Annemieke Achterndiek erzählt:

Von Renate Folkers

„Der Testosteronspiegel sinkt, aber die Libido bleibt“, tönt es vom Nebentisch zu mir herüber. Ich wende meinen Kopf in jene Richtung. Einem älteren Herrn, der mit vier weiteren Personen an dem Tisch sitzt, kam dieser Satz über die Lippen. Die Dame neben dem Testosteronspiegel-Senkungs-Verkünder verdreht die Augen. Die andere Dame am Tisch sieht ihn an und haucht „Ach sag nur?“ Auch wenn sie die Stimme am Ende hebt, klingt die Bemerkung eher hoffnungsvoll, als dass sie eine Frage wäre. Die Herren grinsen. Sie nippen genüsslich an ihrem Sektglas, das neben einem Stückchen Champagnertorte – der Spezialität des Hauses – und einer Tasse Kaffee vor ihnen steht. „Oh mein Gott“, schießt es mir durch den Kopf, „was wird das denn?“

An manchen Tagen passieren in diesem Café wirklich spaßige Dinge. Amüsiert schmunzle ich in mich hinein und wende mich meinem dicken Notizbuch zu, in das ich mit Bleistift meine Textentwürfe schreibe. Heute werde ich mit der Rohfassung eines Beitrages für die Ausschreibung des „Kurt 2019“ beginnen. Namensgeber dieses Wettbewerbs ist Kurt Schwitters, der Verfasser des Gedichts „Anna Blume“, das im Jahr 2019 seinen 100. Geburtstag feierte. Der mit einem Preisgeld dotierte „Kurt 2019“ wird an einem Sonntag im Juni verliehen werden. Das Thema ist frei wählbar.

‚Intelligenz und Wahnsinn’ habe ich als Motto gewählt und ich hoffe, mir damit den „Kurt“ zu erobern. Informationen zu diesem Thema werden sich im Netz zuhauf finden lassen. Sicher auch, was es damit auf sich hat, dass jene so nah beieinander liegen sollen. Allerdings will es mir nicht gelingen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, weil immer noch die Botschaft des Herrn vom Nachbartisch in meinem Kopf herumspukt.

Dass mein Testosteronspiegel mit zunehmendem Alter gesunken wäre, habe ich nicht feststellen können. Dieses in meinem Körper offensichtlich in beachtlicher Menge vorhandene Hormon scheint unentwegt und erfolgreich der Information zu folgen, Barthärchen an meinem Kinn sprießen zu lassen. Das Ergebnis – das sich gelegentlich borstig, vereinzelt schwarz und auf keinen Fall im Verborgenen zeigt – ist nicht schön. Was soll das?

„Doch die Libido bleibt“, wabert es durch meinen Kopf, als würde der Mann die Worte noch einmal wiederholt haben. Habe ich über Bedeutung, Stellenwert oder Tragweite der Libido eines so alten, etwa Mitte 80-jährigen Herrn überhaupt jemals nachgedacht? Ich muss zugeben, dass ich das niemals tat.

Unauffällig schaue ich zu ihm hinüber. Doch so eindringlich ich ihn auch betrachte, es gelingt mir nicht, mir vorzustellen, dass in ihm ein Begehren oder gar Begierde vorhanden sein oder hervorgerufen werden könnte. Er wirkt kantig und schroff. Sein Blick ist wach, aber kalt. Das unentwegt zuckende rechte Auge vermittelt nervöse Unausgeglichenheit. Die buschigen, über den Brillenrand hervorstehenden Augenbrauen lassen ihn ein wenig zerrupft aussehen, während das spärlich vorhandene Haupthaar ordentlich verteilt auf dem Kopf ruht, was eine gewisse Ordnung wiederherstellt. Ich würde in diesem Mann einen Wissenschaftler oder Erfinder vermuten. Auf jeden Fall einen Akademiker. Einen Forscher vielleicht, der in seinem Berufsleben Großartiges entdeckt haben könnte. Seine Kleidung, dunkelblauer Anzug, weißes Hemd und Krawatte, unterstreichen diese Vermutung. Insgesamt wirkt der Mann spröde und unterkühlt und kann nach meinem Bauchgefühl keine Libido haben. Auf gar keinen Fall!

Während ich dieses Konstrukt ersinne, muss ich unentwegt zum Nachbartisch hinübergestarrt haben. Ich zucke wie ertappt worden zu sein zusammen, als mein Blick und der des Mannes aufeinandertreffen. Ich glaube einen Hauch von Röte auf meinen Wangen zu spüren. Mit einem flüchtigen Lächeln in seine Richtung senke ich meinen Blick. Die Libido bleibt! Tut sie nicht, nicht bei diesem Mann!

Im Grunde geht es mich nichts an, was der Herr gesagt hat und auch nicht wie er es gemeint haben könnte. Ebenso ist es nicht anständig, jemandem seine Libido abzuerkennen, nur weil man es sich nicht vorstellen kann, weil er nicht besonders sympathisch ist und zu schroff erscheint. Doch ich möchte der Sache auf den Grund gehen, eine Erklärung finden, damit ich mich endlich meinem Thema widmen kann.

