis am Straßenrand und Scheiße ist?“
Unsicher zuckte ich mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vermutlich die Qualität.“ Der Landwirt konnte sich kaum einkriegen. „Nein, die Kürbisse am Straßenrand sind allesamt mit Scheiße gefüllt. Langen Sie nur zu.“

Jetzt verstand ich endlich den Sinn der Naht. Der Bauer griente.
„Ganz unter uns, es ist sogar Hühnergülle.“
Mich schüttelte es. „Wer kauft denn so etwas?“
„Wieso kaufen? Irgendwelche Rüpel aus der Stadt halten nachts kurz an und klauen die Kürbisse einfach so vom Straßenrand. Das wird mir auf Dauer zu teuer.“
„Ja, aber warum stellen Sie Kürbisse denn auch am Straßenrand aus?“
„Weil es die beste Werbung für meine erstklassige Ware ist. Man muss meine wunderbaren Kürbisse gesehen haben, ansonsten kaufen die Städter irgendwelche hässlichen Exemplare beim Discounter um die Ecke für einen Fünfer und ich bleibe auf meiner einwandfreien Holsteiner Ware sitzen. Das ist meine Marketing-Strategie.“
Bis dahin war mir nicht bekannt, dass Holsteiner Bauern in großem Maße Marketing-Strategien entwickeln, sondern eher über fehlende Subventionen klagen. Der geschäftstüchtige Landwirt legte aber noch nach.
„An die 300 Stück von meinen edelsten Kürbissen horte ich im Stall. Das lässt einen im Winter ruhiger schlafen.“
Das wiederum war nachvollziehbar. Der Bauer unterbreitete nun ein verlockendes Angebot.
„Suchen Sie sich den besten Kürbis aus. Ich mache Ihnen auch einen guten Preis.“
Ohne Kürbis konnte ich meinen Kindern heute schlecht unter die Augen treten. So wählte ich ein unbeflecktes goldgelbes Exemplar aus, das sich vermutlich hervorragend als Kürbislaterne eignete.
„Eine gute Wahl. Zwanzig Euro dann bitte.“
Das war ein hoher Preis. Aber was blieb mir anderes übrig? Natürlich würde ich bei dem Halsabschneider nie wieder etwas kaufen.

Bis ich fast auf den Tag genau ein Jahr später wieder an seinem Hof vorbeifuhr. Erst wollte ich aus Rache alle mit Scheiße gefüllten Kürbisse am Straßenrand plattfahren, bis mir auffiel, dass diese außergewöhnlich ebenmäßig geformt waren. Offenbar hatte sich die Situation bei dem Bauer entspannt. Ich hielt an und schleppte eines der unerwartet schweren Exemplare auf den Hof. Wie im letzten Jahr klingelte ich, aber dieses Mal kam der Landwirt an die Tür.
„Ah, ein Stammkunde. Kürbisse – rund und Gold, die gibt es nur bei Bauer Boldt!“
Ich wollte das Geschäft schnell abschließen und nickte. „Zwanzig Euro wie gehabt?“
Anstelle einer Antwort zog mich der Bauer schnell hinter die Tür und schielte zur Landstraße. Er musste das aufheulende Motorgeräusch schon vor mir vernommen haben, denn wenig später jagte ein alter Golf mit Vollgas direkt auf die Kürbisse am Straßenrand zu. Im Geiste sah ich schon die Scheiße über den Bauernhof spritzen, aber das Fahrzeug blieb nach mehreren lauten Krachern demoliert am Straßenrand liegen. Ein blutverschmierter junger Mann flüchtete in den gegenüberliegenden Wald. Bauer Boldt rieb sich die Hände.
„Kriegsführung 2.0.“
Ich verstand nicht. „Ist dieses Jahr keine Gülle in den Kürbissen?“
„Das war im letzten Jahr kein probates Mittel, denn vermutlich Bauernjungs von den umliegenden Höfen kamen nachts und haben meinen gesamten Stall durch das vergitterte Fenster mit Gülle gefüllt. Unverkäufliche Ware, ein herber Verlust für mich. Deswegen habe ich dieses Jahr auf das graue Gold gesetzt.“
„Graues Gold?“
„Ja, Beton! Kostet fast nix, und den besonderen Effekt haben Sie ja gerade eben beim Crash gesehen.“
Offenbar ein wirksamer Schutz, wenn man die zerdepperte Front des Kleinwagens betrachtete. Mich plagten aber andere Sorgen.
„Gehen wir dann zu Ihrem Stall? Ich benötige unbedingt wieder einen Kürbis für unsere alljährlichen Schnitzereien.“
Unerwartet zog mich der Landwirt weiter ins Innere des Bauernhauses, während sich draußen erste Polizeisirenen ankündigten. „Kommen Sie. Dieses Jahr habe ich einen besseren Ort für die Kürbisse gewählt.“
Zielstrebig führte er mich über den Flur, in die gute Stube und wies dann auf eine buntbemalte Tür. „Dort, im Schlafzimmer. Nun öffnen Sie schon die Tür. Ich mache wie immer einen guten Preis. Für Stammkunden sowieso.“
Nun war es nicht meine Art, fremde Schlafzimmer zu erkunden, aber die Ruhestätte war leergeräumt und Hunderte von Kürbissen stapelten sich bis zur Decke. „Und Ihre Frau, wo schläft die?“
Der Bauer sah mich verständnislos an. „Wieso, der Stall ist doch wieder picobello. Hat mich zwei Wochen harte Arbeit gekostet.“
Mehr wollte ich lieber nicht wissen, nur noch schnell weg. „Also zwanzig Euro wie immer?“
„Nein, das war letztes Jahr der Preis. Sie bekommen aber einen Sonderpreis. 28,95 Euro.“
„Das ist aber viel teurer als voriges Jahr.“
Nun belehrte mich der Bauer: „Das ist das Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage. Dazu kommen erhöhte Kosten für Kriegsführung und Rücklagen für eventuelle Klagen.“
Weil ich auch dieses Jahr meinen Kindern nicht ohne Kürbis unter die Augen treten wollte, legte ich ihm stumm drei Zehner auf seine geöffnete Handfläche. Draußen krachte es schon wieder. Offenbar konnten es sich auch die Fahrzeuge mit den Sirenen nicht verkneifen, die Betonkürbisse aufs Korn zu nehmen. Klammheimlich machte ich mich mit meinem teuer erstandenen Kürbis nach hinten über den Acker. Nie im Leben würde ich mich hier noch einmal sehen lassen.