Es wäre doch möglich, dass er gar nicht den Trieb der Sexualität gemeint hat. Vielleicht ist es die Freude über eine Publikation oder Entdeckung. In seiner Begeisterung könnte sich der Mann die Optimierung seiner Erfindungen vorstellen, die in der Fantasie gipfelt, dafür eines Tages den Nobelpreis verliehen zu bekommen. In diese wunderbare Fiktion fließt seine gesamte Energie, was ihm letztlich große Befriedigung verschafft. Eine dem Alter angepasste Umlenkung des Triebes, die sich mit dem Erfolg verbrüdert und vor dem Versagen schützt. Eine Libido, deren Höhepunkt die Auszeichnung mit dem Nobelpreis ist. Eine geniale Metamorphose! Meine maßgeschneiderte Ich-möchte-das-es-so-ist-Deutung. Sie macht ihn auf Anhieb ein ganzes Stück sympathischer.

Zufrieden mit diesem Resultat will ich es dabei bewenden lassen. Ich werde aufhören mit Mutmaßungen und damit, über einen Menschen zu urteilen, dem ich zuvor in meinem Leben noch nie begegnet bin und wahrscheinlich niemals wieder begegnen werde. Allerdings hat es großen Spaß gemacht, ein Fantasieprodukt zu entwerfen und ihm Leben einzuhauchen, mein frei erfundenes. Deshalb liebe ich es, in diesem Café zu sitzen und den Menschen – nicht nur – aufs Maul zu schauen. Manchmal sind Vorurteile wie Parasiten, unerfreulich und zerstörerisch. Doch in diesem Fall?

Die Herrschaften am Nebentisch haben das Thema gewechselt. Sie plaudern über Kurt Schwitters und Dadaismus. Ich horche auf. Das klingt spannend, interessant im Zusammenhang mit meinem „Kurt 2019“.

Erfreut über die Wendung schenke ich „Anna Blume“ meine Aufmerksamkeit. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich das Gedicht las, lesen musste. Damals hat es mir nicht gefallen, und ich bin neugierig, ob ich es heute – erwachsen – anders bewerte.

Beim erstmaligen Lesen erscheint mir das teilweise zusammenhanglose Aneinanderreihen von Worten bescheuert und paradox. Es liest sich, wie wenn der Verfasser, völlig durchgeknallt, provozieren will. Klar, provozieren gehört zum Dada. Das macht Dada aus! Aber ein Liebesgedicht, so unglaublich bekloppt? Ich lese es noch einmal und noch einmal. Es will mir, auch beim zweiten und dritten Mal nicht wirklich gefallen.

Wieso konnte Kurt Schwitters mit diesem Gedicht eine so große Berühmtheit erlangen, wo es doch so unfassbar wirr, durcheinander und pathetisch klingt?

Ich greife nach meinem Handy und suche auf YouTube eine gelesene Version des Gedichts. Tatsächlich verschafft mir das mehrmalige Anhören einen Zugang, ein Bild, wenn auch kein verliebtes. Vor lauter Vernarrtheit scheint der Autor jenseits der Realität. Er hüpft und springt, jubiliert und frohlockt. Doch gerade wegen dieser verwirrenden Verrücktheit vermag seine Albernheit mir hier und da ein Lächeln zu entlocken. Ein Gedicht, in dem so ganz eigenen Kurt-Schwitters-Dada-Stil, ein MERZ-Gedicht. Fernab der im Dada herrschenden Schärfe. Voll von sprudelnder Lebensfreude, Freundlichkeit und von eigensinnigem Humor. Wozu Verliebtheit imstande ist!

Nichtsdestotrotz und grundsätzlich gehe ich auf Abstand zu dieser Art Dichtkunst. Ich bin zu bieder, zu perfektionistisch, um diese Kunstrichtung zu mögen.

Die Bedienung unterbricht meine Gedanken. „Entschuldigung, ein Herr vom Nebentisch bat mich Ihnen diesen Umschlag zu überreichen.“ Sie legt ein weißes Couvert auf den Tisch. „Sind Sie sicher, dass Sie es mir geben sollen?“, frage ich erstaunt und stelle fest, dass die Herrschaften vom Nebentisch das Café verlassen haben. Neugierig greife ich nach dem Umschlag, öffne ihn. Ich entnehme eine Visitenkarte und einen Zettel mit einer handschriftlichen Mitteilung.

„Als sich unsere Blicke trafen sah ich eine flüchtige Röte über ihr Gesicht huschen. Das hat mich tief berührt. Ich würde Sie gern kennenlernen. Mögen Sie mich anrufen? Herzlichst, Ihr Kurt Schwitters.“


Zu weiteren Teilen des Schleswig-Holsteinischen Dekameron