Allerdings sollte man niemals nie sagen. Ein Jahr später kamen meine Kinder und ich rein zufällig auf dem Rückweg von einer Geburtstagsfeier am Boldtschen Kürbishof vorbei. Auch wenn die Kleinen ermüdet waren, kreischten sie sofort begeistert auf, als sie die ausgestellten Kürbisse am Straßenrand erspähten. Allerdings war die Auffahrt zum Hof dieses Jahr gesperrt. Dafür war die hintere Einfahrt, über die ich letztes Jahr geflüchtet war, provisorisch ausgeschildert. Ich ermahnte meine Kinder, brav im Fahrzeug zu verweilen, während ich das verlassene Gehöft inspizierte. Die Tür zum Bauernhaus stand zwar offen, aber dahinter verweigerte eine graue Betonmasse den Weg in das Innere. Auch der Stall war offensichtlich von einem Betonlaster zugeschüttet worden. Es herrschte eine gespenstische Stille. Bis plötzlich ein Kleinwagen auf einen der Kürbisse am Straßenrand krachte und sofort zum Stillstand kam. Als ich mich der Unfallstelle näherte, bemerkte ich die vielen Blutspritzer an der zersplitterten Windschutzscheibe. Da war wohl nicht mehr viel zu machen. Ich zückte das Handy und rief die Polizei. Dann inspizierte ich den zerquetschten Kürbis genauer, der ein mit Beton im Boden versenktes, aufrecht stehendes Eisenbahngleis offenbarte. Offensichtlich hatte Bauer Boldt, der jetzt im Halbdunkel auf mich zugestürmt kam und mir seine Hand entgegenstreckte, noch einmal aufgerüstet.
„Ah, mein Stammkunde. Herzlich Willkommen.“
Mit meiner Hand umklammerte fest ich das Portemonnaie in der Gesäßtasche. Das blieb dem Bauern nicht unbemerkt.
„Keine Angst, ich mache Ihnen wie immer einen Sonderpreis. Kommen Sie nur mit. Dieses Jahr kann ich sozusagen Holsteiner Bioware anbieten. Alles ökologisch unbedenklich, das Zertifikat ist bereits auf dem Weg.“
Ohne sich weiter um den Unfall zu kümmern, führte er mich über zwei Felder zu einem Zelt, vor dem seine Frau kauerte. Sie sah übernächtigt aus und hielt mit einer Hand den Reißverschluss am Eingang des Zelts zu. Ich verstand.
„Diesmal haben Sie also die Kürbisse im Zelt gelagert?“ Die Bäuerin nickte eifrig.
„Ja, notgedrungen. Bitte kaufen Sie schnell. Ich kann den Reißverschluss kaum noch halten.“
Ihr Mann schaltete sich in das Verkaufsgespräch ein. „Eigentlich fünfzig Euro pro Stück wegen der Bio-Zertifizierung der Ware und des unmittelbar bevorstehenden Wiederaufbaus. Für Sie als Stammkunde aber nur 38,95.“
Seine Frau stöhnte auf. Offensichtlich konnte sie den Druck auf den Reißverschluss des prall mit Kürbissen gefüllten Hauszelts kaum noch aushalten. So ging ich feilschend zum Gegenangebot über. „Ich kaufe zwei Kürbisse, und für jeden gebe ich einen Zwanziger. Einverstanden?“
Während die Bäuerin dankbar nickte, zeigte sich ihr Mann stur: „Warum müssen ausgerechnet Sie als Stammkunde die Erzeugerpreise wie die Discounter drücken? Ist Ihnen denn lieber, dass die Kürbisse aus Indien eingeflogen werden? Können Sie sich vorstellen, welche Grabenkämpfe wir ökologisch denkenden Landwirte gegen die alteingesessenen Bauern an der Holsteiner Heimatfront zu bestehen haben?“
Aus Mitleid drückte ich der Bäuerin einen Fünfziger in die Hand, nahm aber nur einen der Kürbisse mit. Als ich mit meiner Beute mein Fahrzeug erreichte, bemerkte ich erst, dass die Kinder sich ängstlich auf dem Wagenboden versteckt hielten. Aber der Anblick des Prachtexemplars brachte immerhin das Leuchten in ihre Augen zurück, während ich mich auf der Heimfahrt schwarz über den gierigen Bauern ärgerte.

Im letzten Oktober hatte ich noch keine Zeit gehabt, einen Kürbis zu kaufen, weil ich beruflich stark eingebunden war. Am Abend stand aber die alljährliche Halloween-Schnitzerei bevor. Kurzfristig entschied ich mich, trotz meines Ärgers wieder den Hof von Bauer Boldt anzusteuern und ohne Umschweife einen seiner Kürbisse zu erstehen, egal zu welchem Preis. Aber das Gehöft lag verwaist vor mir und keinerlei Werbekürbisse schmückten mehr den Fahrbahnrand. Irgendwie war es ein trauriger Anblick. Sofort meldete sich das Gewissen in mir. Hätte ich nicht jeden Preis zahlen sollen, um die regionale Landwirtschaft besser zu unterstützen? War nicht jeder Preis gerechtfertigt, um das Leuchten zu Halloween in die Augen meiner Kinder zu zaubern?
Als ich auf den Hof fuhr, stoppte mich allerdings sofort eine Polizeikelle. „Aussteigen! Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte!“
Zum Glück konnte ich mich ordnungsgemäß ausweisen. Dennoch durchsuchte die Polizeistreife mein Fahrzeug gründlich. Beschwichtigend kam einer der Polizisten auf mich zu.
„Sie müssen das verstehen. Wir haben unsere holsteinische Landwirtschaftskultur zu schützen und schwarze Schafe auszusondern.“
„Ich bin kein schwarzes Schaf!“ „Nein, Sie nicht, aber der Landwirt Boldt. Sein Hof ist unlängst behördlich geschlossen worden wegen der falschen Kennzeichnung landwirtschaftlicher Produkte.“
Das fand ich verwunderlich. „Was hat der Boldt denn noch angebaut außer den Kürbissen?“
Jetzt zeigte sich der Polizist verwundert. „Wie kommen Sie denn darauf, dass der Boldt Kürbisse angebaut hat?“
Der Ordnungshüter schien mir nicht der Klügste zu sein. „Na, weil er die verkauft hat.“
„Ja, aber die Kürbisse hat er allesamt aus der Ukraine bezogen. Importiert, ohne Einfuhrsteuer zu entrichten und die Erlöse beim Finanzamt anzuzeigen. Deswegen hatten ihn alle Landwirte in der Umgebung auf dem Kieker und haben ihm das Leben zur Hölle gemacht. Hier hat jedes Jahr im Herbst ein regelrechter Kürbiskrieg geherrscht. Kein Wunder bei mehr als 400 Prozent Gewinn, aber das bekommen sie als Städter ja nicht mit.“
Wie eine Seifenblase platzte meine Illusion von der abendlichen Halloween-Schnitzerei. Was würden die Kinder sagen, wenn ich mit leeren Händen nach Hause käme? „Entschuldigen Sie. Können Sie mir irgendeinen anderen Bauern empfehlen, bei dem ich heute noch einen Kürbis kaufen kann?“
Der Polizist schaute mich verständnislos an. „Nein, dieses Jahr haben endlich alle Bauern in der Umgebung ihre Kürbisernte erstmals vollständig verkaufen können. Am besten, Sie kaufen auf die Schnelle in Kiel bei irgendeinem Discounter einen hässlichen Kürbis für einen Fünfer.“
Mein unglückliches Gesicht blieb dem Polizeibeamten nicht verborgen. „Ordnung muss sein. Ihnen einen schönen Abend noch.“
Nachdenklich machte ich mich auf den Heimweg zu meinen erwartungsfrohen Kindern. An die traurigen Augen mochte ich nicht denken. An solchen Tagen wäre für mich auch etwas weniger behördliche Ordnung schön.


Homepage des Autors: kurtgeisler.de


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